Devot-Kultur

Linksbündig Worin besteht die Schuld von Christian Flick?

Symbole erregen die Öffentlichkeit mehr als die Realität, die sie repräsentieren. Der Name Flick steht für die Beteiligung der Großindustrie an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Wer diesen Namen trägt, wird von seiner symbolischen Bedeutung eingeholt, auch wenn er mit dem Dritten Reich nichts zu tun hatte. Worin aber besteht seine Schuld? Rechtlich, das ist klar, ist dieser Frage nicht beizukommen. Es geht ausschließlich um Moral.

Unmoralisch, so argumentieren die Widersacher Flicks, sei es, Kunstwerke im öffentlichen Raum auszustellen, die angeschafft wurden mit einem Reichtum, der sich nicht unwesentlich den Verbrechen des NS-Regimes verdankt.

Dem ließe sich entgegnen: Unmoralisch ist es auch, angesichts von Hungernden und Obdachlosen vom Besitz zu leben, den einem die Vorfahren vererbt haben. Umso unmoralischer ist das, wenn dieser Besitz auf kriminelle Weise erworben wurde: durch Kinderarbeit, durch die Auferlegung unmenschlicher Arbeitsbedingungen, durch die Herstellung schädlicher Produkte, durch Kriegsvorbereitungen, durch räuberische Mieten und Zinsen oder eben durch Zwangsarbeit, wie das im Dritten Reich und nicht zuletzt in den Fabriken von Flicks Großvater der Fall war. Diese Unmoral aber ist die Grundlage unserer Gesellschaftsordnung. Sie wird von Salomon Korn ebenso wenig in Zweifel gezogen wie von Friedrich Christian Flick. Dass die durch den Nationalsozialismus hergestellten Besitzverhältnisse 1945 überlebt haben, wurde bald nach Kriegsende in Westdeutschland hingenommen. Wie viele arisierte Wohnungen, gestohlene Möbel und Mäntel, Nähmaschinen und Fotoalben hat man den Überlebenden der Verfolgung durch die Nazis oder ihren Erben aus eigener Initiative zurückerstattet? Bei der Entschädigung von Zwangsarbeitern, die in Wahrheit nur einen Bruchteil der Entlohnung ausmacht, die ihnen zustünde, wird getan, als hätte man großzügig Geschenke verteilt.

Das Unrechtsbewusstsein gegenüber den Opfern der Geschichte und ihrer Protagonisten nimmt rapide ab. In Österreich freilich, wo ein zentraler Boulevard und ein zentraler Platz im roten Wien nach dem Judenhasser und Hitler-Vorbild Lueger und das Bildungsinstitut der SPÖ nach dem Anschlussbefürworter und Antisemiten Renner benannt sind, war es niemals vorhanden. Kaum ein Wort hat mehr Verwirrung geschaffen als das Wort "Wiedergutmachung", wo noch nicht einmal von einer angemessenen materiellen Kompensation die Rede sein kann. In Deutschlands Universitätsbibliotheken liegen haufenweise Bücher aus arisierten jüdischen Haushalten. Die Bemühungen, sie ihren Eigentümern zurückzugeben oder zu vergüten, lassen sich mühelos in wenigen Sekunden auflisten.

Kein Mensch regt sich darüber auf, wenn in Reiseführern die Kirche gepriesen wird für ihre angeblichen Verdienste um Kunst und Architektur. Wer fragt danach, wer dafür Opfer erbringen musste, welche auch kriminellen Aktionen dabei im Spiel waren? Glaubt irgendjemand, all die Pracht verdanke sich der Arbeit fleißiger Nonnen und Mönche? Man muss kein Zyniker sein, um zu prophezeien, dass auch der Name Flick in absehbarer Zeit als Symbol für Mäzenatentum gelten wird.

Dass es Flicks deklarierte Absicht ist, "der dunklen Seite seiner Familiengeschichte eine hellere hinzuzufügen" - wer könnte ihm das verdenken? Ach hätten doch alle, deren Familiengeschichte eine dunkle Seite aufweist, diesen Versuch unternommen! Zu kritisieren ist hingegen eine Kulturpolitik, die sich seit Jahren in einem Maße von Sponsoren und "Wohltätern" abhängig macht, dass sie jederzeit für deren eigennützige Interessen instrumentalisiert werden kann. Dass Flick um Anerkennung buhlt, kann ich verstehen. Wenn er damit Steuern spart, so befindet er sich in Übereinstimmung mit einer vom Staat nicht nur akzeptierten, sondern geförderten Norm. Wäre im Übrigen der Skandal, so es überhaupt einer ist, geringer, wenn die mit kriminell erworbenem Reichtum angeschafften Kunstwerke in den eigenen vier Wänden Flicks statt in einem Museum hingen? Wer gegen dieses revoltiert, nicht aber gegen die Verteilung von Reichtum in unserer Gesellschaft, gelangt über Symbole niemals hinaus bis zur Realität. Meinen Ekel erregen nicht der Träger eines symbolischen Namens, nicht sein nachvollziehbares Kalkül, sondern ein sozialdemokratischer Bundeskanzler und eine Polit- und Kulturschickeria, die in gewohnt devoter Weise diesem Manne und seinem Geld huldigen. Das ist die politische Realität, in der wir leben. Wer sie für gut hält, sollte auch ihre Symbole ertragen.


00:00 04.06.2004

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