Der Profi aus Tokio

Noir japonaise Fuminori Nakamura ist das Wunderkind des Japan-Krimis: „Der Dieb“ ist nun auf Deutsch erschienen
Thomas Wörtche | Ausgabe 46/2015

Nishimura ist ein virtuoser Taschendieb. Sein Revier ist Tokio, die notorisch überfüllten U-Bahnen und Züge, die schicken Einkaufspassagen und belebten Straßen. Mit Vorliebe bestiehlt er Leute, die nach Reichtum und Wohlstand aussehen. Nicht aus Prinzip, sondern weil bei denen am meisten Beute zu machen ist. Er kennt sich aus mit Markenklamotten. Er kann Menschen meisterhaft „lesen“. Sein Blick auf die Welt ist profitorientiert. Nishimura handelt zweckrational, seine bevorzugte Beute ist Bargeld, Kreditkarten sind ihm zu umständlich. Er lebt unauffällig in einer Art Plattenbau, wie überhaupt Unauffälligkeit essenziell für sein Handwerk ist.

Der 1977 geborene Autor Fuminori Nakamura hat in Japan schon über ein Dutzend Romane veröffentlicht, inzwischen kennt man ihn auch in den USA, Europa und China. Der Dieb ist sein sechstes und das erste ins Deutsche übersetzte Buch. Am Anfang sehen wir Nishimura mit seinen Augen bei der Arbeit. Wir bewundern seine Fingerfertigkeit, seine cleveren Ablenkungsmanöver, seine Einschätzung von Menschen. Das ist einmal ein kleines Exerzitium in eine bestimmte Art der Weltwahrnehmung, zum anderen fühlt man sich an Richard Sennetts Lob des Handwerks erinnert. Und das führt zu der Frage, wie ein individueller krimineller Handwerker in einer von organisierten kriminellen Strukturen arbeitsteilig fraktalisierten Welt überhaupt existieren und überleben kann. Kann er natürlich nicht. Die Yakuza – die japanische Variante von Mafia – hat diese Gesellschaft schon längst durchdrungen und zersetzt.

Ein paranoides Dasein

Ohne Yakuza geht gar nichts, schon gar nicht für verbrecherische Kleinunternehmer. Und so erscheint plötzlich der Zweckrationalismus des Diebes in einem anderen Licht. Seine Unauffälligkeit, seine Fixierung auf Bares – für alles andere bräuchte man Hehler, die ein Sicherheitsrisiko wären –, all das dient auch dazu, sich vor der Yakuza zu verstecken. Vor Jahren hatte sich Nishimura, zusammen mit seinem Mentor und Lehrmeister, nolens volens anheuern lassen, als aus politischen Gründen ein für das Gangster-Syndikat unbequem gewordener Politiker angeblich erpresst und beraubt, tatsächlich aber ermordet wurde. Der Mentor wurde danach als lästiger Zeuge beseitigt, unser Dieb aber seltsamerweise laufen gelassen. Natürlich traut er dem Frieden nicht und fristet seitdem ein paranoides Dasein. Zu Recht, denn die Vergangenheit holt ihn in Gestalt des enigmatischen und charismatischen Top-Gangsters Kizaki wieder ein. Aus einem Roman über die Kunst des Taschendiebstahls ist so ein ausgewachsener Gangster-Roman geworden, ein noir japonaise.

Diesen Schwenk inszeniert Nakamura mit explizit filmischen Mitteln. Bezog sich der Anfang in seiner ganzen emotionalen Kargheit deutlich auf Robert Bressons Klassiker Pickpocket von 1959, so übernimmt später deutlich die Ästhetik von Jean-Pierre Melville (Le Samurai) die Vorgabe von Stimmung und Atmosphäre: das kalte, bläuliche Licht der U-Bahn-Stationen, der Einkaufsmalls und der Supermärkte, in denen sich der Dieb bewegt, der mal nieselnde, mal pladdernde Regen, der die Szenerie durchzieht, die unbehausten Wohnquartiere, die Einsamkeit des Diebs. Und als Nishimura sich ein bisschen mit einem kleinen Jungen anfreundet und ihn in die Geheimnisse des effektiven Ladendiebstahls einweiht, sind leise Echos von Luc Bessons Thriller Léon – Der Profi zu vernehmen.

Spätestens an dieser Stelle könnte man darüber nachdenken, ob Nakamuras Roman ein brillant gemachtes, rückbezügliches Pastiche auf den französischen „film noir“ ist, der ja seinerseits mit Japanoiserien spielt, auch Bessons Produktion Wasabi (Regie: Gérard Krawczyk) schickt Jean Reno nach Japan.

In diesem Kontext ergibt sich dann überraschend und zusätzlich eine ganz neue, ganz andere Dimension des Romans. Kizaki, der Ober-Gangster und Strippenzieher, wird plötzlich zum Mastermind, zum Puppetmaster (die Puppenspieler- bzw. Marionettenmetapher taucht im Roman öfters auf), zum omnipotenten Manipulator aus transzendenten Gründen. Einmal erzählt er Nishimura die Geschichte eines Adligen „vor langer Zeit, als die Sklaverei in Frankreich noch weit verbreitet war“.

Dieser „hohe Adlige“, vom „ennui“ geplagt, vom dem auch seine mannigfaltigen sexuellen Ausschweifungen ihn nicht kurieren können, kauft sich einen „dreizehnjährigen schönen Jüngling“ und legt, wie in einem Drehbuch, dessen zukünftiges Leben Detail für Detail fest. Dann sorgt er dafür, dass alle diese Ereignisse eintreten – freudige Momente, Demütigungen, sogar einen Mord schreibt dieses Szenario dem jungen Mann, der inzwischen seinem Meister total ergeben ist, in die Biografie. Nachdem der Adlige dann, am Ende des grausamen Spiels, dem Jüngling das Drehbuch zu lesen gegeben hat, lässt er ihn, noch im Moment des Erkennens, ermorden und soll dabei „gezittert haben – vor Freude, in größter Verzückung“.

Ein intellektuelles Spiel

Diese Geschichte ist – evident – eine komprimierende Paraphrase vieler Episoden aus dem Gesamtwerk des Marquis de Sade. Die Selbstermächtigung des Bösen wider jede moralischen Regeln und Kategorien, die berühmte de Sade’sche Entgrenzung, die blasphemisch Gott spielt und darin sexuelle „Verzückung“ findet. Und natürlich ist die Geschichte eine Exempel-Erzählung für unseren Dieb.

Ohne das Ende vorwegnehmen zu wollen, Kizaki ist der Drehbuchautor für Nishimura. Sein Leben (und das anderer Menschen auch) ist determiniert, was er für Kontingenz oder das rationale Kalkül einer auf Profitmaximierung erpichten Gangster-Organisation hält, ist in Wahrheit die Wiederkehr des alten Entgrenzers im Designeranzug. „Die Hölle ist überall“, spricht Kizaki, „jetzt zittere ich ein wenig, ein einzigartiges Vergnügen.“

Und genau diese Wende macht den Roman, (den das Wall Street Journal als einer der 10 besten Romane des Jahres 2012 auszeichnete ...), letztendlich ein wenig prekär. Man kann, mit einiger exegetischer Biegsamkeit, den Marquis de Sade als Urahn allen noirs verstehen. Aber das organisierte Verbrechen von heute, mit den vor allem aus dem 18. Jahrhundert (verstanden als Schwellenepoche zur Moderne) stammenden Denkfiguren und in der Tradition der de Sade’schen Libertins zu interpretieren, mag zwar ein schönes intellektuelles Spiel sein. Meinethalben sogar ein provokant frivoles. Aber gleichzeitig ist diese Überhöhung ins Metaphysische auch ein unbehaglich stimmender evasiver Romantizismus.

Info

Der Dieb Fuminori Nakamura Thomas Eggenberg (Übers.), Diogenes 2015. 211 S., 22 €

Thomas Wörtche ist Deutschlands Krimikritiker No 1. Bekannt ist er aber auch für Jazz, Comics und andere Künste. Der Band Penser Polar (2015) versammelt Kolumnen, die seit 2013 im Onlinemagzin Polar Gazette erscheinen. Wörtche sagt: „Ich dekonstruiere darin lieb gewordene Vorurteile und Klischees about Kriminaliteratur.“

* Bilder der Beilage

Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York zeigt Fotografien von realen Verbrechen im New York der Nullerjahre des vergangenen Jahrtausends. Um 1900 revolutionierte die noch junge Fotografie die Aufklärung von Kriminalfällen. Die Tatortfotografie hatte zu dokumentieren, was vorgefallen war. Die Angehörigen der Opfer, Täter und die beteiligten Ermittler sind verstorben, die Akten vernichtet. Zu einigen der etwa 200 Schwarz-Weiß-Fotografien und original Zeitungsartikel finden sich noch Notizen.

Herausgeber sind der Kölner Filmproduzent und Kameramann Wilfried Kaute und Joe Bausch, der Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort. Die Autoren recherchierten die Kriminalfälle in den Archiven, schrieben die Geschichten dazu und ergänzten so die eigentümliche Dramatik der Bilder. Der Band ist bei Emons erschienen und kostet 39,95 Euro.

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06:00 16.11.2015

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