Der Rest ist Estrich

Albanien Premier Rama muss sich eines Aufruhrs erwehren. In Kamza herrscht Ruhe
Der Rest ist Estrich
Die Stadt Kamza verfügt über ausgesprochen namhafte Boulevards

Foto: Gent Shukallu/AFP/Getty Images

Da ich kein Albanisch spreche, kann ich vom Aufstand in Albanien nur mit der Demut des unverständigen Fremden berichten. Das hier verstand ich: Demonstrationen, Boykott des Parlaments durch die Opposition, Versuch, das Büro des Ministerpräsidenten zu stürmen, Anwohnerproteste gegen den Bau dreier großer Müllverbrennungsanlagen. Und das hier war mein subjektiver Eindruck: Nicht alle sind zornig, die Regierung der Sozialisten ist relativ populär. Ein regierungsnaher Funktionär in Südalbanien tischte mir die Theorie auf, hinter dem Aufstand stecke „eine Intervention aus dem Ausland, aus Russland oder aus Serbien“.

Ich fragte mich, ob auch der albanische Dauerkonflikt um Schwarzbauten hineinspielt, die Ministerpräsident Edi Rama selektiv abreißen lässt, neuerdings mit der Kampagne „Die Gemeinde, die wir wollen“. Ausgerechnet der Künstler Edi Rama, der den lieben langen Tag wuchernde Ornamente auf Papier kritzelt, sucht Ordnung in das europäische Land mit der wildwüchsigsten Bebauung zu bringen.

Der vermöbelte Schiri

Ich fuhr in die wohl chaotischste Siedlung. Ein Fußballskandal brachte mich auf die Existenz von Kamza: Der Präsident des FC Kamza vermöbelte den Schiedsrichter, nachdem dieser in der 95. Minute einen Elfmeter für die Gegner gepfiffen hatte. Dafür wurde der Verein am 6. März zwangsversetzt, aus der „Superliga“ in die dritte Klasse. Die Schiedsrichter traten in Streik.

Kamza interessierte mich als Labor des neuen Albanien, denn seine Einwohner waren aus allen Teilen des Balkanlandes gekommen. Auf dem flachen Feld vor Tirana war nichts, als hier in den 1990er Jahren eine Großstadt für mehr als 100.000 Einwohner aufgeschlagen wurde. Viele der Bewohner kamen aus dem Norden, aus Dörfern ohne Strom und fließend Wasser – und sie kamen zu Fuß. Diese Nordalbaner gelten bis heute als roh. Sie arrangieren noch Ehen für ihre Kinder und lehnen eine Berufstätigkeit ihrer Töchter ab. Diese Hungerleider begannen damals einfach zu bauen, im besten Fall mit mündlichen oder handschriftlichen Verträgen, erst später bemühten sie sich um Legalisierung.

Neulich war die Ordnung in Kamza schon weit vorangekommen. Unzählige Lounge-Cafés, die „Delux“ oder „Covent Garden Palma“hießen. Dazu rauchende Vorstadtburschen, die in hängenden Sitzen die Seele baumeln ließen. Jenseits der „Altruistenstraße“ wurde ein Bürgersteig gebaut, mit Baumsetzlingen in der Mitte des 1,20 Meter breiten Gehwegs. Die Straßen hießen „Dubai“ oder „Manhattan“, ein aus allen Arten von Ziegeln zusammengepfuschter Wohnblock lag an der Kreuzung „Paris-Texas“. Einige Villen, vor allem aber viele Mehrparteienhäuser bestanden oft nur aus einer fertiggestellten Wohnung. Die restlichen Etagen waren Rohbau geblieben, wettergeschwärzt, oft nur aus Säulen bestehend, leer oder mit abgelegten Ziegeln. Die vielen nie bezogenen Wohnungen erklärte man mir mit einer Parabel von drei Brüdern, die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus im Jahr 1990 der Provinz entflohen waren: Sie zogen in Kamza zusammen ein Haus hoch, einer zog ein, die beiden anderen wanderten nach Griechenland oder Italien aus. Einer, der von Berufs wegen Hausbesuche machte, erzählte: „Von außen sieht man nicht alles. Sie haben große Häuser, um zu zeigen, dass sie es geschafft haben. Drinnen sind aber oft nur wenige Zimmer eingerichtet, der Rest ist Estrich.“

Das quirlige Straßenleben kulminierte am zentralen Kreisverkehr. Obstbuden auf der Straße, Läden mit Stoffen, Trainingsanzügen, Haushaltsbedarf. Ein Metzger zerhackte Fleisch auf einem Baumrumpf. Nah am Kreisel lagen das Rathaus und die katholische Kirche, das Stadion dahinter. Es wartete zugesperrt auf den Bankrott des FC Kamza, eine interessante Meinung hatte niemand dazu, viele interessierten sich nicht für Fußball.

An der Außenwand des Stadions hielten Stangen ein grünes Netz, dort wusch man für 1,50 Euro mein Auto. Der herumstehende Zusteller der angrenzenden Imbissbude war gegen Premier Edi Rama. Und obwohl der langjährige Bürgermeister der Stadt von den oppositionellen Demokraten gestellt wurde, schätzte der junge Mann Edi Ramas Anhängerschaft in Kamza auf 50 Prozent. Demonstrieren ging er nicht. Er klagte: „Auch unter den Demokraten gab es Korruption, aber die war wenigstens für alle. Die Sozialisten hingegen lassen sich nur von ausgewählten Leuten korrumpieren, das ist ungerecht.“

Überm Imbissklo

Auf dem Kreisverkehrsplatz vor Rathaus und Kirche saßen Opis aus dem Norden in abgetragenen Sakkos und legten Dominosteine. Wie viele Nordalbaner gehörten sie der katholischen Minderheit an, und weil gerade der 13. Dienstag vor dem Fest des heiligen Antonius war, lud sie der Pfarrer zu einem Empfang mit Raki und Wein. Der Pfarrer war ein junger behänder Spanier, ein Mönch des Ordens der Redemptoristen, die oft an die verlassensten Orte geschickt werden.

Pater Laureano konnte mir vieles erklären, das albanische Kataster aber begreife man „als Ausländer nie im Leben“. Er führte mich in die Kirche, die im Sozialismus das „Haus der Kultur“ gewesen war. Im ersten Stock öffnete er ein Fenster, dort hing die Wäsche vom angrenzenden Wohnblock. Ebenfalls im ersten Stock zeigte er mir einen Raum, in dem die Gewänder der Ministranten hingen. „Der analoge Raum darunter ist das Klo vom Hühnchen-Imbiss im Nachbarhaus. Wie tragen Sie das im Grundbuch ein?“

Eines verstand ich immer noch nicht: Wie konnte es Edi Rama selbst in einer Trabantenstadt voller Schwarzbauten zu einiger Beliebtheit bringen? Pater Laureano hatte eine mögliche Antwort: „Meines Wissens ließ er in Kamza keine Häuser schleifen. Er war nach den Wahlen hier und hielt direkt am Kreisverkehr ein Legalisierungs-Meeting ab. Die Leute kamen, und er gab ihnen Papiere. Das heißt, er hat ihre Häuser an Ort und Stelle legalisiert.“

06:00 17.04.2019
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