Die Geister von Bariloche

Aufarbeitung Vor 20 Jahren begann der Prozess gegen den SS-Mann Erich Priebke. In seinem argentinischen Exil ist die Nazi-Vergangenheit bis heute tabu

San Carlos de Bariloche hat einen zweifelhaften Ruf. Die Stadt soll die Kapitale eines geheimen „Vierten Reichs“ der Nachkriegszeit gewesen sein. Zwielichtige Gestalten hätten „Nazi-Touren“ veranstaltet. Stadtrundgänge, bei denen die Wohnorte von Kriegsverbrechern in der Region besichtigt wurden. Der Geburtstag Hitlers sei dort noch gefeiert worden, Bariloche ein Nest unverbesserlicher Nazis am südlichen Ende der Welt.

Ich weiß nicht, wer Bariloche als Erster mit Tirol in Verbindung gebracht hat, der Vergleich taucht in Artikeln über die Stadt im Süden Argentiniens immer wieder auf. Zwar stimmt es, dass in Bariloche Schokolade hergestellt wird und dass Bernhardiner am Centro Cívico dösen, dem zentralen Platz, dessen strenge Gebäude denen eines Schweizer Dorfes ähneln. Doch der übrige Teil von Bariloche ist amerikanisch, die schnurgeraden Straßen, die Stromkabel, die an Holzmasten baumeln, die Slums am Rande der Stadt. Heute leben hier mehr als 120.000 Menschen.

Bariloche wurde 1895 von einem Deutschen aus Chile gegründet, der hier eine Handelsniederlassung eröffnet. Weitere europäische Siedler lassen sich nieder, in der Mehrzahl Deutsche, das Städtchen wächst. Als Hitler in Deutschland die Macht ergreift, wird das in Bariloche begrüßt, wie von vielen deutschsprachigen Emigranten in Lateinamerika.

Nach dem Krieg öffnet der argentinische Präsident Juan Perón die Tore seines Landes für die Anhänger der besiegten Achsenmächte. Deutsche, Österreicher, italienische Faschisten, französische, belgische, ungarische, slowakische Kollaborateure gelangen mit Hilfe des Roten Kreuzes und katholischer Würdenträger nach Buenos Aires. Unter den exilierten Kriegsverbrechern verbreitet sich ein Gerücht: Weit im Westen der Steppe Patagoniens am Fuße der Anden gibt es eine kleine Stadt am Ufer des Nahuel Huapi, eines geheimnisvollen Sees von atemberaubender Schönheit, in der man jagen, in Vergessenheit geraten, Ski fahren und ein neues Leben beginnen kann. Ein Zufluchtsort, wo Spanisch die zweite Sprache ist und in dunkel getäfelten Restaurants Hirschgulasch in Biersoße serviert wird.

Erich Priebke ist der berühmteste Nazi von Bariloche, er wurde als einziger verhaftet und 1995 nach Italien ausgeliefert. Vor rund 20 Jahren begann der erste Prozess – wegen seiner Beteiligung am Massaker in den Ardeanitischen Höhlen im März 1944 in Rom. Damals wurden 335 italienische Zivilisten erschossen, mindestens zwei davon durch den SS-Hauptsturmführer Priebke. Nach dem Krieg hält er sich einige Jahre in Südtirol versteckt, arbeitet dann als Oberkellner in Buenos Aires, bevor er sich 1954 in Bariloche niederlässt, wo er das Feinkostwarengeschäft Wien eröffnet. Dort trifft er Reinhard Kopps alias Juan Maler wieder, einen ehemaligen Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts der SS. Nach dem Krieg unterstützt Kopps den österreichischen Bischof Alois Hudal, eine der zentralen Figuren der Netzwerke, die Nazis nach Südamerika und in den Nahen Osten ausschleusten. In Bariloche gründet Kopps das Hotel Campana und schreibt eine Reihe von Büchern über die „jüdisch-freimaurerische Verschwörung“.

Das kleine Dritte Reich

„Damals wussten wir nichts“, erinnert sich Juan Alberto Schulz. „Wir waren von der Welt abgeschnitten, Bariloche war ein Dorf mit 10.000 Einwohnern. In der Stadt wohnten einige verdächtige Individuen. Ein ukrainischer Arzt sprach fließend Deutsch, unsere Nachbarn waren ein seltsames russisches Paar.“ Schulz kam 1955 zur Welt, ist heute Lehrer für neuere Geschichte an einer englischen Schule in Bariloche. Sein Vater Hans, als Sohn deutscher Eltern in Argentinien geboren, sympathisierte ebenso wie seine Mutter mit den Nationalsozialisten; sein Onkel Carlos war ein wichtiger Verbindungsmann auf der „Nordroute“, über die Präsident Perón deutsche Luftfahrtingenieure nach Argentinien schleusen ließ.

Juan Alberto Schulz schlägt vor, das „kleine Dritte Reich“ zu besuchen, das Viertel Belgrano, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Wir bleiben vor einem Reisebüro stehen. Seine Mauern beherbergten einst Priebkes Feinkostwarengeschäft Wien. „Es lag an einem strategisch günstigen Punkt des deutschen Viertels, wir hielten dort, um Einkäufe zu machen. Priebke war sehr clever“, sagt Schulz. Später zeigt er mir ein orangefarbenes Gebäude, verblichen und gesichtslos. „Es gehörte Priebke. Er lebte mit seiner Familie im Haus dahinter. Du kannst sein Haus nicht sehen. Sein Sohn wohnt dort immer noch.“

Als Erich Priebke in Argentinien ankam, war das „ein Paradies“ für ihn, wie er später einem einheimischen Journalisten anvertraute. „Niemand sprach über Politik. Das war völlig tabu und so haben sich die Leute auch verhalten.“ Einer der letzten Zeugen dieser Zeit ist Tommy Buch, ein Wissenschaftler im Ruhestand, der vor dem Krieg in einer jüdischen Berliner Familie geboren wurde und 1955 nach Bariloche kam. „Die Nazis und ihre Sympathisanten hatten nichts zu befürchten, sie fühlten sich zu Hause. Sie veranstalteten jedes Jahr ein Fest der Nationalitäten, von dem sie die Südamerikaner ausschlossen, um unter Europäern zu sein“, sagt er. Im Hotel Pastorella feierten die Nazis an jedem 20. April den Geburtstag Hitlers. Kannte Tommy Buch auch Priebke? „Vom Sehen. Ich habe nie mit ihm gesprochen. Ich habe mich von den Deutschen ferngehalten.“ Ahnte er seine Vergangenheit? „Niemand ließ sich täuschen. Meine Söhne sagten: ‚Lasst uns beim Nazi Schinken kaufen gehen.‘ Allein aus seinem zackigen Auftreten konnte man schließen, dass Priebke ein ehemaliges SS-Mitglied war. Er hat auch nie verheimlicht, dass er im Krieg ‚seine Pflicht‘ getan hat und auch keinen Hehl aus seinen Meinungen gemacht.“

Der Kriegsverbrecher Erich Priebke 1995 nach seiner Verhaftung

Foto: Daniela Luna/AFP/Getty Images

Doch alle schweigen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit, die in Deutschland geschieht, liegt Bariloche fern. „Die Deutschen waren mächtig, weil sie eine einzigartige Institution hatten, die deutsche Schule Primo Capraro, die einzige Privatschule der Stadt, in die die Mittelschicht ihre Kinder schickte“, sagt Schulz. „Die Schule war damals die Brücke, die uns mit Europa verband.“ Auch er hat dort seine Schulzeit verbracht. Doch gesprochen wurde weder über den Krieg noch über den Holocaust. „Bei meinen Eltern war das auch kein Gesprächsthema. Sie fanden, man dürfe nicht in der Vergangenheit wühlen. Aber sie leugneten den Holocaust nicht wie Priebke.“

Priebke ist eine zentrale Figur der deutschen Gemeinde: 1984 übernimmt er den Vorsitz des Deutsch-Argentinischen Kulturvereins von Bariloche, der unter anderem Träger der Schule ist. Der Kriegsverbrecher überreicht den Schülern ihr Abschlusszeugnis. Der Kriegsverbrecher hält die offiziellen Reden vor dem Stadtrat und den Vertretern der Provinz Rio Negro. Priebke bleibt im Amt, bis ihn 1994 ein argentinischer Richter durch einen Zufall unter Hausarrest stellen kann.

In jenem Jahr will das Simon-Wiesenthal-Zentrum Reinhard Kopps zu fassen bekommen, der verdächtigt wird, Chef eines Neonazi-Netzes in Südamerika zu sein. Ein Team des US-Senders ABC reist sofort nach Patagonien und stellt Kopps auf der Straße. Der ehemalige Geheimagent Hitlers streitet alles ab und schiebt noch nach: „In Bariloche lebt ein echter Kriegsverbrecher, Erich Priebke.“ Daraufhin wird „Don Erico“, wie ihn seine Nachbarn nennen, von den Amerikanern auf der Straße angesprochen. Er streitet vor der Kamera nichts ab. Er habe am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen teilgenommen. Er habe Geiseln erschossen. „Solche Dinge geschehen“, erklärt er knapp. „Damals war ein Befehl ein Befehl, junger Mann, you see?“ Die weltweit ausgestrahlte Szene löst einen Skandal aus. Priebke wird von einem italienischen Gericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er stirbt 2013 im Alter von hundert Jahren in Rom.

„Wir gehen da nicht hin!“

In Bariloche löste die Verhaftung Priebkes die Zungen und ließ den Journalisten Abel Basti seine Bestimmung entdecken. „Das Schreiben über Priebke hat mich dazu gebracht, Nachforschungen über die Nazis in der Region anzustellen“, sagt er. Das Ergebnis ist ein Touristenführer zu den historischen Orten des Nationalsozialismus in Bariloche, dessen neunte Auflage heute in allen Buchhandlungen, Andenkenläden und sogar am kleinen Flughafen von Bariloche verkauft wird. „Das Buch hat für viel Wirbel gesorgt, zum ersten Mal wurde am Ruf von Institutionen wie dem Andenclub oder der deutschen Schule gekratzt. Ich wurde verklagt. Das hat mich jedoch nicht daran gehindert, meine Arbeit fortzusetzen, ganz im Gegenteil.“ Basti war auf eine Goldgrube gestoßen. Seither schreibt er einen Bestseller nach dem anderen. Seine Enthüllungen bezeichnet er als „fundiert“: „Hitler ist nicht 1945 in Berlin gestorben. Er ist mit seiner Leibgarde per U-Boot nach Argentinien geflohen. Er lebte in San Ramón, danach gleich hier um die Ecke, auf einer Hacienda in Inalco, das wurde durch mehrere Aussagen einhellig bestätigt.“

In der deutschen Schule ändert sich trotz der Verhaftung Priebkes nichts. Schulz erzählt: „Der Holocaust steht auf dem Lehrplan wie überall in Argentinien. Die Argentinier interessieren sich seit der Eröffnung des Prozesses gegen die Anführer der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 für diese Frage. Doch in der deutschen Schule wissen sie, wie man das Thema umgeht. Sie haben sich auch nie mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. Sie tun, als sei nichts geschehen: Bis zum vergangenen Jahr hingen die Fotos der Abiturienten mit Priebke an der Wand. Es wurde nicht einmal darauf hingewiesen, dass er ein Kriegsverbrecher war!“

Schulz hat vor über zehn Jahren die Trennung vollzogen. Er trat als Zeuge in dem Dokumentarfilm Pakt des Schweigens auf, danach hatte er heftigen Streit mit dem Verwaltungsrat der Schule, dessen Mitglied er war. „2008 bin ich auf Einladung der kleinen jüdischen Gemeinde von Bariloche zu einem Empfang aus Anlass des 60. Jahrestags der Gründung Israels gegangen. Ich habe an dem Abend gesagt, dass Deutschland immer auf der Seite Israels stehen werde. Ein Journalist war da und schrieb in seinem Bericht über meine Äußerung. Am nächsten Tag warfen sie mir in der Schule die Zeitung an den Kopf. ‚Was hast du dort gemacht? Wir gehen da nicht hin.‘ Am Ende des Schuljahres habe ich meine Kinder von der Schule genommen und sie haben mich aus dem Verwaltungsrat geworfen.“ Seither hält Schulz regelmäßig Vorträge für Gruppen von Touristen, die in Bariloche Station machen.

An einem Morgen bin ich in die Schule gegangen, in der Hoffnung, den Rektor zu treffen. Der Pförtner am Eingang weist mich sehr unfreundlich ab: „Es ist verboten, mit wem auch immer zu sprechen, Anrufen zwecklos, hau ab!“ Es gibt also eine deutsche Schule, an der es immer noch nicht möglich ist, die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands anzusprechen. Unglaublich. Das benachbarte deutsche Konsulat war in der Woche meines Aufenthalts in Patagonien leider geschlossen.

Schulz hat versucht, Priebke in Rom für ein Interview zu treffen. Der lehnte ab, schrieb aber, er leugne nichts; der Holocaust sei eine Erfindung. Im Jahr darauf starb Priebke.

Im Restaurant La Marmita, in dem ich eines Abends Fondue esse, versichert mir ein Kellner, Priebke sei „un buen vecino“, ein guter Nachbar, gewesen. Das Fest der Nationalitäten in Bariloche ist weiterhin Europäern und ihren Nachkommen vorbehalten. Abel Basti arbeitet an einem neuen Werk. „Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Hitler um 1969 in Paraguay gestorben ist. Zwei Jahre später fand eine Feier zu seinen Ehren in einer Krypta unter einem Hotel statt, das einem Deutschen in Paraguay gehört.“ Wer? Wo? Hat er Fotos des Führers in Südamerika? „Das wird bald so weit sein“, versichert er.

Olivier Guez schreibt unter anderem für die FAS, Le Monde und Politique Internationale

Übersetzung: Corina von Trotha

06:00 24.02.2016
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