Die Augen eines Erschrockenen

Zeitschriftenschau Die Dresdner Hefte, herausgegeben vom dortigen Geschichtsverein, erscheinen seit 1983 vier Mal pro Jahr und widmen sich naturgemäß lokal- und ...

Die Dresdner Hefte, herausgegeben vom dortigen Geschichtsverein, erscheinen seit 1983 vier Mal pro Jahr und widmen sich naturgemäß lokal- und regionalgeschichtlichen Themen. In der Regel kann man den Heften, wenn man nur die Titel liest, etwa "Absolutismus in Sachsen" (Nr. 3/1984) oder "Die Moritzburger Kulturlandschaft" (Nr. 42/1995), nicht anmerken, ob sie nun vor oder nach der Wende herausgekommen sind. Auch inhaltlich dürften die braven Mitarbeiter stets vorsichtig zu Werk gegangen sein, gleichsam im Windschatten ihrer Gegenstände. Immerhin erschien im Jahr 1999 ein Heft über die Bürgerbewegung 1989/90 in Dresden.

Die jüngste Ausgabe (Nr. 72) stellt sich dem Thema "Dresden und der Expressionismus". Sie ersetzt ein gleichnamiges, längst vergriffenes Heft aus dem Jahr 1988, dessen Nachdruck, so die Redaktion, "aus vielen Gründen" nicht möglich war. Ein Grund könnte sein, dass in der DDR Kunst und Literatur des Expressionismus schlecht angesehen waren und offiziell, fast wie zu Alfred Kurellas Zeiten, noch als "Wegbereiter des Faschismus" betrachtet wurden.

Was hat - könnte man fragen - der aggressiv am Konzept eines "neuen Menschen" orientierte Expressionismus im sanften Elbflorenz verloren, zu dem der Impressionismus weit besser gepasst hätte? Aber war nicht auch Nietzsche, auf den sich die Expressionisten beriefen, ein Sachse gewesen? War nicht Richard Wagner in seiner Dresdner Zeit auf die Barrikaden gestiegen? Neben Berlin und München war Dresden, so Hans-Peter Lühr einleitend, "der wichtigste Schauplatz" des deutschen Expressionismus und sein "eigentlicher Geburtsort". Vier Architekturstudenten: Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gründeten hier 1905 die Künstlergemeinschaft "Die Brücke"; Max Pechstein und Emil Nolde traten später hinzu. Ihr künstlerischer Weg wurde zu einem Exempel der Moderne. 1911 zog man nach Berlin weiter.

Doch bald schon folgte die zweite Generation der Dresdner Expressionisten, die auf eine sich katastrophisch verändernde Kriegs- und Nachkriegssituation radikal politisch reagierten. 1916 wurde Walter Hasenclevers Drama Der Sohn uraufgeführt, 1917 erschien Oscar Kokoschka in Dresden und mit ihm sein Drama Mörder, Hoffnung der Frauen; 1918 kam die erste Nummer der Zeitschrift Menschen heraus. 1919 gründeten Maler, darunter Conrad Felixmüller und Otto Dix, die Dresdner Sezession, die erst Mitte der zwanziger Jahre zerfiel.

Bereits in den sechziger Jahren hat der Weimarer Dichter Wulf Kirsten Material über die Dresdner Expressionisten zusammengetragen. In den Dresdner Heften berichtet er nun über den vergessenen Bohemien Iwar von Lücken, einen baltischen Baron und Schnorrer, der in Dresden unter kümmerlichsten Verhältnissen lebte. Sein Werk ist klein und fragmentarisch. Es gibt von ihm lediglich ein Bändchen mit 29 Gedichten; seine Dramen soll er verbrannt haben. Als Dichter höchstens ein Randläufer, war er im Stadtbild eine auffallende Erscheinung und ein begehrtes Maler-Modell: Otto Dix und Conrad Felixmüller haben ihn gemalt, Kokoschka hat ihn sogar mehrmals porträtiert, mit "weit aufgerissenen Augen eines Erschrockenen", zerschlissen, wie einem Roman von Dostojewski entsprungen. Lücken hielt sich später in Berlin, dann in Paris auf, wo er wohl 1939 starb.

Bekannter war damals der von Peter Ludewig präsentierte Schriftsteller Felix Stiemer, der ab 1916 das Beziehungsnetz für die "Expressionistische Arbeitsgemeinschaft Dresden" knüpfte, Autorenabende organisierte, die Zeitschrift Menschen herausgab und einen kleinen Verlag gründete. Auch der von Peter Salomon vorgestellte Rudolf Adrian Dietrich zählte zu den zentralen Gestalten des Dresdner Expressionismus, als Dichter und Herausgeber, Dramaturg und "Beweger", Projektmacher und Lebenskünstler - auch eine Art "Expressionismus-Darsteller", der umherzog und Kontakte stiftete. Der Titel seines Gedichtbands Der Gotiker verhalf ihm zu seinem Übernamen: "Dietrich der Gotiker", der - so heißt es - recht konturlose Gedichte schrieb, was der Leser freilich, da es dem Heft an Textbeispielen mangelt, nicht nachprüfen kann.

Dresdner Hefte, Nr. 72/2002 (Wilsdruffer Str. 2 a, 01067 Dresden). 4 EUR

00:00 07.03.2003

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