Die Anbetung der Heiligen Gilda

Glaube Die argentinische Sängerin Miriam Bianchi, die sich Gilda nannte, starb 1996 bei einem Autounfall. Sie wird heute von ihren Fans verehrt wie eine Heilige
Die Anbetung der Heiligen Gilda
Gaston ist der Vorsitzende eines Gilda-Fanklubs aus Buenos Aires. Er organisiert Gedenkveranstaltungen und beschreibt die verstorbene Sängerin als Engel

Fotos: Cooperativa Sub

Als Miriam Bianchi am 7. September 1996 ums Leben kam, wurde ein Mysterium geboren. Manche sagen: eine Heilige. Es passte alles zusammen – ihre Musik, ihr auratisches Auftreten, ihre Worte kurz vor ihrem Tod, ihre letzte Aufnahme. Ihr Leben endete, so sieht es im Nachhinein für manche aus, wie eines, das vorherbestimmt war; wie ein Leben, das einen Sinn hatte und eine Botschaft. Wenn davon die Rede ist, dass Fans ihre Stars anbeten, muss man sich nur Miriam Bianchi vorstellen – dann stimmt das wirklich.

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Die Menschen beten zu Bianchi, um sie um Heilung, Fruchtbarkeit oder einen neuen Arbeitsplatz zu bitten

Bianchi wurde am 11. Oktober 1961 in der Stadt Ceibas in der argentinischen Provinz Entre Ríos geboren. Als Mutter zweier Kinder und Erzieherin in einem Kindergarten schien sie sich ganz einer kindlichen Kunst verschrieben zu haben. Sie hatte ein Engelsgesicht, und ihre Stimme war süß. Beides stand durchaus im Kontrast zu einer Musik, Cumbia, die bis dahin eine männliche Domäne gewesen war. Gilda – so nannte sie sich als Künstlerin – wagte es, auf der Bühne verschiedene Charaktere zu schaffen. Schon als Kind hatte sie sich am liebsten verkleidet.

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Bi Silvia Coimbra besucht das Grab der Sängerin und deren Tochter Mariel

Sie trat mit kurzen Röcken und kniehohen Lederstiefeln auf und nahm so die Musikszene für sich ein. Andererseits wagte sie es auch, sich, inspiriert von dem Film Braveheart, mit langem blauen Gewand und einer Blütenkrone als Jungfrau zu inszenieren. Durch ihre Musik lud sie ihre Zuhörer in magische Welten ein, die sie geschaffen hatte. Sie ließ ihre Hörer die populäre Musik auf andere Art empfinden und ging eine enge Verbindung mit ihrem Publikum ein. Sie wusste, was es heißt, man selbst zu sein.

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Das Pferd steht in Gildas Bildwelt für Freiheit und eine Welt, in der Träume wahr werden

Vielleicht entstand aus der Erfahrung der Arbeit mit Kindern und der starken Kraft der tropischen Musik ihre beinahe mystische Popularität – in ganz Südamerika jubelten ihr stets Menschenmengen zu. Sie hatte eine starke Wirkung auf Menschen. Bei einem Konzert in Jujuy sah sie einmal ein kleines Mädchen neben der Bühne weinen. Nach dem Konzert erzählte ihr die Großmutter des Mädchens: „Ihre Mutter liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation, sie spielt ihr immer deine Musik vor, damit sie sie heilt.“ Nach einer Weile erholte die Mutter des Mädchens sich. Bei einem anderen Konzert bat eine Frau sie, ihren Diabetes zu heilen. Gilda verstummte daraufhin. Ihre Musiker wurden schon ungeduldig, drängten sie, weiter zu singen. Da sah Gilda zu der Frau und sagte: „Ich bewirke keine Wunder.“ Aber wenn die Musik welche bewirken könne, sei sie willkommen.

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Der Friedhof, auf dem die Sängerin liegt, ist heute ein sozialer Ort

Kurz bevor sie bei einem tragischen Autounfall starb, war sie auf einer Konzertreise. Zu drei Musikern, ihrer Mutter und Tochter, mit denen sie unterwegs war, sagte sie nach einem Konzert etwas, das die Menschen, die ihrer Kunst auch nach ihrem Tod treu bleiben, als ihre Botschaft in sich tragen: „Jeder Mensch hat in seinem Leben eine Mission.“ Auf der Strecke, auf der der Unfall sich ereignete, fand man später eine Kassette, auf der Gilda a capella sang: „No es mi despedida“ – „Dies ist nicht mein Abschied“.

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Der Bus, in dem Gilda verunglückte, ist zur Gebetsstätte geworden

Diese Worte wurden als Offenbarung gedeutet, sie verliehen der Sängerin den religiösen Status, den sie heute hat. Ihre kurz nach dem Tod veröffentlichte Platte wurde zu einem großen Erfolg. Nach einer Weile entstand durch die Verehrung ihrer Fans und durch die Verheißungen und Wunder, die ihr zugeschrieben wurden, befördert auch durch Fanklubs im ganzen Land, das Bild von Gilda, der Heiligen.

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Eine junge Anhängerin sieht zum Schrein auf

Die Stelle, an der sich Gildas tödlicher Unfall ereignete, haben Tausende treue Anhänger zu einem Pilgerort gemacht; es gibt hier, an der Route 12, einen Schrein zu ihren Ehren, an dem Fans Briefe und Fotos hinterlassen. Hier gedenken sie mit Bildern und Musik. Hier berichten sie, wie sie von Krankheiten oder Unfruchtbarkeit geheilt oder in harten Zeiten mit einem Lotteriegewinn gesegnet worden sind, Gilda sei Dank.

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Gildas Anhänger glauben nicht an die Notwendigkeit einer Seligsprechung durch die katholische Kirche - sie werde ohnehin schon als Heilige wahrgenommen

Gildas Musik ist heute ganz selbstverständlich überall zu hören: in Fußballstadien, bei Hochzeiten, in Schulen. Vielleicht kann man sagen, dass sie jetzt dort ist, wo sie immer sein wollte: zwischen Himmel und Erde.

Cooperativa Sub ist ein Zusammenschluss junger Fotografen in Buenos Aires. Sie teilen Büro und Einnahmen und wollen mehr schaffen als die Summe der einzelnen Teile. Im Freitag erschien von dem Kollektiv zuletzt im Januar eine Fotoreportage über Vegetarier

Übersetzung: Zilla Hofman
09:00 23.09.2012

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