Die Angstmaschine

Washington-Sniper Ein Amokläufer als biblischer Würgeengel

Das Leben schreibt die besten Geschichten und die schlechtesten. Das Fernsehen serviert sie uns unter dem Deckmantel der Informationspflicht und freien Meinungsbildung als unterhaltsamen Bildersalat aus facts and fictions mit dem Ziel, unsere permanente Aufmerksamkeit zu erringen und dem Synergie-Effekt, dass wir aufhören, uns ein eigenes Bild zu machen. Ging es bei Scheherazade noch um Kopf und Kragen - sie blieb am Leben, solange der Sultan nicht bei ihren Märchen einschlief -, geht es heute um Einschaltquoten und Werbeeinnahmen. Doch nicht nur. Schon Scheherazade verstand es, Überlebenswillen und Konkurrenzstreben mit Politik zu paaren. So wurde die beste Märchenerzählerin im Serail Beraterin im Krisenstab des Sultans. Eine Art Condoleezza Rice des Ottomanischen Weltreichs.

Das Fernsehen als deutsche Erfindung wurde in Amerika zu dem, was es heute ist - das Medium der psychologischen Kriegführung. Daher meinte wohl Silvio Berlusconi bei seinem Wechsel in die Politik: "Diejenigen, die das Fernsehen nicht mögen, sind diejenigen, die Amerika nicht mögen."

Glaubte man am 11. September noch, der Inszenierung eines Alptraums beizuwohnen, der unwirklicher nicht sein kann, ist ein Jahr später wahr geworden, was Heiner Müller mit "das Böse ist die Zukunft" meinte. Bali, die Insel der Seligen und Unsäglichen, wurde zur Toten-Insel. Die Täterprofile waren so schnell erstellt wie in New York und auf dieselbe Weise. Wieder hatte einer der Terroristen seinen unkaputtbaren Ausweis am Tatort verloren, der ihn mit al Qaida in Verbindung bringt. Kein guter Drehbuchautor würde ein so fragwürdiges Indiz zweimal verkaufen. Da es sich hier um die Fortsetzung eines Mehrteilers handelt, muss der im ersten Teil spurlos verschwundene Oberbösewicht wieder auftauchen. Bin Ladens unbekannter Bruder in Indonesien ist - dramaturgisch gesehen - ein cleverer Schachzug. Bisher hieß es, Osama sei das Schwarze Schaf der Familie.

Ohne Zögern räumte die CIA diesmal ein, zuvor von dem Bombenanschlag gewusst zu haben, nur Datum und Ort waren ihr entfallen. Weil es keine amerikanischen Opfer gab, mischt sich das FBI nicht ein. Es verlor allerdings eine Mitarbeiterin der Abteilung "Geheimdossiers" durch den scheinbar wahllos tötenden Serien-Mörder von Washington. Solche Zufälle passieren nicht einmal in schlechten Krimis. Gute Kriminalfilme sind wie dunkle, leere Gebäude, die Angst auf allen Ebenen machen und jedes Detail der großen Metaphernmaschine "Wahrnehmung" zuordnen. Das Fernsehen dagegen kriminalisiert die reale Wirklichkeit und macht uns zum Mitwisser von Weltereignissen, die unseren Horizont übersteigen. In God´s own country gehören Serienmörder zum Alltag wie Coca Cola und McDonald´s.

Das Neue ist, dass mit Bushs Kreuzzug gegen den Terror wie gerufen ein Amokläufer als biblischer Würgeengel erscheint und Washington D.C. zum unsichersten Ort nach Kabul und Gaza macht. Auch diesmal lieferten Hollywood-Autoren die Vorlage in zahlreichen Varianten. Dass der oder die Täter gebürtige Amerikaner sind, scheint gewiss. Die rätselhafte Spur des Todes liest sich wie eine bewusste Referenz an die Sechziger. Manassas heißt einer der Orte, wo der Heckenschütze tötete. Crosby, Stills Nash nannten ihr legendäres Rockalbum nach dieser Stadt in Virginia. Wenn der oder die Täter - wie FBI-Profiler behaupten - ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Medien treiben, könnten die düsteren Balladen des Albums Manassas etwas bedeuten. Da gibt es den Song Military madness, der von der Erziehung zum Töten auf Befehl handelt. Das FBI meint, der Killer müsse eine militärische Spezialausbildung als Scharfschütze haben. CNN dagegen mutmaßt gebetsmühlenartig, al Qaida-Terroristen seien am Werk.

Als die Anthrax-Briefe Amerika in Schrecken versetzten, hieß es sofort: Osama hat biologische Waffen. Bis heute gibt es keine heiße Spur, obwohl Experten versichern, dass nur sieben namentlich bekannte US-Biochemiker in der Lage sind, diese tödliche Substanz herzustellen. Doch das Thema scheint passé. Jetzt läuft der Film The Serial Sniper auf allen Kanälen. Vor wenigen Tagen erwischte es einen Mann vor einem PONDEROSA-Restaurant im Hanover County. Warum waren die Cartwright-Brüder nicht zur Stelle, um den Täter zu fassen?

So muss man abwarten, wo das Phantom der Waffenschein-Freiheit als nächstes zuschlägt. Hoffentlich nicht in East-Berlin, Pennsylvania. Das wäre ein böser Scherz des Drehbuchautors und könnte dazu führen, dass Deutschland wegen des Kanzlers Irak-Haltung noch zum Schurkenstaat erklärt wird. George Bushs undemokratische Drohung: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns", erscheint im Kontext seiner problematischen Amtseinführung und nachfolgenden Terrorszenarien wie die Versuchsanordnung einer kontrollierten Kettenreaktion. Sie heißt "New World Order" und wurde einst von Bush senior publik gemacht. Der Psychologe Paul Watzlawick analysiert in seinem Buch Wie wirklich ist die Wirklichkeit die Syntax von Drohgebärden wie folgt: "Eine Drohung ist daher am wirkungsvollsten, wenn ihr Urheber eine Situation herbeiführen kann, in der es schließlich nicht mehr in seiner Macht liegt, die angedrohten Folgen aufzuhalten oder rückgängig zu machen, obwohl er sie ursprünglich selbst einleitete."

Wer da noch an Zufälle oder Schicksal glaubt, sieht keine Hollywoodfilme und hat im Geschichtsunterricht geschlafen. Der Fall Gleiwitz lieferte Hitler den Grund, in Polen einzufallen. Die Nähe großer Untaten wirkt sich günstig auf die Beziehungen des Menschen zum Absoluten aus. Und das Absolute braucht die Gleichschaltung relativ träger Massen. Ihre individuelle Angst vor Gewalt und Tod muss in kollektives Heldentum verwandelt werden, um Kriegziele zu popularisieren. Deshalb laufen die alten Rambo-Filme wieder in den US-Kinos. Da sagt Sylvester Stallone an einer Stelle: "Einen Krieg überleben heißt, dass man selbst dieser Krieg wird."

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00:00 25.10.2002

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