Der Preis des Sparens

Weltwassertag Deutschland ist ein erfolgreicher Wassersparer. Doch wie sinnvoll ist es, Dachablaufwasser aufzufangen oder Betriebswasser ins System zurückzuführen?

Der nächste Sommer mit all seinen Freuden am belebenden Nass kommt bestimmt. Gleichzeitig lebt die Befürchtung auf, mit der Klimaänderung könnten die sommerlichen Niederschläge in Deutschland zurückgehen. Glücklicherweise haben sich wassersparende Armaturen für Trinkwasser flächendeckend längst durchgesetzt. Ergänzend müssen Regenwasserversickerung und Flächenentsiegelung weiter intensiv gefördert werden. Stattdessen fördern einige Bundesländer und viele Städte die Nutzung von Dachablaufwasser mit circa 1.500 Euro pro Einfamilienhaus. Jedes Jahr werden über 50.000 Anlagen neu installiert. Sie entziehen das Regenwasser auf Kosten der zentralen Versorgung dem natürlichen Kreislauf und sorgen für faule Gerüche aus Kanalschächten von Schwemmkanalisationen. Denen fehlt es nämlich mittlerweile, etwa in Hamburg und Berlin, infolge sinkender Nachfrage nach öffentlichem Trinkwasser an Schwemmwasser. In den letzten 15 Jahren ging sie allein in Berlin um rund 40 Prozent zurück. Hinzu kommt der Wasserspareffekt aus dem Rückbau überflüssig gewordener Stadtquartiere.

Ideale Ressource

Auch in seiner Form als Trinkwasser wird Wasser, anders als Luftsauerstoff oder Nahrungsmittel, weder energetisch noch stofflich verbraucht. Als solches belastet es nach Gebrauch auch nicht die Umwelt, sondern fügt sich ihr nahtlos wieder ein. Ohne weiteres ließe es sich, mit Ausnahme des fossilen Grundwassers, als ökologisch ideale Ressource preisen, wenn nicht die ihm von uns zugefügten nicht-wässrigen Rückstände und Verschmutzungen das Bild trüben und seinen Preis erhöhen würden. Dennoch ist Trinkwasser vielen sonst ernsthaften Erdpolitikern zu rein zum Waschen, zu billig zum Trinken. In keinem anderen europäischen Land wird und wurde das Sparen von Trinkwasser als Umweltschutzmaßnahme so erfolgreich angepriesen wie in Deutschland. Und obwohl gerade der Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen verringert werden sollte, vertrinken wir statt seiner ausgerechnet das nicht erneuerbare fossile Grundwasser in Form von industriell hergestelltem Mineralwasser (vgl. Freitag 9/2006).

Was stimmt nicht an unserer Bewertung des täglichen Trinkwassers? Was sind die Folgen seiner Fehlbewertung in Mitteleuropa als knapper Rohstoff? Immerhin besteht jeder Mensch zu 60 bis 70 Prozent aus ihm. Stoffwechselbedingt entstehen dort täglich sogar 0,3 Liter Oxidationswasser. Den pro Tag umgepumpten 1.700 Litern Blutserum entziehen die Nieren zwecks Ausscheidung von Abbauprodukten nur ein bis zwei Liter. Nur dieser Anteil muss dem Körper, zusammen mit dem für Kühlungszwecke über Haut und Lunge verdunsteten Anteil, überwiegend in Form von Trinkwasser täglich erneut zugeführt werden.

Das Beispiel belegt eindrucksvoll, wie effizient (per hocheffektiver Reinigung) die Natur mit Wasser umgeht, ohne doch an ihm zu "sparen". In diesem Sinne sollten jedem Menschen optimalerweise circa 100 bis 120 Liter Wasser täglich für Zwecke der Körperpflege und häuslichen Hygiene zur Verfügung stehen. Als Mindestfluss gelten 100 Liter pro Tag und Person, darunter herrscht Mangel. Der wird in einigen Regionen Deutschlands trotz Überfluss anscheinend schon "geübt". Viel skandalöser ist allerdings, dass sich Millionen Menschen weltweit kaum einen täglichen Minimalbedarf von 10 bis 20 Liter pro Tag leisten oder beschaffen können, während oft direkt nebenan Hunderte Liter pro Person und Tag gedankenlos verschwendet werden und "verschwinden" - ganz zu schweigen von dem maßlosen virtuellen Wasserimport mit jedem eingeführten (und verzehrten) Steak oder Schnitzel. Laut UNESCO verbraucht eine Fleischportion (200 Gramm) 3.000 Liter Wasser.

Wie verschwenderisch sind die Deutschen beim Verbrauch ihres "eigenen" Wassers? Immerhin verfügen sie mit 2.080 Kubikmeter über deutlich weniger (!) Süßwasser pro Kopf und Jahr als Länder wie Syrien, Afghanistan, Portugal oder die Schweiz. Obwohl unser Land zu den Industrieländern gehört, die für ein Fünftel der Weltbevölkerung vier Fünftel aller weltweit umgesetzten Ressourcen nutzen, ist sein gesamter Wasserdurchsatz pro Kopf 25 Prozent niedriger als der weltweite Durchschnitt, ohne das (doch nur leicht erwärmte) Kühlwasser liegt der Anteil sogar nur bei einem Drittel.

Sinn und Unsinn von Minikreisläufen

Ließe sich denn weltweit all jenen vielen Menschen, deren Verbrauch hygienisch gesehen viel zu niedrig ist, durch weiteres Wassersparen in Deutschland helfen? Ließe sich dadurch unsere eigene Umweltsituation hin zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit verändern - unter Duldung des nachhaltigen Gestanks gärender Speisereste und Fäkalien aus unterirdischen Abwasserrinnsalen? An manchen Stellen hilft selbst das Spülen nicht mehr. Absaugstationen, Dichtungen und Kanaldeckel mit Ventilen und Biofiltern müssen her. Patentlösungen gibt es nicht. Wie sind vor diesem Hintergrund insbesondere die gerne als "ökologisch" gepriesenen Systeme zum Ersatz von Trinkwasser durch Dachablaufwasser und rückgeführtes "Betriebswasser" in privaten Haushalten zu bewerten?

Aus ökonomischer Sicht wird der Vorteil solcher "Trinkwasser-Sparanlagen" gerne mit verringerten Abwassergebühren begründet. Dies stimmt aber nur, wenn diese an den Trinkwasserverbrauch gekoppelt werden. Die Reinigung des "eingesparten" Abwasseranteils bezahlen dann die übrigen Verbraucher. Dies kann weder sozial, noch gerecht und schon gar nicht ökonomisch sinnvoll sein. Ursache ist der hohe, haushaltsunabhängige Anteil (80 bis 90 Prozent) der Festkosten an der Trinkwasserversorgung. Die Grundgebühr deckt hiervon lediglich circa zehn Prozent. Unsinnigerweise ist ihr Anteil gerade bei den Verbrauchsgütern Gas und Strom wesentlich höher. Solange dies so ist, subventionieren mehrköpfige Familien den wesentlich geringeren Jahresverbrauch von Einpersonenhaushalten. Bei weiter steigendem Wasserpreis könnten sie sich gezwungen sehen, ihren Trinkwasserverbrauch weit in den Mangelbereich zurückzufahren, was den Verbrauchspreis weiter nach oben triebe.

Auf diesem Wege wäre die öffentliche Trinkwasserversorgung bald grundsätzlich gefährdet und würde uns in die technisch und hygienisch unhaltbaren Zustände des vorvorigen Jahrhunderts zurückwerfen. Einwandfreies Trinkwasser, weiß man seither, ist eine für die Volksgesundheit unabdingbare Gemeinschaftsaufgabe. Das gesundheitlich und technisch produktivste Kapital der Trinkwasserversorgung sind aber nicht die privaten Endstränge, Hausinstallationen und trendige "Trinkwasser-Sparanlagen", sondern die Rohrnetze zwischen den Häusern und Ortschaften. Wenn sie so, wie es ihrem Wert entspricht, gepflegt und wasserdicht gehalten werden, bergen sie auch die bedeutendsten Einsparpotenziale für Trinkwasser, ohne es auf das Niveau teuer aufbereiteten Dachablaufwassers zu verschlechtern.

Auf Seiten der "Sparer" fallen die hohen Investitions- und Wartungskosten für die privaten Aufbereitungs- und Speicheranlagen auf. Sie können den Preis für einen einzigen Kubikmeter aufbereitetes Dachablaufwasser leicht auf jährlich bis zu 80 Euro hochtreiben. Ein Mehrwert für einen möglichen Rückbau des öffentlichen Netzes ergibt sich daraus nicht, denn es muss Zeiten geringen Niederschlags oder kurzfristigen Spitzenbedarfs (einschließlich Brandbekämpfung) mit Trinkwasser weiterhin überbrücken. Dazwischen verlängern die "Sparer" dort allerdings die Stagnationszeiten, während derer sich die Qualität des Wassers unnötig verschlechtert, es sei denn, das Versorgungsunternehmen drückte regelmäßig große Trinkwassermengen durch. Der Spareffekt wäre also zunichte, bevor er überhaupt zu messen war.

Aus gesundheitlicher Sicht ist privat vorgehaltenes (Nicht-)Trinkwasser dann, wenn die Gesamtanlage den dafür gültigen technischen Normen genügt, zwar kaum zu beanstanden. Doch wenn ihr Betreiber mit dem öffentlichen Trinkwasser auch ihre Wartungskosten einzusparen sucht, geht dies leicht zu Lasten der Allgemeinheit. Eine falsch mit dem Trinkwassernetz verbundene und defekte Anlage kann nämlich früher oder später das Trinkwasser der näheren und weiteren Umgebung auf hygienisch nicht akzeptable Weise beeinträchtigen, zum Beispiel weil Rohranschlüsse verwechselt oder die Trinkwassernachspeisung normwidrig ausgeführt werden. Dies bedeutet für die Wasserversorger "vorsorgliche Desinfektion" und erneut Qualitätsminderung für alle. Völlig zu Recht erwachsen einem (identifizierten) Eigentümer daraus erhebliche finanzielle und strafrechtliche Konsequenzen.

Gewissensberuhigung

Aus ökologischer Sicht ist die dezentrale Substitution von Trinkwasser durch Aufbereitung von Dachablaufwasser in mäßig bis dicht besiedelten Siedlungsgebieten eine kaum verzeihliche Nachhaltigkeitssünde. Sie macht eine prinzipiell unerschöpfliche Ressource durch Einsatz endlicher Rohstoffe und erheblichen Energieaufwand wesentlich teurer als nötig, während sie das Endprodukt verschlechtert. Die Aufwendungen pro Kopf und Kubikmeter sind mit denjenigen zur Erstellung zentraler Versorgungsnetze in dicht besiedelten Gebieten nicht zu vergleichen. Der zusätzliche staatliche Überwachungsaufwand, den die dezentralen Anlagen erzwingen, wäre im Gewässer- und Naturschutz besser investiert. Statt für bis zu 100 Euro pro Kubikmeter in einer "Trinkwasser-Sparanlage" lässt sich zum Beispiel jeder Kubikmeter neu gebildeten Grundwassers für lediglich 3,50 Euro pro Kubikmeter unter einer Mischwald-Aufforstung natürlich reinigen und verfügbar halten. Hierzu gehört auch die künstliche Anreicherung des Grundwassers mit anspruchsvoll gereinigtem "Abwasser". Es kostet lediglich zehn bis 50 Cent pro Kubikmeter.

Nicht zu vergessen ist das psychologisch und politisch zu wertende Moment, demzufolge jemand, der auf seinem privaten Grundstück in die Trinkwasserersparnis investiert hat, wenig Neigung verspüren dürfte, für den über sein Privatgrundstück hinausgehenden staatlichen Gewässerschutz zu bezahlen. "Trinkwasser-Sparanlagen" liefern in unseren Breiten eben keinen Beitrag zum schonenden Umgang mit Wasser, sondern nur Gewissensschonung für andere Umweltsünden.

Ganz anderer Art, nämlich nicht ethischer sondern technischer Natur ist das Trinkwasser-Qualitätsproblem in einer sich ausdünnenden, ehemals dichten Siedlungsstruktur. Hier ist das Fixkostenproblem nicht Ausfluss einer antinachhaltigen, sozial unethischen Nutzung der Ressource Wasser. Es stellt sich objektiv. Die Kapitalbindung pro Einwohner wird sich in solchen Regionen in den kommenden Jahren knapp verdoppeln. Doch selbst dann werden, wie der Forschungsverbund Networks zu bedenken gibt, "(Versorgungs)Systeme auf Insellagen und vergleichsweise dünn besiedelte Gebiete beschränkt bleiben".

Abwasser ist, trotz seines irreführenden Namens, kein Abfall. Es ist Wertstoff und Wirtschaftsgut, "schmutzig" zwar wie viele andere, die einen Nutzungsprozess hinter sich haben, aber doch fast sortenrein. In dem Maß, wie es von seinem Transportgut ("Abfall") getrennt wird, bleibt es der Ressource Wasser erhalten. Regionale oder lokale Ungleichgewichte und Mangelsituationen sind meist verschmutzungs-, nicht mengenbedingt. Wer seinen Fleischkonsum eindämmt tut wesentlich mehr für die weltweite Schonung der Ressource Wasser als durch eine private "Trinkwasser-Sparanlage" je erreicht werden könnte.

Professor Dr. Hermann Dieter ist Toxikologe beim Umweltbundesamt in Berlin.


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00:00 30.03.2007

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