Der radikale Antiimperialist

Venezuela Vizepräsident und Außenminister Nicolás Maduro könnte der Nachfolger des schwer kranken Hugo Chávez werden und dessen sozialistisches Erbe übernehmen
Nicolás Maduro begann seine politische Karriere als Gewerkschafter
Nicolás Maduro begann seine politische Karriere als Gewerkschafter

Foto: Raul Arboleda / AFP - Getty Images

Vorerst gibt es keinen vierten Amtseid des Hugo Chávez. Der Präsident Venezuelas ist zu schwer erkrankt, als dass er eine neue Regierungszeit antreten könnte. Seit einem Monat schon wird er in Havanna behandelt. Es war kurz vor seiner Abreise Anfang Dezember, als Chávez darum bat, einer seiner Vertrauten – Vizepräsident und Außenminister Nicolás Maduro – möge gegebenenfalls seine Nachfolge antreten. Wird es, kann es einen Chavismus ohne Chávez geben? Und wer ist dieser Kandidat, der zum Testamentsvollstrecker berufen sein könnte?

An der Jose-Avalos-Highschool in El Valle, einem Arbeiterviertel am Rand von Caracas, erinnert man sich gern an den jungen Maduro. Er habe in seiner Schulzeit oft begeisternde Reden gehalten, erzählt ein Straßenhändler. Auch Grisel Rojas beschreibt ihren einstigen Mitschüler als beeindruckende Figur. „Er sprach bei Schülermeetings über Bildungsrechte und so weiter. Er trieb niemanden zu irgendwelchen Aktionen an, aber was er sagte, traf den Punkt“, erzählt Rojas, heute 50 Jahre alt und Direktorin der Schule, in die sie einst ging. Dass Maduro in seinem Charisma Chávez nicht unbedingt gleicht, gilt in Venezuelas gespaltener Gesellschaft je nach dem als Grund zur Sorge oder zur Hoffnung.

1962 als Sohn eines Gewerkschaftsführers geboren, beginnt der heute 49-Jährige seine berufliche Karriere, indem er Triebwagen der Metro durch den Untergrund von Caracas steuert. Maduro gründet eine der ersten Arbeitervertretungen und stört sich nicht daran, dass die U-Bahn-Gesellschaft jeden gewerkschaftlichen Einfluss hasst. In den neunziger Jahren dann lernt er nach und nach führende „Chávistas“ kennen und ist Mitgründer der Bewegung der V. Republik, für die Hugo Chávez 1998 als Präsidentenbewerber antritt und siegt. Während dieser Zeit begegnet Nicolás Maduro der Rechtsanwältin Cilia Flores aus dem Beraterteam, das Chávez umgibt, und heiratet sie bald darauf. Heute ist Cilia Generalstaatsanwältin der Republik Venezuela.

Keine gesetzte Größe

Als Chávez erstmals das höchste Staatsamt übernimmt, bringt das auch für Maduro einen Karriereschub. Ab 1999 sitzt er in der Verfassungsgebenden Versammlung und ist Vizepräsident der Nationalversammlung, bis er 2000 selbst den Vorsitz dieser Kammer führt. Sechs Jahre später ernennt ihn der Präsident zum Außenminister, was Maduro zeitweise nutzt, um die aufrührerische Rhetorik seines Chef in die Diplomatie zu tragen. Bei einem Lateinamerika-Gipfel 2007 wirft er der damaligen US-Außenministerin Condoleezza Rice vor, sie sei heuchlerisch und zynisch. Grausamkeiten, wie sie ihre Regierung in Guantánamo verantworten müsse, habe es seit Hitlers Zeiten nicht gegeben. Zuvor hatte Rice Hugo Chávez dafür kritisiert, einen privaten TV-Sender schließen zu wollen.

„Nicolás ist eine der stärksten und profiliertesten Gestalten unter Venezuelas Sozialisten“, meint Vladimir Villegas, der Maduro aus gemeinsamen Schulzeiten kennt und unter ihm im Außenministerium gearbeitet hat. „Man merkt an seinem Verhandlungsgeschick, dass er Gewerkschaftsführer war.“ Während viele Venezolaner in Maduro einen Volkstribun sehen, fürchten andere, er werde sich noch stärker an Kuba halten und die US-Ressentiments auf dem Subkontinent schüren. Javier Corrales, Politikprofessor am Amherst-College im US-Staat Massachusetts, sieht in Nicolás Maduro den „janusköpfigsten Charakter der Revolution“. Einerseits sei er „der antiimperialistische Radikale in Chávez‘ Sozialistischer Partei“, andererseits könne er ein Mann der leisen, versöhnenden Töne sein. „Maduro ist immerhin Urheber eines bemerkenswerten Wandels im Verhältnis zwischen Venezuela und Kolumbien.“

Trotz des Rückhalts durch Chávez ist Maduro innerhalb des Chávismus keine gesetzte Größe. In dieser Bewegung gibt es Fraktionen der Militärs, der authentischen Linken, sogar der Wirtschaft. Häufig vereint diese Gruppierungen kaum mehr als der politische Führer, den sie bald verlieren könnten. Sollte Chávez nicht mehr ins Amt zurückkehren, müsste Maduro zunächst Präsidentschaftswahlen gegen eine Opposition gewinnen, die zu erstarken scheint. Freilich besagen Hochrechnungen, gerade jetzt werde der Sympathie-Bonus für Chávez auch seinem Vizepräsidenten helfen.

Virginia Lopez ist Guardian -Autorin in Caracas Übersetzung: Carola Torti

Übersetzung Carola Torti

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