Markus Metz, Georg Seeßlen
Ausgabe 1414 | 02.04.2014 | 11:50 3

Der Super-Oberammergau

Kino Darren Aronofskys „Noah“-Film ist Teil eines neuen Booms des Bibelschinkens. Da wirken merkwürdige Allianzen

Ein Blick in die Startlisten dieses Kinojahres lässt die Rückkehr eines Genres erahnen, auf das vor einigen Jahren niemand einen Pfifferling gegeben hätte. In den Glanzzeiten nannte man das „Monumentalfilm“, „Bibelschinken“, „Sandalenfilm“ oder, aus dem Italienischen, „neomythologisches Kino“. Schon immer waren die Filme mit antiken, biblischen oder frühmittelalterlichen Stoffen ein schönes Konglomerat zur Befriedigung der Schaulust gewesen: eine Leistungsschau der analogen Filmtechnik, in den prunkvollen Architekturen, der Rekonstruktion alter Waffentechnik, in der logistischen Meisterleistung der Führung von Statistenheeren, in exotischen Kostümen; eine Rückbindung an Gründungsmythen und kulturelle Codes, die Verbindung von Religion, Moral und Ideologie; und schließlich eine saftige Exploitation, wie beim Cecil B. DeMille der Stummfilmzeit, der seine antiken und biblischen Frauengestalten vorzugsweise in marmornen Bädern und mit leicht bekleideten Sklavinnen zum Handtuchhalten präsentierte und mit Die Zehn Gebote (1923) Produktionsmaßstäbe setzte. 1956 drehte er das Remake, mit dem die neue Welle der Bibelverfilmungen ins Rollen kam.

Religiotainment

Der Monumentalfilm der fünfziger und sechziger Jahre war vor allem eine Produktionslinie im Wettbewerb mit dem aufstrebenden Konkurrenzmedium Fernsehen. Das Versprechen, etwas zu bieten, was man so gewiss nicht auf der Mattscheibe zu sehen bekäme, verband sich mit den Motiven, die für den angezielten Markt nun mainstreamfähig waren. Mittlerweile sieht die Sache anders aus: Die Medien sind vom Konzept der Konkurrenz zu einem des Verbunds übergegangen, und an die Stelle der Studios sind die multimedialen und multinationalen Konzerne getreten. Die Renaissance des Kostümfilms aus der Vormoderne, so zwischen Antike und Hochmittelalter, ist also keine reine Angelegenheit des Kinos – es ist vielmehr eine multimediale Welle aus Fernsehen (Game of Thrones, Spartacus, Rome), aus Comics (300 von Frank Miller, Herakles und Odysseus von Joann Sfar oder gar eine Produktlinie der „lustigen Taschenbücher“ von Disney) und aus dem Computerspiel (Travian, Kapi Regnum). Kit Harington etwa wandert von Game of Thrones (TV) zu Pompeii (Kino) hinüber, um Fandom mitzuziehen.

Aber nicht nur in der horizontalen Dimension haben sich die Verhältnisse seit den sechziger Jahren verändert. Die Monumentalschinken von Ben Hur bis John Hustons Die Bibel (der grandiose Flop, mit dem die Welle nach der ökonomischen Katastrophe von Cleopatra endgültig endete) richteten sich an einen überschaubaren Markt, der sich irgendwo zwischen der protestantischen Bigotterie des amerikanischen Bible Belt und der katholischen Prachtentfaltung des lateinischen Südens formierte. Man bezwang die eine Seite mit den Mitteln der anderen: Barocke Bilderpracht für Protestanten, Texttreue für die Katholiken. Ein gutes Jahrzehnt lang entstand ein cineastisches Super-Oberammergau, das protestantische, katholische, bildungsbürgerliche und popkulturelle Elemente miteinander verband. Sowas brachte damals nur das Kino fertig.

Der Weltmarkt der Bilder und Mythen sieht heute anders aus. Er arbeitet in zwei Richtungen: Das eine ist die Auflösung der mehr oder weniger „abendländischen“, mehr oder weniger „christlichen“ Narrative in einer globalen Sprache der Bildererzählung aus Comic, Computereffekt und Film. Das andere ist eine gezielte Ansteuerung eines wachsenden christlich-fundamentalistischen Medienmarktes, insbesondere der evangelikalen Organisationen, die einen besonderen Bedarf an „Religiotainment“ im Allgemeinen haben, eine Abneigung gegen liberale und moderne Stoffe insbesondere.

Einerseits also eine so große Inklusion der globalen Bilderkultur wie bei den avisierten Weltmärkten für Filme wie Pompeii (Ende Februar gestartet) oder Noah, deren Narrative so allgemein gehalten sind, dass sie weder als „abendländisch“ noch als „christlich“ interpretiert werden müssen – das eine eine Teenager-Liebesgeschichte, komplett mit Katastrophen-Orgie, Titanic in der Antike, das andere eine bildmächtige Fabel über einen Knackpunkt des Menschwerdens und -bleibens, komplett mit sechsarmigen Engeln und einem Noah (Russell Crowe), der sich bei all den Schwierigkeiten verständlicherweise auch mal einen hinter die Binde kippt.

Gottes Liebe

Andererseits aber eine durchaus fundamentalistische Exklusion, wie sie einem imperialen und einem fundamentalistischen (evangelikalen) Weltbild entspricht. Diese Filme handeln nicht nur von Kampfansagen, es sind auch welche. Als Beispiele lassen sich auf der einen Seite die 300-Adaptionen der Graphic Novels von Frank Miller ansehen, die in ihrer Mischung aus Realfilm, Animation und Computereffekten eine neue Semantik des Genres begründen. In ihnen geht es, im ersten Teil noch mehr vielleicht als im Sequel 300 – Rise of an Empire, das, Anfang März auch hierzulande gestartet, gerade seinen Kino-Vermarktungszyklus hinter sich bringt, um die Rekonstruktion ur-militaristischer und ur-imperialer „Werte“: Heroische Männerkörper im Widerstand gegen die barbarischen und „dekadenten“ Horden (geführt von einem queeren Monster und einer rachsüchtigen Frau in Teil zwei).

Das Evangelikale ist ein Pakt zwischen Traumfabrik und fundamentalistischen christlichen Organisationen vornehmlich, aber keineswegs nur in den USA, vor dem einem durchaus grausen kann. Diesen Pakt erneuerte, so wie Ridley Scott mit dem durchaus wuchtigen Gladiator den römisch-imperialen Zweig des Genres erneuerte, Mel Gibsons splattriger und religionsvergifteter Die Passion Christi (2004), dem man die antisemitischen Untertöne kaum noch nachweisen musste. Der Pakt wurde vor allem durch den Erfolg erneuert; ein Einspielergebnis von 600 Millionen Dollar überzeugt beide Seiten. Man erkannte das ökonomische Potential des fundamentalistisch-christlichen Publikums.

Der am Ende breitenwirksamste Erfolg (wenn auch nicht gerade im eigenen Land) des neuen Religiotainment kam aus Deutschland. Die Kirch-Gruppe produzierte eine schließlich in 67 Länder verkaufte Serie von Bibelfilmen, die trotz einiger großer Regie-Namen wie Ermanno Olmi oder Nicolas Roeg brave Illustrationsfilme für die beschaulichen Sonntage der Flanders-Familien dieser Welt bieten und seitdem im Dauereinsatz beim christlichen Publikum sind. Im Jahr 2013 folgte ein weniger ambitöses, aber nicht minder erfolgreiches Unternehmen: Der History Channel bot eine zehnstündige Bibelserie, deren erster Teil es auf 13,1 Millionen Zuschauer brachte, die höchste Quote, die der Sender je erzielte. Im Verlauf der Ausstrahlungen schaffte man sogar 15 Millionen.

Berühmt wurden die Worte, mit denen jede Folge eingeleitet wird: „Dieses Programm ist eine Adaption von biblischen Geschichten, die unsere Welt verändert haben. Es setzt alles daran, dem Geist des Buches zu entsprechen.“ Dass sich trotzdem Kritik erhob – Ist nicht jede Verfilmung schon eine Verfälschung der Heiligen Schrift? –, zeigte nur umso deutlicher die Brisanz, die in einer Gesellschaft wie der US-amerikanischen jeder Anmutung von Abweichung und Ketzerei immer noch zukommt. Die DVD-Verkäufe und Downloads der Serie erreichten Rekordumsätze und nach der Fernsehausstrahlung wurden die Filme in Sondervorführungen in ländlichen Kinos insbesondere im Bible Belt noch einmal so erfolgreich, dass man mit der Produktion des Films Son of God reagierte, der auf der Miniserie basiert. Mark Burnett und Roma Downey, die Masterminds hinter Serie und Kinofilm, schrieben in der Huffington Post: „Wir wollten zeigen, wie das Alte Testament nahtlos mit dem Neuen Testament verbunden ist, wie sie zusammen eine große Geschichte erzählen, die eine Botschaft hat: Gott liebt jeden von uns, so als wären wir die einzige Person in der Welt, die er lieben könnte.“

Diese Botschaft kommt offensichtlich prächtig an; Filme, die im Media-Jargon „glaubensbasiert“ genannt werden, können einerseits auf ein treues Publikum rechnen (allein in den USA gibt es 90 Millionen Evangelikale Christen), sie sind auf der anderen Seite einer gewissen Wiedererkennung sicher (und: die Verfilmungsrechte kosten nichts). Ein Film wie Son of God wird neben der gewöhnlichen Kino-Auswertung von Kirchengemeinden gemietet und flächendeckend eingesetzt – was in europäischen Ländern wie der Schweiz schon bei Die Passion Christi praktiziert wurde; er kommt in manchen Städten als nahezu exklusives Angebot in die Multiplexe.

Vormoderne

Die großen Traumfabrik-Produktionen müssen sich ein wenig mehr einfallen lassen als kindliche Schlichtheit und Modernisierungsverweigerung. Niemand anderes als Steven Spielberg arbeitet schon seit geraumer Zeit an einem Moses-Projekt. Im neuen Boom des Genres scheint es sich nun der Realisierung zu nähern (allerdings nicht mit Spielberg selbst als Regisseur), verliert aber noch den zeitlichen Wettlauf mit Ridley Scotts nächstem Schlag Exodus. Nach dem Noah-Film und den beiden Moses-Projekten wird bei MGM bereits eine neue Version von Ben Hur geplant. Dem anvisierten Publikum versprach man, es solle hier „mehr Christus vorkommen als in den Vorgängern“. Was Evangelikale und Traumfabrik hier einigt, ist der radikale Ansatz der Komplexitätsreduktion: keine theologischen Raffinessen, keine gebrochenen Charaktere, keine Zweifel.

Der Vermarktung steht die geballte Macht der christlichen Organisationen gegenüber, unliebsame Projekte zu verhindern oder zu skandalisieren. Selbst Darren Aronofskys Noah-Film durchlief schmerzhafte Prüfungen durch christliche Experten (Ob man den Beteuerungen der Produktion glauben soll, am Ende habe man sich geeinigt, dem Regisseur doch freie Hand zu lassen?). Da Noah aus Sicht des Koran ein Prophet ist und somit dem Abbildungsverbot unterliegt, darf der Film in islamischen Staaten nicht gezeigt werden, nachdem die al-Azhar-Universität in Kairo, die Autorität in religiösen Fragen, eine Fatwa gegen ihn aussprach. Schnell wird aus der Religion im Film auch wieder Politik.

Religiotainment und Remythisierung der Kino-Fabeln mögen zweifellos den zyklischen Bewegungen der Unterhaltungsindustrie folgen. Aber sie spielen auch ihre Rolle in einem Hegemoniekampf auf dem internationalen Bildermarkt. Sie flüchten vor der trostlosen Gegenwart in eine Mischung aus Katastrophen- und Erlösungsfantasien, sie sind mal fundamentalistisches Religiotainment, mal synthetisches Augen-Popcorn und gelegentlich interessante Abschweifung.

Vor allem aber erzählen sie, viele unbewusst, von dem, was auf dem Weg in die Moderne schiefgelaufen ist.

Noah Darren Aronofsky USA 2014, 139 Min.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 14/14.

Kommentare (3)

Grundgütiger 02.04.2014 | 12:12

"Sie flüchten vor der trostlosen Gegenwart in eine Mischung aus Katastrophen- und Erlösungsfantasien".

Ja, weil sich halt nicht jeder eine Karte für Bayreuth und den Ring der Nibelungen kaufen kann, vom kriegen mal ab, wo ja Glauben schon ein paar Etagen höher angesiedelt ist, muss man halt in´s Kino.

Wenn´s hilft, meinen Segen haben sie.

Weil Glauben in Zukunft noch wichtiger wird, erstens wegen dem richtigen, und das wissen einen schwermütig macht.