Die Anstrengung der vielen

Essay Unsere Lebenswelt ist auf Wettbewerb gepolt, angeblich führt nur Konkurrenz zu Fortschritt. Stimmt aber nicht. Ein Lob der Kooperation
Die Anstrengung der vielen
Das Möhren-Prinzip: Einseitiges Konkurrenzdenken führt im Feld zu immer kleineren Erträgen

Foto: Martin Parr/Magnum Photos/Agentur Focus

Wo immer es ein Problem gibt, soll es der Wettbewerb richten. Neuerdings wird sogar „mehr Wettbewerb in der Pflege“ gefordert. Hat gar ein Land ein Problem, wie etwa Griechenland nach der Finanzkrise, reiten die Anzugträger von IWF und EZB ein und verordnen „mehr Wettbewerb“. In der EU gibt es sogar einen „Wettbewerbskommissar“.

So ist das heute bis in den Alltag hineingekrochen. Jeder versucht sich selbst zu optimieren, sein Ich zu verbessern, und dieses optimierte Selbst auch im besten Licht erscheinen zu lassen, von Instagram bis Facebook. Die Selbsttechniken der Ich-Optimierung sind das eine, aber sie sind auch nicht zu trennen von einer Ideologie, die die Konkurrenz zur eigentlichen Conditio humana des menschlichen Wesens erklärt und auch zum Motor von Fortschritt. Wirtschaftliche Prosperität sei nur durch Konkurrenz zu haben, also dadurch, dass Menschen gegeneinander und für das kleine fiese Eigeninteresse agieren, und auch der technologische Fortschritt komme deshalb in die Welt, weil Einzelne andere Einzelne übertrumpfen wollen.

Von da ist es dann nicht mehr weit zu einem neoliberalen, kaltherzigen Konservativismus, der mit sozialdarwinistischen Plattitüden ausgerechnet das Sozialagieren des Herden- und Gemeinschaftstieres Mensch zum Krieg jedes gegen jeden fantasiert. Schwächlichkeit oder Humanitätsgesäusel würden letztendlich das Gegenteil dessen bewirken, was seine Fürsprecher anstreben, nämlich die Verbesserung der Welt.

Glücklicherweise ist die Welt nicht so. Die Konkurrenzfanatiker meinen zwar, dass in streng sozialdarwinistischer Manier, wie im Tierreich auch unter Menschen, der harte Kampf ums Überleben herrscht und nur der „Stärkste“ überlebt. Doch das trifft nicht einmal auf das Tierreich zu. Darwin sprach nie davon, dass der „Stärkste“ überlebe – sondern vom „Survival of the fittest“. Das heißt aber etwas ganz anderes: Der ist am besten gerüstet, der sich am besten an seine Umweltbedingungen anpasst. Dies schließt nicht nur Konkurrenz ein, sondern auch kluge Kooperation. Das soll natürlich nicht heißen, dass es nicht im zwischenmenschlichen Verkehr zu Gewalt, Mord, Totschlag und groben Gemeinheiten kommt – ohne Zweifel geschieht das. Es wäre lächerlich, das zu leugnen. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man davon ausgeht, dass die Menschen quasi soziobiologisch auf Konkurrenz und Kampf programmiert sind, wie das die Konservativen tun, oder ob man annimmt, dass sie sehr wohl auch zur Kooperation fähig sind.

Karl Marx

Doch wenigstens im Feld des Ökonomischen habe die Konkurrenz das Sagen und bürge für bessere Ergebnisse, wird dann gerne eingewandt. Aber selbst das ist sehr fragwürdig. Denn wesentliche Teile der kapitalistischen Ökonomie sind überhaupt nicht von Konkurrenz geprägt. Man kann beinahe sagen: Das Erfolgsgeheimnis der kapitalistischen Industriegesellschaft war von Beginn an viel mehr die Kooperation als die Konkurrenz. Immer größer wurden die Wirtschaftseinheiten, die Fabriken und Unternehmen, innerhalb derer viele Tausende Menschen kooperieren. Und sehr bald wurde deutlich, dass die Vorteile dieser Kooperation nicht nur in der effizienten Kombination von Arbeitsschritten auf stetig höherer Stufenleiter liegen, sondern auch im eigensinnigen, wechselseitigen und kreativen Miteinander der Kooperierenden selbst, oder anders formuliert: im Teamgeist. „Im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen“, urteilte Karl Marx. Indem der Mensch mit anderen gemeinsam tätig ist, erfährt er sich als Teil eines größeren und mächtigeren Ganzen – und gleichzeitig die Grenzen eines bloß individuellen Wirkens und Lebens.

Jeder Reichtum im Kapitalismus ist gesellschaftlich produziert, alle arbeiten hier kooperativ miteinander, weder dem Unternehmer noch dem Kapitalgeber kommt hier grundsätzlich eine privilegierte Funktion zu. Die Kapitalisten tragen etwas bei, aber nichts Außerordentlicheres als etwa die Schuldirektorin, die die Schule organisiert, und der Lehrer, der die Schüler unterrichtet, und der Vorarbeiter, der die Lehrmädchen einschult, und der Arbeiter, der die Maschine bedient, oder die Buchhalterin, die die Bücher führt, und die Putzfrau, die die Büros wischt.

Es ist dieser gesellschaftliche Charakter, dieses kooperative Zusammenwirken, das Reichtümer schafft, das in seiner Komplexität, wie Marx bewundernd schreibt, beeindruckender ist als das Zusammenwirken Tausender Arbeiter beim Bau der Pyramiden im alten Ägypten (und der – unter Gerechtigkeitsaspekten – große Skandal dieser sozialen Ordnung besteht darin, dass sich der Unternehmer oder Kapitalbesitzer den größeren Teil der Reichtümer privat aneignet).

„Es gibt keine individuelle Leistung im quasiphysikalischen Sinne, hinter allem, was Menschen erreichen, stehen letztlich die Anstrengungen von vielen“, schreibt die deutsche Sozialwissenschaftlerin Nina Verheyen in ihrem jüngst erschienenen, gefeierten Buch Die Erfindung der Leistung.

Es ist reine, nackte Ideologie – und eine dumme noch dazu –, angesichts dieser Wirklichkeit die Idee zu entwickeln, eine verallgemeinerte Ordnung der Konkurrenz wäre die Quelle menschlichen Fortschrittes. „Die Arbeitsteilung ist das Korrektiv der Konkurrenz ... sie schließt die gesellschaftliche Einheit in demselben Maße, in dem die Konkurrenz sie spaltet“, wusste auch schon Georg Simmel. Der große Soziologe der vorletzten Jahrhundertwende war dabei ein großer Anhänger der Konkurrenz. Was Simmel für die Konkurrenz ins Treffen zu führen hat, ist brillant und intellektuell den simplen Wettbewerbsideologien haushoch überlegen. Eingebettet und gezähmt kann sie positive Wirkungen zeitigen, war Simmel überzeugt, ja mehr noch: dass sie sogar eine Form des Wettstreites sein kann, die mehr Bande knüpft als zerreißt. „Für das soziologische Wesen der Konkurrenz ist es zunächst bestimmend, dass der Kampf ein indirekter ist“, konnte Simmel vor mehr als 110 Jahren daher formulieren.

Die Fäden des Sozialen

In Konkurrenzkämpfen stehen sich Gegner nicht direkt gegenüber, wie etwa bei einem Box- oder Ringkampf, sondern sie konkurrieren um Dritte: um die Kundschaft, die Gunst des Publikums, die Liebe einer Frau und so weiter. Anders als in vielen anderen Kampfarten ist im Konkurrenzkampf nicht die Besiegung des Gegners schon der Siegespreis. Die bloße Niederringung des Gegners ist sogar belanglos: Geht die Konkurrenz bankrott, ist damit noch nichts gewonnen, wenn die Kundschaft meine Ware nicht haben will. Simmel: „Man kämpft mit dem Gegner, ohne sich gegen ihn zu wenden, sozusagen ohne ihn zu berühren.“

Darin nun liege, so Simmel, der ungeheure Wert der Konkurrenz. Man wendet sich nicht auf negative Weise dem Konkurrenten zu, sondern auf positive Weise dem Dritten, um dessen Gunst man konkurriert. Er rückt dieses Wetteifern in die Nähe der Liebe. Die Konkurrenz festige daher Bande des Gesellschaftlichen, sie zerreißt sie nicht: „Man pflegt von der Konkurrenz ihre vergiftenden, zersprengenden, zerstörenden Wirkungen hervorzuheben … Daneben aber steht doch diese ungeheure, vergesellschaftende Wirkung: Sie zwingt den Bewerber, der einen Mitbewerber neben sich hat und häufig erst hierdurch ein eigentlicher Bewerber wird, dem Umworbenen entgegen- und nahezukommen, sich ihm zu verbinden … Die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf aller gegen alle kennzeichnet, ist doch zugleich der Kampf aller um alle.“

Aber gilt das heute noch? Dass die tägliche (Status-)Konkurrenz die Fäden des Sozialen stärke, wie das Simmel noch annehmen konnte, kann man heute freilich mit Recht in Frage stellen. Verallgemeinerte Konkurrenz ist ein verallgemeinertes Übel. Nicht, dass Menschen gelegentlich konkurrieren ist das Problem. Im Gegenteil: Das trägt das seine dazu bei, dass gelegentlich Höchstleistungen erbracht werden. Die Konkurrenz konnte zu einem der größten Übel unserer Zeit werden, weil sie so allgemein als nützlich akzeptiert, ja gefeiert wird. Wenn jeder das Gefühl hat, am Ende alleine zu stehen, dann wird der Boden unter den Füßen brüchig. „Die Konkurrenz führt unweigerlich zu einem verdeckten Bürgerkrieg zwischen den Individuen“, schrieb schon der Frühsozialist Robert Owen. Und sein französischer Geistesverwandter Louis Blanc wetterte: „Unter der Konkurrenz gibt es keine Freiheit, denn sie hindert die Schwächsten, ihre Fähigkeiten zu entfalten, und liefert sie den Stärksten aus.“ Sie sei ein „abscheuliches System“, angetan dazu, „die Welt in Brand zu stecken“.

06:00 10.10.2018

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