Der Spion liebt mich

Roboter Ein Bus fährt durchs Land, um Schüler für Künstliche Intelligenz zu sensibilisieren
Der Spion liebt mich
Werden Computer je ermessen können, wie schön es ist, im alten VW-Bus rumzugondeln?

Fotos: Nikolas Becker

"Jeg snakker litt Norsk“ tippte ich in meine Tastatur, als ich mal für eine Weile in Oslo lebte. „Ich spreche ein bisschen Norwegisch.“ Der Avatar auf dem Bildschirm reagierte, stellte Rückfragen und lachte nicht über meine, oftmals phrasenhaften, Antworten. Ich war ihm damals dankbar für seine Geduld.

Diese Künstliche Intelligenz (KI) brachte mir die ersten Sätze der Landessprache oben im Norden bei. Mehr als ein Jahr später sitze ich im Kulturzentrum freiLand in einem Workshop in Potsdam und berichte von meinen Erfahrungen. Der Workshop heißt „Chatbot“.

Andrea Knaut, eine der so genannnten „InfonautInnen“, hat die im Stuhlkreis sitzenden Schüler der Dietrich Bonhoeffer Schule darum gebeten, von ihren Erlebnissen mit elektronischen Dialogsystemen zu erzählen. Knaut hat in Informatik promoviert, auch mal Philosophie studiert. Mittlerweile ist die 41-Jährige Projektleiterin beim „Turing-Bus“, einer Aktion der Gesellschaft für Informatik (GI) und der Open Knowledge Foundation (OKF). Man wolle KI in Workshops und Diskussionen „entzaubern“ und Schüler aus dem ländlichen Raum an das Thema heranführen. Mobile Bildung also. Benannt ist das Projekt nach Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich zur Entschlüsselung des Enigma-Codes der deutschen Wehrmacht beitrug – und der durch Ian McEwans neuen Roman Maschinen wie ich gerade wieder populär wird. Der Turing-Bus wird vom „Wissenschaftsjahr“ gefördert, in diesem Jahr ist „Künstliche Intelligenz“ das Thema.

Tai-Chi mit Robbie

Andrea Knaut möchte zusammen mit den Jugendlichen eigene Chatbots programmieren; ganz basal mit selbst ausgedachten Fragen und Antworten. Doch vorher fragt sie noch in die Runde, wer hier Siri oder Alexa benutze, die Sprachassistenten von Apple oder Amazon; einige heben die Hand.

„Ausspioniert!“ ruft ihnen ein leicht viril auftretender Klassenkamerad zu, die Berufsschüler sind zwischen 15 und 19 Jahre alt. Sie sind angehende Sozialassistenten, junge Menschen ohne Abitur auf dem Weg zur Erzieherausbildung oder Heilerziehungspflege. Sie sind aus der brandenburgischen Kleinstadt Teltow nach Potsdam gefahren, weil sie Nachhilfe in Sachen „KI“ brauchen, einem Thema, das sich auf dem Lehrplan der Schule nicht mehr wiederfindet, wie Lehrerin Susanne Neumann beklagt. „Uns wurde der Informatikunterricht gestrichen“, sagt sie, „dann müssen wir uns außerschulisch Menschen mit Expertise suchen.“

Denn die Automatisierung der Gesellschaft wird auch die Sektoren Erziehung und Pflege durchdringen. China macht es vor: Dort werden bereits im Kindergarten Roboter mit pädagogischen Tätigkeiten betraut. Und während Maschinen einen immer größeren Teil unserer Realität kontrollieren, ist für viele sogar das eigene Smartphone eine mit Knöpfen und Touchscreen überzogene Blackbox. So geht es auch der Schülerin Lucie Wagner. Sie wisse überhaupt nicht, „was passiert, wenn ich da etwas eintippe“, sagt die angehende Sozialassistentin. Aus diesem Grund sind „InfonautInnen“ wie Andrea Knaut hier, wie sie die Dozierenden beim Turing-Bus nennen.

Den Initiatoren gehe es darum, junge Menschen zu digitaler Mündigkeit zu erziehen, „wir wollen kritische Geister fördern“, sagt Bela Seeger. Man solle lernen, mit Begriffen wie Maschinenlernen und KI differenziert umzugehen. Der 32-Jährige ist Techniksoziologe, eine Unterdisziplin der Soziologie, die die soziale Dynamik technischer Entwicklung ins Blickfeld nimmt. Er trägt eine Hipsterbrille, kommt schnell mit Leuten ins Gespräch, lacht viel. Der Turing-Bus ist bereits sein zweites Projekt bei der Stiftung (OKF). Raus aus der Entmündigung hin zur digitalen Selbstverteidigung führe auch der „Turing-Test“, erklärt er. Alan Turing hat ihn sich im Jahr 1950 ausgedacht, um herauszufinden, ob Computer die gleiche Denkfähigkeit besitzen wie Menschen.

Wird die Klasse menschliche Intelligenz von maschineller unterscheiden können? Zwei Schüler in dem Stuhlkreis melden sich freiwillig, die Protagonisten zu spielen, sie sollen in verschiedene Rollen schlüpfen. Ein Mädchen, das lässig auf einem Kaugummi herumkaut, bekommt die Rolle des Menschen zugeteilt. Ein Junge soll fingieren, ein Roboter zu sein. Und das funktioniert so: Andrea Knaut teilt einen Fragenkatalog aus, das Mädchen darf völlig frei darauf antworten, der andere folgt einem vorgefertigten Skript. Die Schüler sollen nun raten, wer von beiden spontan die Fragen beantwortet und wer stur einem, zugegeben sehr analogen, Algorithmus folgt. Von der Rollenzuteilung darf die Klasse nichts mitbekommen, auch die Antworten werden nur durch einen Boten übermittelt, während die beiden Befragten draußen vor der Tür stehen. Werden sie den Unterschied bemerken?

Lehrerin Susanne Neumann will ihre Schüler für einen „bewussten Umgang“ mit digitalen Medien sensibilisieren. Vermutlich keine schlechte Idee angesichts der Tatsache, dass diese später in Kindertagesstätten und Altersheimen arbeiten werden, also an neuralgischen Punkten des digitalen Wandels. Bei den Roboter-Aktionstagen im Deutschen Museum in Bonn waren Anfang des Jahres die beiden Pflegeroboter „Paula“ und „Robbie“ die Helden – sie hören zu, spielen Memory, mit den Heimbewohnern, singen Schlager-Lieder oder machen mit ihnen Tai-Chi-Übungen. Auch wenn sie Menschen nicht ersetzen, können sie gegen Einsamkeit helfen.

Auf Gefahren, die diese Automatisierung mit sich bringt, weist der Universalhistoriker Yuval Noah Harari hin. In seinem aktuellen Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (2018) warnt er vor der „banalen Apokalypse durch Mausklicks“. Soll heißen: Die Wahrscheinlichkeit einer Roboterrebellion wie im Science-Fiction-Thriller mag zwar gering sein, doch die jüngsten Wahlmanipulationen seien ein Vorgeschmack auf die „Horden von Bots, die besser als unsere Mütter wissen, welche emotionalen Knöpfe sie bei uns drücken müssen“, schreibt der Israeli.

„Boah, Burger!“

Wenn wir viel in die Erforschung von Künstlicher Intelligenz investieren, dabei aber die Exploration des menschlichen Bewusstseins weitestgehend vernachlässigen, könne eine elaborierte KI dazu tendieren, „die natürliche Dummheit von Menschen zu verstärken“, so sieht es Harari. Am Ende könnten Algorithmen in Zukunft Menschen besser verstehen als sie sich selbst.

In aufklärerischer Mission sehen sich hingegen die Leute vom Turing-Bus. „Digitale Mündigkeit bedeutet über Technologie nachzudenken“, sagt Bela Seeger und: „Dann kann man sie wiederum für die Gesellschaft einsetzen.“

Der Chatbot-Workshop ist nicht der einzige, der an diesem Tag im Rahmen des Projekts angeboten wird. In einem anderen Raum werden LED-Leuchten mit selbst programmierter Hardware zum Blinken gebracht. Zu Beginn, so erzählt es Seeger, sind sie noch mit einem Van von Schule zu Schule gefahren und haben den Klassen die Themen nähergebracht, letztes Jahr ging es im Rahmen des Wissenschaftsjahrs 2018 um die „Arbeitswelten der Zukunft“. Heute suchen sie sich vermehrt Orte wie das freiLand und laden die Jugendlichen dorthin ein, der namensstiftende Bus dient am Ende des Tages nur noch als Kulisse für das Abschlussfoto.

Auch die Schüler der Dietrich Bonhoeffer Schule aus Teltow werden am Ende des Tages vor ihm posieren. Viele von ihnen kämen aus bildungsfernen Haushalten, sagt Susanne Neumann.

Sie hat selbst auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur gemacht, kann sich in die Biografien ihrer Schüler hineinversetzen. Trotzdem sei es ein Gewinn, wenn die Schüler nicht nur von ihren Lehrern in den Klassenräumen unterrichtet würden, sondern auch an „außerschulischen Lernorten“. Zurück zum Turing-Test: Bei der dritten Frage ist klar, wer wer ist. Sie lautet „Was isst du gerne?“– „Boah Burger!“ Als der Bote die Nachricht des Mädchen, das den Menschen spielt, überbringt, bricht Gelächter aus. Wen interessiert jetzt noch, wie der Junge, also ein Roboter, auf die Frage reagiert hat? „Boah Burger!“ ist so eine typisch menschliche Antwort, das Rätsel ist gelöst!

Laut Turing-Test hat eine Maschine menschliche Intelligenz, wenn sie in einem Gespräch nicht als solche dekuvriert wird. Allein, hier ist es eigentlich andersherum und das Kaugummi kauende Mädchen wird durch ihre saloppe Ausdrucksweise als menschlich enttarnt. Aber könnte ein Roboter nicht so programmiert werden, dass er unsere inhärenten Eigenschaften adoptiert? Und was ist eigentlich mit Emotionen? Infonautin Andrea Knaut regt dazu an, skeptischer zu sein, auch wenn die Klasse dieses Mal richtig gelegen habe.

„Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt“, heißt es im Buch Maschinen wie ich. „Es hätte anders kommen können“.

Lucie Wagner hofft, dass die Automatisierung nicht zu massenhaften Entlassungen führen wird. Die Schülerin kennt den Rationalisierungsdruck in der Pflegebranche, vor ihrer Ausbildung zur Sozialassistentin hat sie da schon Erfahrungen gesammelt. Und wenn KI echte Arbeitskräfte mehr und mehr ersetze, so meint die Zwanzigjährige, laste auf den Schultern der Übriggebliebenen eine umso größere Last, sobald mal eine der Maschinen den Geist aufgebe. Sie hat auch gleich noch ein Beispiel aus der analogen Welt parat: Wenn ein Lifter kaputtginge, müsse man die Heimbewohner ja auch mit eigener Kraft aus dem Bett hieven. Wenn dann alle anderen wegrationalisiert wurden, „steht man als Pfleger doof da.“

Der Historiker Harari geht noch weiter: Wenn eines Tages alle Menschen von Algorithmen aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wurden, könnte sich der Reichtum bei einer winzigen Elite konzentrieren, „welche die besonders leistungsfähigen Algorithmen besitzt“, schreibt er in Homo Deus (2017). Maschinelles Lernen sei ein echter Game Changer, lauter neue Spielregeln enstehen. Der Turing-Bus will sie erklären.

06:00 09.07.2019

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community