Der Schauplatz als Drama

Ohne verschluderten Berliner Dialekt Frank Castorf inszeniert Döblins "Berlin Alexanderplatz" im Berliner Palast der Republik nah am Originalschauplatz, aber weit weg vom Roman

Es geht nicht auf, kann auf der Bühne auch nicht aufgehen: Die Unterwerfung eines der großen deutschen Romane des 20. Jahrhunderts unter die dramaturgischen Gesetze der Bühne. "Es ist freilich eine verführerische Sache", so Goethe zu Eckermann über solche Bearbeitungen, "wenn ein Stück im Lesen auf uns große Wirkung macht, so denken wir, es müßte auch von der Bühne herunter so tun, und wir bilden uns ein, wir könnten mit weniger Mühe dazu gelangen. Allein es ist ein eigenes Ding. Ein Stück, das nicht ursprünglich mit Absicht und Geschick des Dichters für die Bretter geschrieben ist, geht auch nicht hinauf, und wie man auch damit verfährt, es wird immer etwas Ungehöriges und Widerstrebendes behalten."

Allerdings hat Frank Castorf diesmal für seinen nunmehr siebenten Bearbeitungs-Versuch (Bulgakow, Houellebecq und vier Dostojewski-Romane) eine großartige Vorgabe: Den Schauplatz. Nicht nur liegt der in unmittelbarer Nachbarschaft des real existierenden Alexanderplatzes (wo eine der kalt-grauen Fassaden heute Döblin-Texte trägt) und den Spielplätzen des Romans, den Straßen, in denen Franz Biberkopf sein großstädtisches Zuhause und seinen Kiez hat, sondern der Palast der zusammengebrochenen Republik bildet auch atmosphärisch mit seiner zum Skelett herabgewirtschafteten Kulisse der Schäbigkeit eine überwältigende Metapher verrotteter Gesellschaft. Auch stellt er ein geradezu natürliches Ambiente dar für die kriminelle Halbwelt der Großstadt - mitten in der Hauptstadt, direkt unter ihrer glänzenden Oberfläche.

Aber natürlich ist ein noch so faszinierender und suggestiver Schauplatz nicht abendfüllend. Schon gar nicht fast fünf Stunden lang - eine Länge, die man diesem Epos von Weltroman allerdings zubilligen muss, wenn man die Prämisse seiner Dramatisierung akzeptiert. Schwer zu sagen, wie viele aus dem Publikum den Roman mehr als nur dem Namen nach kennen und sich von der Bühne gewissermaßen eine aufbereitete Kurzfassung zum Stopfen einer Bildungslücke versprechen. Sie werden hier mit Castorf und Volksbühnenästhetik satt bedient (einschließlich des offenbar unvermeidlichen Bewurfes mit Bühnendreck - in diesem Falle Konfetti), aber nur äußerlich und oberflächlich mit Döblins Meisterwerk.

Die Inszenierung von Oberfläche ist die notwendige Folge einer Reduktion des Romans auf szenische Handlung und Dialog. Die eigentliche Größe, die Monumentalität, die den Erzählstoff transzendierende zeitlose Dimension dieser zugleich zeitlich und atmosphärisch präzise auf das Jahr 1928 festgelegten Geschichte eines einfachen Mannes im Netzwerk großstädtischer Überlebensstrategien wird dort deutlich, wo der Autor-Erzähler ihren Handlungstext kommentiert, indem er ihn in den Zusammenhang von Weltinterpretation durch Weltliteratur stellt. Da ist an erster Stelle dessen biblische Grundierung zu nennen, vor allem die ständigen Verweise auf die Leidensgeschichte des Hiob. Die herzzerreißende Geschichte des Franz Biberkopf ist auch eine Erlösungsgeschichte, das Buch ein religiös inspirierter Erlösungsroman, der seine Kraft aber gerade daraus bezieht, fest an die brutale und zugleich sentimentale Lebenswirklichkeit der kleinen Leute geknüpft zu sein. Da stimmt jeder Dialog und jeder Ton - und bedarf doch, um zum Klingen zu kommen, des Bezugs auf die Transzendenz. Auf der Bühne ist davon nichts zu hören - nur dem am Schluss auftretenden Tod gewährt Castorf eine kurze anschauliche Präsenz der Spiritualität, der leichtfüßig-ironisch und doch zugleich mitfühlend etwas vom Gleichnishaften des Biberkopfschen Leidensweges ahnen lässt.

Gestrichen, in jeder Bedeutung des Wortes, sind alle bedeutungsschwer eingestreuten Verweise auf den möglicherweise wichtigsten Bezugsrahmen dieses Epos: Auf die Orestie des Aischylos und die griechische Tragödie im Allgemeinen. Biberkopf ist ein blinder, ein unreflexiver, mit seinem rührend anmutenden, selbstsicheren Optimismus ein Mann der Hybris - eben jener herausfordernden Eigenschaft, die die Götter bestrafen. Döblin wollte die Geschichte seines Helden, der eben kein Held, sondern ein normaler kleiner Mann aus dem Volke ist, mit diesem auf die Anfänge europäischen Menschenbildes verweisenden Erkenntnisschlüssel erklären: Aufstieg, Glück, Selbstüberschätzung, Absturz und Unglück - das geschieht dem Franz mehrfach durch immer mächtigere Schläge mit dem großen "Hammer", nur versteht er es nicht, lernt nichts, bleibt blind. "Es hat nichts genutzt. Es hat noch immer nichts genutzt. Franz Biberkopf hat den Hammerschlag erhalten, er weiß, daß er verloren ist, er weiß noch immer nicht, warum." Erst am Schluss wird der Tod es ihm erklären.

Dem Leser des Buches wird das Mitleben und Mitleiden zur Reise der eigenen Bewusstwerdung, denn auch für ihn wird erst dieses Ende die Klarheit bringen - nicht aber dem Theaterpublikum. Dem hat man alle diese Tiefendimensionen weggeschnitten, weshalb es passiv und geradezu leidenschaftslos-geduldig zuschaut.

Was wir zu sehen bekommen, ist eine langgezogene Bühne mit einem Bretterzaun und einer Bar in der Mitte, an beiden Seiten begrenzt von Wohncontainern und das Ganze im Dauerflackern roter Leuchtreklamebirnen - die Schäbigkeit einer heutigen Baustelle, wie sie fast deckungsgleich vor dem Palast der Republik zu sehen ist. Davor ein endlos langer Laufsteg, auf dem ständig hin- und hergerannt wird, und vor diesem zwischen Publikum und ebenerdiger Bühne eine nasse Straße - da rast dann gelegentlich auch ein echtes Gangsterauto vorbei. Vor allem aber wird da viel geschrieen, wozu nicht zuletzt der überdimensionale Raum zu verführen scheint: Geschrieen ist vielleicht noch zu milde gesagt, es wird gebrüllt, ständig gebrüllt, halb- bis unverständlich, aber eben laut, was wohl auf große Leidenschaft schließen lassen soll. Und doch lässt das Geschrei je lauter desto kälter bis an die Grenze der Erträglichkeit und des Peinlichen und geht auf Kosten des Textes und der Figuren, die dadurch fast durchgängig auf Brutalo-Niveau reduziert werden und denen, vor allem den Frauen, ihre im Straßenjargon verborgene Menschlichkeit genommen wird. Denn weggeschnitten ist auch das wohl wichtigste Ingredienz des Döblinschen Romans: Der verschluderte Berliner Dialekt, der gerade das proletarische Benehmen dieser Menschen so genuin macht und psychologisch rechtfertigt. Geblieben ist ein neutrales Bühnendeutsch zu nicht-enden-wollenden Prügeleien, Vergewaltigungen, sich auf dem Boden wälzen etc., mit ständig süßlicher Hintergrundmusik aus dem Elektronikreservoir und gelegentlichen englischen Songs, die der ganz anderen psychosozialen Atmosphäre, in der dieser Menschenschlag hatte gedeihen können, definitiv den Garaus und Biberkopf zum Anachronismus macht. Er stimmt nicht mehr - trotz der enormen schauspielerischen, physischen und sprachlichen Anstrengungen von Max Hopp, der dafür zurecht am Schluss besonderen Applaus erhält.

Nur eine Figur wird durch ihren Dialekt charakterisiert - den schweizerischen, der unverständlicherweise damit ausgerechnet die Figur ersetzt, die in der Geschichte des Franz Biberkopf eine wiederum bis ins Biblische reichende Bedeutung hat: die des Ostjuden im Scheunenviertel. Aktualisierende Anspielungen auf die Russen-Mafia machen da nichts besser. Nur einen Moment gibt es, der kathartisches Mitleid mit Biberkopf auszulösen in der Lage ist: Der stumme Schluss, wenn er die ermordete Mieze in Pietà-Stellung auf seinem Schoß hält und sie dann auf der Schulter ins Dunkle hinausträgt.

Warum Castorf die Möglichkeit verschenkt hat, wenigstens dem ganz unsystematisch und fast willkürlich verwendeten elektronischen Schriftband die Funktion des kommentierenden Autors zu geben, bleibt sein Geheimnis. Es enthielt wenigstens die Chance, das am Eigenlärm und Aktionismus immer wieder erstickende Bühnengeschehen wenigstens ansatzweise auf die Höhe des Romans zu erheben. Aber ein Gewinn kann doch bleiben: Auf dem Büchertisch neben den Pausenbrötchen finden sich verschiedene preiswerte Ausgaben von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Man wird es nicht wieder aus der Hand legen können - und verdankt das diesem von "Spielzeit Europa" gefeierten theatralischen Großereignis.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 24.06.2005

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare