Der Überlebende

Dennis Hopper Jung zu sterben – das war für seine Generation ein Beweis für die Begabung. Dennis Hoppers Lebensgefühl war präziser: Er dachte das Scheitern in seinen Rollen gleich mit

Dennis Hopper mag zwar gestorben sein, aber was ihn ausmachte bis zuletzt, war eine außerordentliche Gabe des Überlebens. Damit ist nicht nur die erstaunliche Tatsache gemeint, dass Hopper sein über Jahrzehnte gepflegtes „Bad Boy“-Image Anfang der achtziger Jahre hinter sich ließ und fortan eine, sieht man vom Rauchen ab, gesunde Existenz als lebendes Monument jener "New-Hollywood-Gegenkultur" führte, die ihn mit ihrem Hang zu Drogen- und Alkoholexzessen fast umgebracht hätte. Nebenher entfaltete er seine nicht minder großen Talente als Fotograf, Künstler und Kunstsammler.

Dabei gehörte Hopper zu einer Generation, für die jung zu sterben eine Art Beweis für die Größe der Begabung war. James Dean hatte es 1955 vorgemacht, und Hopper, 1936 in Kansas geboren und gerade fünf Jahre jünger, spielte seine ersten Kinorollen in zwei der drei legendären Dean-Filme: In „Rebel without a cause“ (1955) stellte er ein Mitglied der Jugendgang dar, in „Giant“ (1956) musste er sich als Sohn von Deans Gegenspieler Rock Hudson gar von ihm verprügeln lassen. Mit Bewunderung bekannte er stets, dass Dean ihn inspiriert habe. Was Hopper auf das "method acting" und Deans bahnbrechende Art, mit seinem Körper zu sprechen, bezog, lässt sich wohl auch auf dessen Eigenwilligkeit und Rebellenattitüde erweitern. Schließlich dauerte es nicht lange, bis Hopper aufgrund seines aufmüpfigen Verhaltens bei Dreharbeiten einen Studiobann auferlegt bekam.

Entblößende Coolness

Hopper zog nach New York, studierte bei Lee Strasberg, nahm Kontakt zu Künstler-Kreisen auf und arbeitete als Photograph. 1965 erhielt er die Gelegenheit zum Comeback und durfte in „Die Söhne der Katie Elder“ John Wayne gegenüber stehen. Es wird Hopper kaum Überwindung gekostet haben, die sich nun wieder abzeichnende Karriere als Nebendarsteller im untergehenden Westerngenre zugunsten eines Filmprojekts aufzugeben, bei dem er gleichzeitig als Autor, Regisseur und Darsteller involviert war und das der definierende Moment seiner Karriere werden sollte: "Easy Rider" (1969).

Ein Film, der heute vor allem mit seiner "Unschuld" verblüfft. Peter Fonda und Hopper auf ihren Bikes sind sich zwar ihrer Coolness bewusst, zugleich aber erscheinen sie wie entblößt. Wie überhaupt der Film frei ist von jedem Kalkül; an „Easy Rider 2“ hat niemand gedacht. Aus der Serie einzelner, verrückter Ideen – stylishe Bikes, Kamerafahrten zu Steppenwolf-Musik, Kiffen am Lagerfeuer – wurde der Ausdruck eines Lebensgefühls, das umso präziser war, weil das Scheitern schon mitbedacht wurde. So wurde „Easy Rider“ zugleich zum Hohelied und zum Abgesang einer Ära.

Für Hopper folgte das Desaster auf dem Fuß. Mit seiner nächsten Regiearbeit, „The Last Movie“ (1971), versuchte er eine amerikanische Variante des europäischen Kunstfilms – und fiel in den USA bei Kritik und Publikum durch. Lange sah es so aus, als sei Hopper nach seinem „Last Movie“ von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung eingeholt worden. Die siebziger Jahre habe er wie unter Betäubung verbracht, zwischendurch schmückte er manche Produktion als wandelndes Irrlicht: im „Amerikanischen Freund“ (1977) von Wim Wenders etwa erscheint er dünn und von fast radioaktiver Intensität, in Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) glaubt man ihn als manisch schwatzenden Photographen kurz vorm Ende.

Varianten eines Außenseiters

Anfang der Achtziger unterzog sich Hopper dann erfolgreich einer Entziehungskur und entschied sich für eine andere Variante des Außenseitertums in Hollywood: Er wurde zum Reagan-Republikaner und später zum Bush-Unterstützer. 1986 machte er gleich mit zwei Filmrollen Furore: für die Darstellung des Co-Trainers mit Alkoholproblemen in „Hoosiers“ bekam er eine Oscar-Nominierung, für den Auftritt als „Inhalator-Frank“ in David Lynchs „Blue Velvet“ zahlreiche Kritikerpreise. Fortan wurde er immer wieder als kalter, derangierter Perversling eingesetzt, eine Rolle, die er mit der hemmungslosen Ungeniertheit eines Schauspielers ausfüllte, dessen Ruf schon ruiniert ist.

Diese Festlegung erscheint im Nachhinein bedauerlich. Denn obwohl „Hoosiers“ im Gegensatz zu "Speed" (1994) oder gar „Blue Velvet“ heute fast vergessen ist, bietet er bessere Gelegenheit, den Schauspieler Dennis Hopper zu „erkennen“. Für einen schönen Moment hat Hollywood ihn hier heimgeholt, mit einer Figur, die direkt anschließt an seine Auftritte in den fünfziger Jahren. Neben Gene Hackman wirkt er schmächtig wie einst neben Rock Hudson, wieder ist er jemand, der den Patriarchen enttäuscht und sich den strengen Vorgaben entziehen will – ein Mann mit großen Talenten, aber auch großen Schwächen. Gewissermaßen die Rolle seines Lebens. Am Samstag ist Dennis Hopper in Los Angeles gestorben.

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13:55 31.05.2010

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