Der Rechtshaber

Porträt Alexander Gauland hat sein Leben lang jemanden zum Anlehnen gebraucht. Das wird nun für ihn zum Problem
Der Rechtshaber
Seine Haltung und viele seiner Sprüche stammen aus dem 19. Jahrhundert

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

In seiner neuen Rolle ist er nicht glücklich. Es könnte noch unglücklicher für ihn werden. Alexander Gauland war es über Jahrzehnte gewohnt, sich bei einem Stärkeren anzulehnen. Der fehlt jetzt. Oder ist nicht vorzeigbar. Und wenn man ihn benennen muss, macht das die Sache nur schlimmer. Zuletzt hatte er Angela Merkel öffentlich als Kanzler-Diktatorin bezeichnet. Als man ihm das vorhielt, bestritt er die Aussage. Als man ihm die Szene im Film vorspielte, sagte er, das Wort habe er dem AfD-Politiker Björn Höcke nachgesprochen, weil es ihm so gut gefallen habe. Er hatte sich angelehnt.

Schon Gaulands Stil zeugt von der Neigung, sich anzulehnen. Es gab eine Zeit, sie ist hundert Jahre her, da galt Anglophilie als Ausweis für die Tatsache, dass einer etwas von Politik verstehe. Gaulands Kleidung, seine Krawatten, seine Autos bezeugen eine England-Schwärmerei, wie sie Thomas Mann zu entzückenden Miniaturen veranlasst hätte. Auch etliche seiner Sprüche und die damit verbundenen Haltungen sind aus dem 19. Jahrhundert. Auch da lehnt er sich an. Das Wort vom Balkan, der nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert sei, stammt von Bismarck. Die Mahnung, Preußen müsse immer auf der Seite Russlands stehen, stammt von Wilhelm I., als der noch preußischer König war. All diese Positionen sind heute dank Gauland AfD-Politik. Auch die Äußerung über Nachbarschaft und Boateng ist nicht auf irgendeine Lebenswirklichkeit bezogen. Sie entspricht dem alten rassistischen Klischee: Wenn in einer Straße der erste Schwarze ein Haus erwirbt, verkauft bald darauf der letzte Weiße das seine. Das hat man schon hundertmal gehört. Gauland ist das egal.

Vor langer Zeit schrieb und veröffentlichte Gauland eine Reihe von Aufsätzen über englische Politiker aus besseren Epochen des Vereinigten Königreichs. Die waren sehr hübsch und erschienen verdientermaßen gesammelt im Suhrkamp Verlag. Nur waren sie samt und sonders nach dem eingängigen Muster verfasst, nach dem Ludwig Reinders sein Roman der Staatskunst. Leben und Leistungen der Lords geschrieben hatte. Das erkannte jeder Gebildete sofort. Gauland war das egal.

Für seine beachtliche Karriere in der CDU war Walter Wallmann der Politiker, an den sich der promovierte Jurist anlehnen konnte. Gauland war sensibler und gebildeter als Wallmann. Aber Wallmann war mutiger und instinktsicherer. Überraschend wurde Wallmann im damals tiefroten Frankfurt zum Oberbürgermeister gewählt. Hier galt es nun, Härte gegenüber linken Widersachern zu zeigen, aber auch gegenüber albernen Erwartungen aus den Reihen der CDU. Wallmann war nach wenigen Jahren ein beliebter Oberbürgermeister, und seine Wiederwahl erfolgte als Selbstverständlichkeit, wo nicht als Triumph. Das verdankte er zu einem guten Teil seinem Mitarbeiter Alexander Gauland. Als Jürgen Habermas 1980 den Adorno-Preis erhielt, wandte sich Wallmann in seiner Laudatio scharf dagegen, dass man die Parolen der Frankfurter Schule für den Terror der RAF verantwortlich machte, wie es damals in konservativen Kreisen gern geschah. In der Familie des Preisträgers war man gerührt, das linksliberale Frankfurt jubelte. Den Text hatte Gauland geschrieben. Mit Wallmann ging das.

Wallmann wurde Umweltminister in Bonn, Gauland baute das Ministerium auf. Wallmann wurde Ministerpräsident in Hessen, Gauland wurde sein Staatssekretär in der Staatskanzlei und allenthalben sehr geschätzt. Dann stürzte Wallmann über eine läppische Affäre, und jetzt stand Gauland da.

Er wurde aufgefangen durch die FAZ, die ihn zum Herausgeber der von ihr erworbenen Märkischen Allgemeinen machte. Damit begann für Gauland eine gute Zeit. Aber es zog ihn dann doch zurück in die Politik. Die CDU mit ihrer rheinisch-westfälischen Prägung hatte er nie von Herzen gemocht. Die CDU von Angela Merkel gefiel ihm noch weniger. Zusammen mit Gleichgesinnten wollte er in seiner alten Partei eine konservative Vereinigung etablieren, etwa nach dem Vorbild des Seeheimer Kreises in der SPD oder der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei. Doch das geht in der CDU nicht. Und der, der ihm das klarmachte, war Hermann Gröhe, ausgerechnet, denn der kam aus dem rheinisch-westfälischen Neuss.

In der AfD fand Gauland in ihrem Gründer Lucke zunächst wieder den – zumindest scheinbar – starken Mann, an den er sich anlehnen konnte. Aus der Gründungsgeschichte der AfD heraus war das kein Problem und Gauland wurde erfolgreicher Spitzenmann der Partei in Brandenburg. Doch als Lucke davongejagt wurde, stand er plötzlich in der ersten Reihe. Sich an Frauke Petry anzulehnen kam nicht in Frage. Sich Professor Meuthen aus dem Westen glatt unterzuordnen, das würden die Ostdeutschen einem ihrer Landesvorsitzenden übelnehmen. Was also tun?

In Hessen hatte Walter Wallmann kein Gespräch mit einem Journalisten geführt, ohne dass Gauland dabei gewesen wäre. Das war eine Absicherung, sollte ein Dementi nötig werden. Zum Gespräch mit den beiden FAS-Journalisten war Gauland offenbar allein erschienen. Vielleicht vertraute er naiv zu sehr den Kollegen von dem Blatt des ehemaligen Arbeitgebers. Vielleicht aber wollte er auch bei einem Hintergrundgespräch einen AfD-Mann als Zeugen nicht dabeihaben, weil der – wer weiß nicht, wo überall – Parteifreunden über das Gespräch berichten könnte. Das könnte darauf hindeuten, dass Gaulands Vertrauen in seine Partei nicht besonders groß ist.

Nicht ausgeschlossen, dass Gaulands unglückliche Auftritte in letzter Zeit mit der neuen Rolle zu tun haben. An Björn Höcke kann er sich nicht anlehnen. Aber: Man kann einem alten Hund keine neuen Tricks beibringen.

06:00 09.06.2016

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