Die Exotik ist stärker

Im Gespräch Catherine David über westliche Vorurteile, Bilder im Mittleren Osten und die Filmkritiker unter den Mullahs

Catherine David, 1954 in Paris geboren, ist Kunsthistorikerin und Ausstellungskuratorin. Von 1994 bis 1997 war sie Künstlerische Leiterin der Documenta X in Kassel. Im Frühjahr 2006 kuratierte David die Ausstellung "The Iraqi Equation" in Berlin und Barcelona.

FREITAG: In einer aktuellen Meldung las ich gerade, der iranischen Basketball-Mannschaft sei untersagt worden, sich öffentlich mit Tattoos zu schmücken. So etwas bestätigt natürlich die triviale Annahme hier im Westen, dass sich das historische islamische Bilderverbot auch auf jeden aktuellen Film, jedes aktuelle Kunstwerk aus der islamischen Region auswirke. Gibt es Ihrer Meinung nach diesen Einfluss oder hat das Bilderverbot gar keine Wirkungskraft in den Künsten?
CATHERINE DAVID: Das ist nicht einfach zu beantworten: Betrachtet man den religiösen Text, erscheint das Bilderverbot als Legende, abgesehen von einigen wenigen Überlieferungen, die aber nie wirklich streng umgesetzt wurden, was schließlich die langjährige Existenz etwa des ägyptischen Kinos belegt. Eines der ganz wenigen Länder, in denen islamisches Recht auf das Kino angewandt wurde, ist der Iran. Die meisten dort produzierten Filme beachten tatsächlich eine Anzahl religiöser Gebote. Da wir diese aber nicht kennen, nehmen wir das gar nicht wahr - bis uns ein jemand aus der Region erklärt, dass man etwa niemals sieht, wie jemand ein Licht ansteckt, denn das Licht ist einzig Gottes. Eine französische Iranistin hat dies sehr geistreich kommentiert und in ihrem Buch über iranisches Kino mit einigem Humor dargelegt, dass einige der besten Filmkritiker als Mullahs in der heiligen Stadt Qom sitzen.

Aber kann selbst im Iran die Zensur umgangen werden?
Ich erinnere mich an einen Dokumentarfilm von Bahman Kiarostami - Koffar (Infidels, 2003) -, da gibt es eine Szene mit einem Zigeuner aus dem Norden Irans, die verbal wie gestisch eindeutig sexuell ist. Ich fragte ihn "Bahman! Was hast du da nur gemacht?" Er sagte nur: "Was denn?" Dieser Film lief sogar auf dem Fajr-Filmfestival und niemand hat sich darum gekümmert. Also: selbst im Iran ist die Situation komplexer als wir denken. Und generell verhält es sich mit der Bilderfrage sogar umgekehrt: Seit dem 10. Jahrhundert gibt es eine regelrechte Explosion von Bildern im Mittleren Osten. Wenn man heute nach Beirut geht, findet man eine unglaubliche Anzahl von Bildern: Prada, Gucci, Armani, Plakate von Politikern und im Süden die Produktion von Märtyrer- und Helden-Ikonen. Das ist eine Welt voller Bilder.

Ein anderes westliches Vorurteil spiegelt sich in der häufig gestellten Frage, inwieweit die Künste des Nahen und Mittleren Ostens auch eine gewisse "globale" Modernität transportieren.
Nun, als zeitgenössische Menschen sind die Künstler vor allem unzufrieden mit den Projektionen des Westens: Der Iran ist nicht voller Schwachköpfe. Mir persönlich erscheint Teheran in vielerlei Hinsicht dynamischer und interessanter als beispielsweise Moskau, das sich in der Hand einer Mafia befindet. Nun gibt es im Iran vielleicht auch eine Art Mafia, aber global gesehen ist Teheran eine wesentlich offenere Stadt - mit oder ohne Schleier. Die Leute versuchen dabei gar nicht, "modern" zu sein oder "clever" oder was auch immer, sondern sich einfach mit ihren Realitäten zu arrangieren.

Was also ist das spezifisch Moderne im Mittleren Osten?
Die größte Herausforderung der Gegenwart besteht darin, Bilder herzustellen und zu vermitteln, wo bislang Klischees existierten. Um Komplexität darzustellen, Diversität, Originalität, Konflikte und eben nicht "verschleierte Frauen" oder "arme Fellachen". Wenn ich einzelne Menschen treffe, möchte ich auch Differenzen sehen - wo es doch offenkundig große soziale, politische, herrschaftliche Unterschiede gibt. Ich glaube, sie sind dort genauso modern, wie wir es nur sein können. Aber wie genau definiert man "Modernität"? Als eine Art Ping-Pong zwischen London, Berlin, Paris und vielleicht noch Moskau - oder eher als ein hochgradig komplexes Moment, das sich über Jahrhunderte hin entwickelte.

Der Mittlere Osten wäre dann an der Peripherie dieser Achsen?
Ich glaube nicht daran, dass es Zentrum und Peripherie gibt: jene, die Neues erfinden, und jene, die kopieren. Wenn wir den Iran nehmen: Film wurde dort von der ersten Sekunde an genutzt. Die erste Filmvorführung im Iran fand zur selben Zeit wie die der Lumières in Paris statt. Die Künstler dort sind definitiv modern, und sie versuchen definitiv, dieser Situation angemessene Bilder zu entwerfen. Natürlich auf ihre eigene Weise: Bahman Kiarostami arbeitet anders als sein Vater Abbas; in seinem Werk gibt es einen durchgängigen Diskurs über gesellschaftliche Dissoziation und Ähnliches. Deshalb gilt auch: Wer vom Mittleren Osten etwas Exotisches erwartet, wird bis zu einem gewissen Grad enttäuscht sein.

Wenn es so viel moderne, individuelle Ansätze in dieser Kunst, diesem Filmschaffen gibt - wo sehen Sie dann das typisch Arabische und das typisch Iranische?
Es hängt wieder davon ab, was Sie typisch nennen: Sie sind nicht typisch deutsch-iranisch, ich bin nicht typisch französisch. Was sich manchmal ausmachen lässt, ist eine ausgeprägte Subtilität, ein Scharfsinn, den man allerdings nur dann ausbilden kann, wenn man Zeit für Selbstdistanzierung hat, für Analyse, für die Errichtung eines Bildes - nicht um Klischees zu reproduzieren -, sondern Images, was etwas anderes ist. Die meisten Künstler sind ganz anders als etwa Shirin Neshat, die für mich das typische Exempel für einen Schwindel darstellt. Ihre Kunst steht in der Tradition westlicher Klischees, was ich sehr problematisch finde. Es gibt nicht etwas "Orientalisches" als solches, aber ich glaube, es gibt in diesen Werken eine Reihe von Subtilitäten und Ausdrucksformen, die eben von nirgendwo anders stammen können. Das heißt auch: Man muss sie lesen können ... Ich glaube nicht an "Identität" als ein Paket, eher als einen permanenten, unbegrenzten Prozess der "Identifizierung". Die Identität steht bis zu einem bestimmten Grad fest, wenn man stirbt, aber bis dahin? Man findet faszinierende Biografien von Menschen, die als gebürtige Schwarze oder Briten vollständig Teil der Region "Orient" geworden sind.

Viele der von Ihnen ausgewählten Künstler haben eine Identitätvon Migranten, sie leben teils in den Vereinigten Staaten oder Frankreich und teils in Beirut oder Kairo.
Gerade der Libanon ist ein sehr komplizierter Fall: als Land, dessen Bevölkerungsmehrheit außerhalb der Landesgrenzen lebt. Es gibt mehr Libanesen in Afrika, Frankreich, den USA und anderen Ländern als im Libanon. Wenn Sie sich im Mittleren Osten umsehen, ist es überhaupt sehr erstaunlich, wie mobil diese Bevölkerung ist: Was ist Jordanien? Eine halbe Million Iraker, die Palästinenser ... Entgegen allen Klischees ist extreme Mobilität wirklich ein Kennzeichen dieser Region. Viele Künstler, die ein- und auswandern, bleiben doch ihrem heimatlichen Umfeld verhaftet. Sie könnten in wesentlich besseren, angenehmeren Umständen leben, aber sie ziehen es vor, in ihrem Land zu bleiben.

Aber woher kommt dann die Inspiration? Aus der Heimat, aus dem Auslandsaufenthalt?
Man arbeitet mit Informationen, Bildern, Erfahrungen, die einem in den Weg kommen, was sonst. Sogar die Beduinen führen eine postmodernes Leben: ich kenne einige, die in der Wüste mit ihren Kamelen und Zelten leben, aber es dann den Rest der Zeit in Amman besser haben als ich. Sie haben viele Images, viele Referenzen, da müssen wir vorsichtig sein. Was ich bei dieser Diskussion nur schwer verstehe, ist die Überzeugung, dass wir hier besser informiert seien, mehr Filme sehen und so weiter.

Hat die differenzierte Sicht, die Sie hier entwerfen, überhaupt eine Chance gegenüber den Vorurteilen des Westens oder ist die Exotisierung und der Orientalismus stärker als die Realitäten?
Man kann nur schwer gegen diese Erwartungen angehen: "Ah, Sie haben einen Ausstellung? Kennen Sie denn Shirin Neshat?" - Ja, danke, die kenne ich, und sie ist definitiv nicht dabei. Ich möchte folgenden Umstand festhalten: Diese laufende Diskussion über Religion ist vollkommen unangemessen. Als ob es heutzutage keine politischen Probleme mehr gäbe, keine sozialen, kulturellen Probleme! Nur noch Islamismus und Terror - was für ein Irrsinn! Wo man auch hingeht, zuerst muss man erklären, dass Iraner keine Araber sind, und dass Araber nicht unbedingt Muslime sind, und Muslime nicht notwendigerweise Islamisten ...

Niemand wird mich als Katholikin definieren, nur weil ich aus einem europäischen Kontext komme. Aber wer auch immer aus einem arabischen Land stammt - "Muslim! Islamist!" Die meisten sind dort so Muslime wie ich hier Christin: Sie gehen niemals in die Moschee, sie kümmern sich nicht darum.

Sind die visuellen Künste überhaupt die ausdrucksstärksten im Mittleren Osten? Oder sind Texte und Musik noch einflussreicher?
Tatsächlich ist der Text in der gesamten Region - Iran eingeschlossen - extrem wirkungsmächtig, aber viele der ganz zentralen Texte liegen nicht übersetzt vor, bestenfalls in sehr merkwürdigen und schlecht übersetzten Auszügen. Außerdem gibt es eine sehr lebendige Praxis der traditionellen Musik, was in Europa immer zu dieser Konfusion führt. Man hat aber durchaus die Wahl, das Erbe durch folkloristische Simplifikationen zu zerstören oder es zeitgenössisch, mit heutigen Mitteln umzusetzen. Wenn man zu einem klassischen Lautenkonzert von Nassir Shamma geht, erwartet man nicht etwas im Stil des 12. Jahrhunderts - es gibt einen allgemeinen, umfassenden Austausch zwischen Tradition und Moderne.

Wären die entsprechenden Künstler genauso erfolgreich wenn es den westlichen Kunstmarkt nicht geben würde, die westlichen Möglichkeiten und die Bereitschaft, diese Kunst zu debattieren? Sind sie in ihren Ländern überhaupt akzeptiert?
Bei Künstlern wie Walid Raad oder Akram Zaatari geht es weniger darum, dass sie nicht akzeptiert werden - sie werden ignoriert, was schlimmer und wesentlicher ist. Wenn ich Zaatari zeige oder Walid Raad, Yaqub Lassar, Rabih Mroue, stets gibt es die Reaktion: "Das ist nicht authentisch! Nicht arabisch! Nicht der Libanon!" Natürlich ist es nicht ihr Libanon, es ist ein anderer Ausschnitt als der, den sie sehen wollen. Diesen Konflikt gibt es auch in Kairo, überall im Mittleren Osten. So bleiben die meisten dieser Künstler aus der öffentlichen Diskussion in ihren eigenen Ländern ausgegrenzt.

Also ist der Erfolg im Westen entscheidend ...
Und wiederum sehr zweischneidig: die positive Rezeption von Walid Raad etwa ist voller Missverständnisse - die interessierten Kreise sehen in ihm etwas Illustratives, das sich auf ihnen bekannte Situationen bezieht. Ich bezweifle, dass viele wirklich zum Kern seiner Arbeit vordringen, dieser Perforierung der Grenze zwischen Realität und Fiktion, über die er die öffentliche Geschichtsschreibung - und ihre Unterlassungen - im Libanon kritisiert. Diese Künstler haben sehr eigene, spezifische Ausdrucksformen, bedienen sich einer Bildsprache, die auf ihren kulturellen Hintergrund bezogen bleibt. Die ägyptisch-armenische Anna Boghiguian ist eine überaus talentierte Künstlerin, gerade in der Weise, wie sie die extreme Mobilität und Geschwindigkeit von Kairo in ihrer Arbeit thematisiert. Aber da sie in einer Art neo-expressionistischem Stil malt, gilt sie nicht als modern oder zeitgenössisch. Also: überall Missverständnisse. Das sehen wir schon am Erfolg von Shirin Neshat, die ich für eine höchst mittelmäßige Künstlerin halte.

Oder vielleicht ein gute westliche, aber keineswegs repräsentative iranische Künstlerin?
Für mich ist das einfach schlechte Arbeit: Zuerst einmal ist das wirklich keine iranische Kunst, eher eine Ansammlung von Klischees, mit geradezu armseligen Bildern und Videoarbeiten - reduziert auf Schwarz-Weiß, Mann-Frau - und unglaublicher Weise wird sie nicht nur vom Westen gefördert, sondern auch von einigen Vertretern des Regimes, die sich als liberal und modern präsentieren wollen. In Teheran werden jetzt KünstlerInnen gepusht, die Shirin Neshat kopieren, während andere - mit komplexeren Ideen, irritierenderen Bildern, die nicht das allgemeine Image des Iran bedienen - unter den Tisch fallen.

Das Gespräch führte Amin Farzanefar


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00:00 02.06.2006

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