Der Unzeitgemässe

Fremder Blick Im französischen Elite-System war Pierre Bourdieu ein Außenseiter, der auf dieser Perspektive beharrte

Kaum eine französische Tageszeitung, die am 25. Januar nicht mit einem Foto Pierre Bourdieus auf der ersten Seite erschienen wäre. Sondersendungen in Rundfunk und Fernsehen, Betroffenheitserklärungen der obersten Vertreter von Staat, Parteien und Verbänden, Respektbezeugungen aus aller Welt - für einen Medien-Augenblick schien es fast, als habe ein neuer Victor Hugo (dessen hundertstes Todesjahr Frankreich begeht) ein Volk von Trauernden hinterlassen. Nur das Echo aus dem Kollegenkreis war eher verhalten.

Zu so viel öffentlichem Ruhm war Pierre Bourdieu durchaus nicht prädestiniert. Mit Fleiß und Intelligenz hatte der Sohn eines kleinen Beamten aus einer der ärmsten und abgelegensten Gegenden Frankreichs es zum Absolventen der besten Schulen und Hochschulen Frankreichs gebracht. Statt dem meritokratischen französischen Bildungssystem dafür Dank zu erweisen, demontierte er seine Gleichheitsfassade und wies nach, dass seine scheinbare Egalität den französischen Eliten in erster Linie dazu dient, sich selbst zu reproduzieren (Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt; Die Illusion der Chancengleichheit). Während seine Schriften zu Basistexten der französischen Studentenbewegung avancierten, brachte ihr Verfasser für deren Illusionen nur Spott auf. Den Rückzug auf die Ästhetik zum Widerstand gegen gesellschaftliche Zwänge zu verklären, wie es die späte Kritische Theorie und zumal Adorno unternahm, war ihm ebenso fremd: In den siebziger Jahren widmet Bourdieu eine seiner umfangreichsten Arbeiten dem Nachweis, dass die leiblichen ganz ebenso wie die geistigten Geschmacksnuancen von der Prägung durch Herkunft und soziale Laufbahn aufs genaueste vorgegeben werden (Die feinen Unterschiede).

Massiver hätte Bourdieu die französischen Intellektuellen - eine Klasse, die sich geradezu dadurch definieren ließe, dass jeder einzelne von ihnen sich für absolut originell hält - gar nicht herausfordern können. Seit er ihrem Anspruch auf die Einzigartigkeit der persönlichen Geschmacksentscheidung den Boden entzog, ist der Vorwurf des "Reduktionismus" aus der französischen Debatte über sein Denken nicht mehr verschwunden. Eine Reaktion, die aufs schönste bestätigt, mit welch eingefleischten Überzeugungen Bourdieus von ihm selbst so genannte "Sozio-Analyse" es zu tun hat: Die provozierten Widerstände zeugen von der Triftigkeit des Zugriffs.

Damit nicht genug. Mit den eigenen Fachkollegen verdarb Bourdieu es sich durch eine schonungslose Analyse des Funktionierens der Grandes Ecoles, dieser Kaderschulen der französischen Eliten, und des akademischen Feldes überhaupt (Homo academicus; Noblesse d´Etat), in dem er sich gegen enorme innere und äußere Widerstände durchzusetzen gelernt hatte und in dem er doch nie ganz heimisch werden konnte oder wollte. Der "fremde Blick", dessen Bourdieu sich in seinen ethnologischen Schriften bedient, um die einheimischen Praktiken durch strukturalistische Methodik zu verfremden; aber auch den Strukturalismus durch Bezug auf diese Praktiken zu unterminieren: in Homo academicus wird er instrumentalisiert zum Medium der Selbstreflexion eines Milieus, das (wie alle anderen) eigentlich lieber nicht so genau wissen wollte, nach welchen Regeln es funktioniert.

Gerade aus solcher Respektlosigkeit gegenüber dem in Ehren Etablierten bezieht Bourdieus Soziologie paradoxerweise ihre Stärke. Da jeder Widerspruch gegen sie ohne weiteres als interessegeleitetes Diversionsmanöver zu entlarven ist, erringt sie den Status einer nahezu unanfechtbaren kritischen Instanz, von der sich zumal junge Forscher unwiderstehlich angezogen fühlen. Als Bourdieu an das prestigereiche Collège de France berufen und von der Regierung mit der Ausarbeitung von Vorschlägen zur Reform des französischen Bildungswesens beauftragt wird (die in den staatlichen Agenturen versickern werden), ist der Erfolg der waghalsigen akademischen Überholungsstrategie des brillanten Außenseiters auch nach außen unübersehbar geworden.

Als jedoch das, was von Frankreichs kritischer Intelligenz übrig geblieben war, durch Mitterrands Präsidentschaft mit dem Staat versöhnt, sich aus der Politik verabschiedet hat und die golden boys zum gesellschaftlichen Leitbild avancieren, macht der große Unzeitgemäße sich an die Untersuchung des Elends der Welt und stellt sein Ansehen und seine publizistischen Möglichkeiten in den Dienst von Obdach- und Arbeitsloseninitiativen, Streik- und Schwulenbewegungen. Immer ungeschützter setzt der zeitlebens von Schüchternheit Geplagte sich bei solchen Auftritten dem Zugriff einer medial vermittelten Öffentlichkeit aus, deren Mechanismen der Einverleibung und Entfremdung des Produzenten er so aggressiv und triftig wie wenige analysiert und angeprangert hatte (Über das Fernsehen). Hatte nicht gerade er in mehrfachen Anläufen an Jean-Paul Sartre die Gestalt jenes illusionären Intellektuellen exemplifiziert, der in Verkennung der sozialen Bedingungen seiner Möglichkeit sich selbst zum totalen Intellektuellen aufwirft?

Nun, auf ein Missverständnis mehr oder weniger kam es ihm wohl nicht mehr an. In den Meditationen, einem seiner letzten und persönlichsten Werke, steht im Zentrum der Kritik das Denken selbst, die privilegierte Absonderung, ohne die es nicht möglich wäre und durch die es doch unvermeidlicherweise verkürzt und verdorben wird. In diesen unter dem Vorzeichen Pascals erscheinenden Überlegungen (der französische Titel lautet Méditations Pascaliennes) wirkt alle theoretische Arbeit wie von einer Art Erbsünde geschlagen. Von ihrem "scholastischen" Anteil vermag sie nicht einmal die Selbstreflexion loszusprechen - gebunden, wie sie es nun einmal ist, an die Trennung von Hand und Kopf, von Arbeit und Herrschaft.

Doch diese Einsicht in die Begrenzungen und Begrenztheiten des Denkens: Bourdieu hat sie nicht zynisch oder tragisch zur Abdankung des Denkens stilisiert. Sein hoher Anspruch an sein, an Denken schlechthin blieb ungebrochen. Von Anbeginn war er - und man selbst mit ihm - in der Sphäre des Objektiven; noch die keineswegs seltenen Aussagen zu persönlichen Gewohnheiten und Vorlieben, Freunden und Feinden klangen wie Einlassungen des absoluten Geistes, wie Modalitäten soziologischer Gesetzmäßigkeiten. Pierre Bourdieu war ein Mann des kategorischen Urteils: Dialog als sich herantastende Annäherung an eine Wahrheit war seine Sache nicht.

Tatsächlich aber faszinierte Pierre Bourdieu im persönlichen Gespräch zunächst durch seine Präsenz, seine Zuwendung, seine Offenheit und zupackende Art, sein schelmisches Lächeln, das sich in den Falten um die Augen niedergeschlagen hatte. Gewiss, sie waren in den letzten Jahren etwas tiefer geworden, die Haare ein wenig schütterer; doch in den Augen war noch immer der Glanz und der durchdringende Blick - nur hin und wieder von einem Schatten umwölkt, der eine gewisse Müdigkeit zu signalisieren schien, vielleicht auch Trauer. Aber Auskunft geben über subjektive Befindlichkeiten: das war Pierre Bourdieus Sache nicht.

Er wird uns fehlen.

Achim Russer lebt in Paris und arbeitet dort am Goethe-Institut. Bernd Schwibs ist leitender Redakteur der Zeitschrift Psyche. Beide haben - auch gemeinsam - Schriften von Bourdieu ins Deutsche übersetzt, unter anderem Die feinen Unterschiede, Regeln der Kunst.

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00:00 01.02.2002

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