Die Entdeckung der Dauer

Historiker Ein Jahrhundert ist gerade mal ein Wimpernschlag: Fernand Braudels Vorlesungen in deutscher Kriegsgefangenschaft
Wolfgang Walkiewicz | Ausgabe 19/2013 3
Die Entdeckung der Dauer

Foto: Süddeutsche Zeitung

Ein außergewöhnliches Kolloquium fand oberhalb von Toulon im Oktober 1985 statt. Drei Tage lang diskutierten eminente Wissenschaftler vor entsprechender Kulisse über die Welt des Mittelmeeres, den Kapitalismus als Epoche und die historische Identität Frankreichs. Keinen Geringeren als Fernand Braudel galt es zu ehren, den Hauptvertreter der zweiten Generation der „Annales“-Schule. Der 83-Jährige zeigte sich ein letztes Mal in seinem Element, belehrte, ironisierte, provozierte und attackierte maliziös. Natürlich duzte das Mitglied der Académie française seine auch schon grauhaarigen Schüler, natürlich blieben diese dem „Maître“ gegenüber beim respektvollen Sie.

Und es war auffällig: Schon in seinem Einführungsvortrag berichtete Braudel, dass er „das Unglück oder das Glück hatte, mehr als fünf Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft zu verbringen“. Ja, das Glück. Als Gefangener habe er seinen bescheidenen wissenschaftlichen Standpunkt entwickelt: „Für Gottvater zählt ein Jahr nicht; ein Jahrhundert ist nicht mehr als ein Wimpernschlag“. Langsam habe er sich von der Oberflächenhistorie abgewandt. „Als Gefangener in der Festung Mainz betrachtete ich die Jesuitenkirchen am Horizont, und ich war sicher, dass die lateinische Welt die Rheinufer erobert hatte“. Der Begriff „lange Dauer“, Distinktionsmerkmal der „Annales“, zeichnet sich ab. Er zielt auf Veränderungen, die sich so langsam vollziehen, dass wir Ereignis-Fixierten (und -Gejagten) sie nur selten, eher in Ausnahmesituationen, wahrnehmen. Ein interessanter Zufall, dass Braudels späterer Kollege, Ernest Labrousse, von dem „Gefängnis der langen Dauer“ sprach.

Eigentlich hatte Braudel im Haus seines Mentors Lucien Febvre eine Arbeit über Philippe II. beenden wollen. „Dann kam der Krieg“, wie er lakonisch schreibt. Leutnant Braudel wurde ins Offiziersgefangenenlager Mainz überführt und kam dann wegen seiner „lothringischen Aufmüpfigkeit“ zu den „Politischen“ nach Lübeck. Erst Anfang Mai 1945 wurde er befreit. Glücklicherweise respektierten die Nazis westlichen Offizieren gegenüber die Genfer Konvention, und so nutzten die Gefangenen ihre Privilegien. Sie gründeten sogar „Centres universitaires“. Braudel wurde ihr Rektor, was ihm wiederum Vorrechte verschaffte, und sei es nur die Ausleihe deutscher Fachliteratur. Unermüdlich arbeitete er in der „langen Dauer“ der Gefangenschaft an seinem Mittelmeerbuch. Zahlreiche Schulhefte mit den fertigen Kapiteln schickte er an Febvre – versehen mit dem Lagerstempel.

In der Zeit der Extreme

Und er stellte in Vorlesungen den Mitgefangenen seine Sicht der Geschichte dar. Der Historiker Peter Schöttler hat sie nun in deutscher Übersetzung vorgelegt. Ihr programmatischer Titel Geschichte als Schlüssel zur Welt kommt uns heutigen Lesern fast anmaßend vor.

Wie aber soll es in dieser Zeit der Extreme anders sein? Der eine der großen Annales-Gründer, Marc Bloch, geht schließlich in den Untergrund und wird 1944 von den Nazis gefoltert und ermordet. Der andere, Lucien Febvre, geht scheinbar unpolitisch seiner Arbeit nach und muss sich nach der Befreiung zu Unrecht als Kollaborateur beschimpfen lassen. Und der Gaullist Fernand Braudel, kein Mann des aktiven Widerstands, sitzt in deutscher „Capitivité“ und studiert, begünstigt durch seinen Offiziersstatus, die Werke seiner deutschen Kollegen, zum Teil mit ziemlicher Zustimmung. Gleichzeitig sind einige dieser Kollegen – Peter Schöttler hat dies an anderer Stelle gezeigt – mit der Konzipierung einer völkischen „Einmarschhistorie“ beschäftigt. Ihr Leitbegriff ist wie bei Braudel der Raum, hier der „Lebensraum“. Ihr Ziel ist es, den französischen Norden von der Somme-Mündung bis zur Franche-Comté zu „regermanisieren“. So stellt ein Franz Petri mittels Ortsnamengeschichte und Grabformen eine frühe germanische Besiedlung Nordfrankreichs bis zur „nordischen Rassengrenze“ an der Loire fest.

Die Vorlesungen in der Gefangenschaft wurden frei gehalten. Braudel begann gegen Ende des Krieges, sie auf der Grundlage von Mitschriften zu redigieren, sodass sie leider nicht immer wörtlich wiedergegeben sind. Ihr Erkenntniswert liegt in der Demonstration von Braudels „spatial turn“, den der Autor auch in der Kriegsgefangenschaft begründet siehe: Er habe zu denen gehört, berichtet Braudel 1985, die die deutsche Presse aufmerksam zu lesen hatten. Das Problem bestand darin, im Wirbel der bedrängenden Ereignisse eine Gelassenheit zu entwickeln.

Dabei beginnt er die Vorlesungen scheinbar zeitgeschichtlich: „Mein Anspruch ist es, Ihnen die Gegenwart zu erklären“, um dann aber fortzufahren: „weitab von den Verhältnissen, in denen wir uns befinden“. Unter der „Ereignisgeschichte“ liege eine Tiefengeschichte, die „unter der Oberfläche eine mächtige, ungleich festere Masse bildet, und die eine trägt die andere, so wie die Bewegung der Flut die Wellen trägt“.

Eine soziale Physik

Braudel scheut sich nicht (und wir, die wir mit Paul Veyne zu wissen glauben, was Geschichtsschreibung nicht ist, schrecken auf) die Geschichtswissenschaft mit einer „sozialen Physik“ zu vergleichen: Genauso wie der Physiker müsse der Historiker eine wissenschaftliche Haltung einnehmen: „leidenschaftslos beobachten, unvoreingenommen schließen, von unseren moralischen und gesellschaftlichen Positionen abstrahieren“. Sein Programm erläutert er mit dem entstehenden Mittelmeerbuch: „Ich wollte nicht nur die Geschichte der Regierungen und Kriegsflotten, der Wirtschaftssysteme, Gesellschaften und Zivilisationen schreiben, sondern ebenso die monotone, aber starke und nachhaltige Geschichte der permanenten Zwänge, die sich aus dem Relief, dem Boden, dem Klima und dem Lebensmilieu ergeben“. Damit übernimmt Braudel, mitten im Krieg, einige Thesen der „deutschen Geographen“. Allerdings kritisiert er deren Denkstil, nämlich die Konsequenzen einer Idee zu Ende zu entwickeln. Dagegen sei ein „geographisches Milieu“ immer ein „Ensemble von Möglichkeiten“.

Es geht um die Pole des Sozialen und des Raums. „Die Gesellschaft projiziert sich in den Raum und haftet an ihm“, ist so ein Braudel’scher Kernsatz. Diese Haftung ist als Formierung zu begreifen. Nach dem Krieg wird Braudel sein Konzept dynamisieren: Zwischen der oberflächlichen Ereignisgeschichte und der langen Dauer etabliert er als mittlere Kategorie das „Rezitativ der Konjunktur, den Zyklus, das, was uns die Wahl zwischen einem Dutzend Jahren, einem Vierteljahrhundert und dem halben Jahrhundert“ lässt. Kurze und lange Dauer berühren sich.

Das in der Gefangenschaft entwickelte Projekt bleibt nicht fruchtlos. Man denke an die zahlreichen Meisterwerke der Annales-Schule, die des „Maître“, aber auch die seiner so unterschiedlichen Schüler – aller in den sechziger Jahren einsetzenden, berechtigten Kritik zum Trotz. Schließlich ist Braudels Ansatz, so szientistisch er daherkommt, eine Anleitung zum Respekt vor dem Vergangenen, den Menschen und den Sachen. Gerade dann, wenn die Event-Zivilisation beginnt, zur langen Dauer zu werden.

Geschichte als Schlüssel zur Welt Fernand Braudel Peter Schöttler (Hg. u. Übers.), Klett Cotta 2013, 224. S., 22,95 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

09:00 12.05.2013

Kommentare 3