Detroit-Techno und bulgarische Folklore

Kulturproduktion Was das Schrumpfen von Städten mit Popmusik zu tun hat

"Erfurt ist auch eine schrumpfende Stadt", rief der Erfurter Rapper Clueso am vergangenen Wochenende dem Publikum im Palast der Republik fast ein wenig übereifrig zu. Ganz so, als sorge er sich darum, seinem Auftritt in der entkernten Mitte Berlins könne womöglich abgesprochen werden, was Einstellungsvoraussetzung in der HipHop-Welt ist: Glaubwürdigkeit. Und weil Cluesos Auftritt sich bei einer drei Tage dauernden Veranstaltung mit dem Titel Shrinking Cities Musik ereignete, liegt der Schluss des Rappers nahe, dass Glaubwürdigkeit in diesem Rahmen nur durch Herkunft vom "richtigen" Ort erwirkt werden könne. Das führt indirekt zu der Frage, die im Zentrum der zahlreichen Podiumsgespräche stand: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Musik und schrumpfender Stadt?

Blickt man auf das exquisite Musikprogramm, das binnen dreier Abende die in kleineren Kreisen geschätzten Namen Freeform, Tyree Cooper, Triphaze oder FSK präsentierte und darüberhinaus den Cabaret Voltaire-Gründer Richard H. Kirk für seinen ersten Berliner Auftritt seit 1990 gewonnen hat, so ist man geneigt, mit ja und nein zu antworten; abhängig davon, ob man zuerst auf die Liste der versammelten Diskutanten oder die der auftretenden Künstler schaut. Letztere hätten der thematischen Rahmung durch die Schrumpfende Städte-Ausstellung in den Kunstwerken nicht bedurft. Sie hätten auch an irgendeinem Wochenende in irgendeinem Club der Stadt auftreten können. Betrachtet man die Musiker aus Chicago, Detroit oder Sheffield dagegen als Repräsentanten jener Rückentwicklung des urbanen Raums, die unter dem Label Shrinking Cities firmiert, stellt sich rasch die Frage, ob es Musik aus intakten Städten überhaupt geben kann. Und wie sich so was anhören würde.

Im Kern ist die Frage nach dem Verhältnis der drei hingeworfenen Wörter Shrinking Cities Musik also tautologisch. Das von Kriminalität und Armut geprägte Leben im verfallenden Zentrum von Detroit - von dem der DJ Jeff Mills zu berichten wusste, in dessen Studio sich schon mal ein blutbespritzter Mörder verstecken wollte - mag den besten Film liefern, zudem man sich Techno als Soundtrack vorstellen kann; kausal wird das Verhältnis von Stadt und Musik dadurch nicht. Anders gesagt: Es könnte auch "bulgarische Folklore" (Diedrich Diederichsen) dabei herauskommen.

Wenn sich Alles und Nichts "Gute Nacht" sagen, schlägt die Stunde der Fallbeispiele und Einzelschicksale. Erzählungen aus Leipzig und St. Petersburg, Manchester und Detroit belegen letztlich die historische Lektion, dass subkulturelle Unternehmungen zuallererst auf Leerstand angewiesen sind, weil erst preiswerter Raum die Möglichkeit kreativer Entfaltung gestattet. Interessant ist dabei, welche Entwicklung die unterschiedlichen Standorte nach ihrer auch musikalisch bedingten Aufwertung genommen haben. Der Club Haçienda in Manchester, benannt nach dem Utopia der Situationisten, ist ein Exempel für Aufstieg und Fall, das in einem alten Lagerhaus beginnt, innerhalb einer Dekade zum Superclub aufsteigt, dabei den informellen Sektor eines niederliegenden Stadtviertels belebt und 1997 schließlich einem Appartementhaus weichen muss. In Leipzig, wo sich etwa der anfangs illegale Techno-Club Distillery seit 1992 behauptet, verläuft die Aufwertung als Veränderung von unten. Die einst legendären Orte wie das Ilses Erika verändern sich mit den mitunter kommerzielleren Ansprüchen ihrer wechselnden Gäste. In St. Petersburg hat die Finanzkrise von 1998 die subkulturelle Raumaneignung nachhaltig beeinträchtigt. Die schlagartige Verteuerung der Lebensverhältnisse hat dazu geführt, dass sich in den leer stehenden Räumen nur mehr schicke Restaurants, teure Striplokale und gut ausgestattete Fitnessstudios einrichteten. Das hier, sagt Oleg Bogdanov, der in St. Petersburg Kulturarbeit betreibt, das hier - und dabei zeigt er in den leeren Palast - das wäre bei uns ein luxuriöses Restaurant.


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00:00 01.10.2004

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