Der Schmerz

Ein unsagbarer Schmerz reißt ihn diesen Morgen wach. Er schluckt. Wie viele Schmerzen mag es geben? Von denen er erst wissen kann, wenn er sie spürt? ...

Ein unsagbarer Schmerz reißt ihn diesen Morgen wach. Er schluckt. Wie viele Schmerzen mag es geben? Von denen er erst wissen kann, wenn er sie spürt?

Es zieht ihn zu ihr hin, in ihre Achselhöhlen hinein. Doch das, wodurch sie ausgelöst wurden, drängt ihn von ihr weg. In die Matratze hineingedrückt ist er unfähig, die Flucht zu ergreifen. Es wird ihm heiß unter der Decke und so schiebt er vorsichtig ein Bein über den Bettrand. Er betrachtet seine Zehen, die ihm zuwinken.

Da spürt er ihre Hand auf der Hüfte, die sich auf die Innenseite seiner Schenkel zu bewegt, griffig wird und dazu übergeht, ihn auf ihre Seite zu drehen, um so ihren Schlaf mit seinem Körper zu umschalen.

Bevor ihr das gelingt, nimmt er ihren Arm, führt ihn über seine Achsel bis unters Kinn, um sein Gesicht in ihrer Hand zu bergen. Sie stößt einen leichten Schrei aus. Dreht sich zu ihm um und greift sich eine Bauchfalte, die sie jetzt festhält, so festhält, dass seiner Haut das Blut entweicht. Langsam, dass sie es nicht merkt, zieht er seine Haut aus ihrem Griff. Sie legt ein Bein über die seinen, er spürt die Schamlippen auf seiner Hüfte. Doch nur kurz. Ein Knackton entfährt ihrer Wirbelsäule. Sie nimmt ihr Bein zurück und schiebt es angewinkelt zwischen seine Beine. Nach kurzer Zeit spürt er ein Kribbeln im Fuß. Er befreit sich aus der Umschlingung. Springt auf und knickt mit dem eingeschlafenen Fuß auf dem Teppichboden ein. Er hüpft mit einem Bein durchs Zimmer. Fröstelnd wirft er den Blick auf sie zurück. In ihr weiches, vom Schlaf verschwitztes Haar.

Er hat den Drang, mit dem Mund über die weichen Härchen am Haaransatz zu gleiten. Mit der Zunge über ihr Ohr zu streichen und auf ihrem leicht geöffneten Mund zu landen. Ohne zu erwachen würden ihre Lippen seinen Mund begreifen und ihn aufnehmen; sie würde in sein Haar fassen, den Kopf zu sich heranziehen; sie würde die Augen einen Spalt öffnen, bis sie die seinen erblickt, um sie dann für sie beide zu schließen.

Er wird all das nicht mehr machen können, was er bisher tat.

Denn nicht mehr wird er vergessen können, was ihn an diesem Morgen so jählings aus dem Schlaf gerissen hat. Der Schmerz: sich verliebt zu haben.

"Was ist los, ", sagt sie und dreht sich auf die andere Seite; Rücken und Hinterkopf liegen vor ihm. Jeder Blick, den er auf sie wirft, wirft ihm ein Ereignis zurück. Auf ein längeres Verharren kommt eine Massenbewegung von Ereignissen. Er weiß, dass er allein für ihren Hinterkopf zum Sterben bereit ist. Das, was ihn bisher zusammenhielt, scheint sich unter dem Einfluss einer Fliehkraft voneinander zu lösen und einzeln in ihre Richtung davonzudriften.

Er ist verliebt. Und er wird mit ihr und an ihrer Seite den Schlaf nicht mehr finden. Verliebt sein, und einsam durch die Straßen ziehen. Verlassene Gegenden bevorzugen. Den Cafés, die gerade erst ihre Tische im Freien aufgestellt haben, aus dem Weg gehen. Um die Frühlingsfeuerwerke an den Wochenenden wird er herumschleichen, und alle hundert Meter wird eine fallengelassene Zigarettenkippe seine verschlungenen Wege nachzeichnen. Verliebt sein. Unausgeschlafen die Wohnung verlassen, drei Stufen gleichzeitig nehmen und im Parterre mit dem Kopf gegen den Stromkasten knallen.

Er wird das Geld im Automaten stecken lassen und zum Frühstück Kamillentee trinken. Tausendmal am Tag sich entschuldigen für tausend Unachtsamkeiten und beim "Entschuldigen Sie" an ›ich bin verliebt, also krank‹ denken. Er wird die Sicherheit haben, die Welt aus den Angeln zu heben und nicht bemerken, dass er auf einem Seil tanzt, das zwischen Erde und Mond gespannt ist.

Seine Zehenspitzen ziehen Kreise auf dem Teppichboden.

Dann geht er ins Bett zurück.

Margareth Obexer, geboren 1970 in Südtirol (Italien), ist Autorin von Theaterstücken, Hörspielen und Prosa. Unter anderem schrieb sie Die Liebenden, Von Kopf bis Fuß, Hidden See. Margareth Obexer lebt in Berlin.


00:00 30.04.2004

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