Deutsche Wahrheiten, gereimt und einfältig

Lockdown-Album Auf AnnenMayKantereits neuer Platte „12“ ist Corona berühmter als Jesus und der Mauerfall

Zwölf. Nicht fünf vor 12 – hat den Kalauer schon wer gebracht? Glaub schon. Don’t forsake me, my Darling, es wird düster, die Album gewordene Lockdown-Depression ist da! Herausgebracht haben die Platte AnnenMayKantereit, die Kölner, die als Straßenmusiker begannen, inzwischen Mehrzweckhallen der Herzen füllen, Festivals bespielen, auf Tour gehen, auf Youtube oben stehen. Wegen Covid-19 ist nun alles außer Internet abgesagt. Vom Bordstein zur Skyline in den Lockdown. Jetzt also, das Album aus ebendem.

Es ist ein Album, das „unter Schock“ entstanden ist und auf Wunsch der Band am Stück gehört werden möge. Also dann, wie oft werde ich wohl noch die Gelegenheit haben, jungen Männern einen Wunsch zu erfüllen, und in meinem Alter weiß man natürlich auch, was ein Konzeptalbum sein soll. Ich streame das Album, während ich ein Bad nehme. Nach der Hälfte bin ich ganz durchweicht und beschließe, mir den Rest der Scheibe im Trockenen anzuhören.

Des Hipsters German Angst

Das Album besteht aus drei Teilen: „den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss“. Am Anfang die Feststellung: „So, wie es war, wird es nie wieder sein.“ Aha. „Ich kann nicht in die Zukunft schauen, nur in die Vergangenheit.“ Klar. Und am Ende: „Es ist doch erstaunlich, (...) dass jeder glaubt es besser zu wissen, sogar beim Küssen.“ Alles keine tiefen Erkenntnisse, eingebettet in minimalistische Arrangements, manches wie über Zoom aufgezeichnet, etwas blechern, da summen ein paar Frauen irgendwo im Hintergrund, irgendwann drückt jemand knödeltenormäßig auf die Stimme, selbst Henning May mit der schönen, vollen Stimme kann es sich auf einem Stück nicht verkneifen, diese opernhaft aufzublähen, was leider schade ist und mit Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Zeilen wie „Ich kann dir nicht sagen/warum ausgerechnet Raben/diese Wirkung auf mich haben ...“ auch nicht besser klingt. Mit Lyrics wie „Die Kneipen schließen, die Kinos auch/und im Schauspielhaus fällt der letzte Vorhang aus/Die Nachrichten rennen dem Algorithmus hinterher/wenn in Moria die Zelte brennen, dann sieht das niemand mehr“ verkünden sie Wahrheiten, die ebenso deutsch sind wie die Zeile „Corona ist berühmter als Jesus und der Mauerfall zusammen“.

Der Mauerfall ist weltpolitisch möglicherweise nicht relevanter als beispielsweise die Unterzeichnung des Abkommens von Taif vom 22. Oktober 1989, welches den libanesischen Bürgerkrieg beendete, es unterstreicht die Nabelschau dieses Albums, welches als Spiegel der German Angst und der Generation der Hipster super funktioniert. Der Versuch der Band, die vermutlich immer schon Eltern besonders gefällt, sich politisch zu äußern, ist gescheitert. „Ich geh manchmal spazier’n von der Küche in den Flur. (...) Und ich treff mich gern mit Freunden/in Chatverläufen.“ Ich stelle mir vor, wie Henning May seinen Kaffee trinkt und Spätsommerregen dazu singt.

„So, wie es war, wird es nie wieder sein.“ Ja, so ist das. Das Album stellt fest und Fragen, wie zum Beispiel: „Die Gelder fließen, die Tränen auch/woher sie plötzlich kommen/weiß niemand so genau.“ Vielleicht ist es gemein, Popsongs so zu sezieren, aber manches klingt leider etwas einfältig. In einem der Songs singt May: „Ich habe keine Hoffnung zu verkaufen.“ Ja, Hoffnung gibt es wirklich nicht zu kaufen.

Info

12 AnnenMayKantereit Irrsinn 2020

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06:00 29.11.2020

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