Der Preis der Freundschaft

Fragen 8-14 Der Facebook-Börsengang gilt als die Sensation des Jahres. Aber wer kann wirklich sagen, worum es geht? 21 Antworten, damit Sie mitreden können

8. Sind Smartphones das Schicksal von Facebook?

Im Moment hat Mark Zuckerberg 488 Millionen Probleme. So viele Nutzer melden sich laut Börsen­prospekt mindestens einmal im Monat über ihr Smartphone in seinem Netzwerk an. Das sind mehr als die Hälfte aller Mitglieder. In diesem Fall verdient Facebook keinen Cent mit Werbung, die sonst seine Haupteinnahmequelle ist. Um die Lesbarkeit auf den vergleichsweise kleinen Smartphone-Bildschirmen zu verbessern, verzichtet der Konzern in seinem mobilen Angebot zurzeit noch auf Werbebanner. Da aber zu erwarten ist, dass sich die Zahl der Smart­phone-Nutzer weiter erhöht, muss Facebook schnell Strategien ent­wickeln, um die Klicks dieser Menschen zu Geld zu machen.

Ein Schritt in diese Richtung ist das kürzlich vorgestellte App- Center. Ähnlich wie in Apples App-Store sollen User hier bald kleine Programme für spezielle Zwecke kaufen können, auch für ihr Mobiltelefon. Der Clou: 30 Prozent des Umsatzes fließen direkt auf Facebooks Konto.

In den USA und Europa vergrößert sich der Marktanteil von hochwertigen Smartphones in rasantem Tempo. Will Facebook aber global erfolgreich sein, muss es sich auch in Ländern etablieren, in denen weniger leistungsfähige Handys genutzt werden.

Zuckerberg hat daher schon im Frühling 2011 Snaptu gekauft. Das Programm läuft unter allen Betriebssystemen, schont die Ressourcen des Handys und ermöglicht es, Apps selbst auf lahmen Mobiltelefonen zu benutzen.

Eine Chance ist die Ausbreitung von Handys für Facebook also, wenn es zweierlei schafft: Sich für jene öffnen, die sich kein Smartphone leisten können. Und ein Geschäftsmodell entwickeln, das Einnahmen aus mobilen Nutzern generiert, ohne sie abzuschrecken.

9. Was ändert sich für uns, wenn Facebook Aktien ausgibt?

Tja. So ein Börsengang ist eine komplizierte Sache, man muss viel kleingedrucktes Zeug lesen, wenn man durchsteigen will. Es geht dabei um Rechtsformen, Berichtspflichten, Anlegerpsychologie, solchen Kram. Für den Kunden selbst ist ein Börsengang in vielen Fällen erst einmal nur bedingt von Belang. Es wird nach wie vor Zeug verkauft, und man kauft es halt – oder nicht.

Nun ist es im Fall von Facebook aber so, dass der vermeintliche Kunde das eigentliche Produkt ist – was hier verkauft wird, sind die Daten und die Aufmerksamkeit der Profilinhaber. Und das Produkt eines an der Börse notierten Unternehmens bleibt ständigen Optimierungsversuchen unterzogen.

Eine zweite Änderung ist, dass Facebook – ein Unternehmen, das ja jahrelang nach dem Trial-and-Error-Prinzip funktioniert hat – in Zukunft wohl weniger Fehler machen darf. Fehler finden Aktienbesitzer nämlich nicht so gut, da sind sie schnell beleidigt. Konflikte wie die mit der US-Handelsaufsicht, die nach Jahren im vorigen November halbwegs ausgeräumt wurden, ziehen sofort den Aktienkurs nach unten. Und ein Mark Zuckerberg, der die Reaktion auf seine Entscheidungen täglich am Aktienkurs ablesen kann, wird wohl vorsichtiger werden.

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11. Werden Datenschützer das Unternehmen ruinieren?

Was Aussagen zum Datenschutz angeht, halten sich Facebook- Manager für gewöhnlich zurück. Der Börsengang hat sie nun allerdings zur Klarheit gezwungen: Sollten Behörden künftig bestehende Datenschutz-Standards strenger durchsetzen, könnte das den Gewinn einbrechen oder unberechenbar zum Schwanken bringen, heißt es auf den Seiten 18 und 19 des Börsenprospekts. Das eigene Geschäft an das bestehende Recht anzupassen, würde andererseits bedeuten, mit Sicherheit sofort Geld ausgeben zu müssen – schon um allen Nutzern korrekt zu antworten, die eine Selbstauskunft über die von ihnen gespeicherten Daten angefordert haben.

Allein die Online-Aktion europe-v-facebook.org mobilisierte nach eigenen Angaben mehr als 40.000 Menschen, einen solchen Antrag einzureichen. Auf eine sie befriedigende Antwort warten die meisten bis heute: Selbst nach einer Kontrolle des irischen Datenschutz­beauftragten, der in der EU für das Unternehmen zuständig ist, stelle Facebook seinen Kunden nur 39 von 84 vorhandenen Datenkategorien zum Download bereit. Und das von der irischen Behörde angesetzte Update der Datenschutzrichtlinie räume dem Unternehmen gar mehr Rechte ein. Viel hat Facebook deswegen aber nicht zu befürchten. Man vertraue darauf, dass es bald eine Lösung gebe, heißt es in einer Stellungnahme der Iren. Strafen für die Verletzung der Fristen droht die Behörde nicht an. Deswegen haben die Facebook-Kritiker nun die Mitmach-Seite our-policy.org gestartet, die das Unternehmen zu Verbesserung seiner Bestim­mungen zwingen soll.

Eine größere Gefahr für Facebook könnte das Projekt social­swarm.net des Bielefelder Datenschutzvereins Foebud sein, das am 18. Mai online gehen soll. Die Kampagne will die Entwicklung eines ebenso einfach nutz­baren wie datenschutzfreund­lichen Netzwerks vorantreiben.

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13. Was sagt der erfolgreichste Investor der Welt?

Obwohl voll des Lobes für Mark Zuckerberg, warnte Investoren- Legende Warren Buffet, 81, vergangene Woche davor, auf Börsenneulinge zu setzen. Sein Geschäftspartner Charlie Munger, 88, ging noch weiter: „Ich investiere nicht in Dinge, die ich nicht verstehe. Und Facebook will ich nicht verstehen.“

14. Was ist Freundschaft heute wert?

Das Lustige an Facebooks Börsengang ist ja, dass Beobachter damit centgenaue Antworten auf philosophische Fragen finden können: Wie wertvoll ist mein Geschmacksurteil? Was ist eine Freundschaft heute wert? Wie kostbar ist Aufmerksamkeit?

Die Antwort auf die letzte Frage zumindest lautet: 4,34 US-Dollar. So viel nimmt Facebook laut seinem Informationsvideo für Investoren pro Nutzer und Jahr mit Werbung ein. Wobei die Aufmerksamkeit eines US-Amerikaners für Anzeigen mit 9,51 Dollar pro Jahr am einträglichsten ist, die eines Europäers kommt auf 4,86 Dollar, die eines Nutzers aus dem Rest der Welt zahlt sich mit weniger als zwei Dollar aus.

Aus den Angaben des Börsenprospekts lässt sich auch ermitteln, dass der Wert einer Facebook-Freundeschaft aktuell weniger als ein Cent beträgt: Bei insgesamt 125 Milliarden Freundschaften und einem Umsatz von 1,058 Milliarden, brachte jede Freundschaft dem Unternehmen im ersten Quartal 2012 etwa 0,85 US-Cent ein.

Nimmt man wiederum die 3,2 Milliarden Kommentare und „Gefällt mir!“-Klicks pro Tag als Grundlage, vergrößerte jedes so abgegebene Urteil das Unternehmenskonto im ersten Quartal 2012 um 0,37 US-Cent.

Was wird das nächste große Ding? Und ist Facebook eigentlich böse? Die anderen Antworten finden Sie hier (Fragen 15-21) und hier (Fragen 1-8).

Texte von Detlef Gürtler, Maike Hank, Steffen Kraft, Mikael Krogerus, Klaus Raab und Sebastian Stoll

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10:35 16.05.2012

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