Die grüne Nostalgie

Klüger, enttäuschter und verständnisvoller Eine Erzählung über rechts und links, diesseits und jenseits der Mauer, einst und jetzt

Die europäischen Linken hassten wir von ganzem Herzen. Mit ihren Anti-Pershing-Demos, ihren grünen Abgeordneten, den Friedensreisen in die Sowjetunion und dem Hass auf Margaret Thatcher oder Ronald Reagan kamen sie uns hoffnungslos dumm vor. Sie hätten nur mal für ein paar Monate mit uns tauschen müssen - diese Kommunisten, Sozialisten, Grünen, Trotzkisten oder wie sie sonst hinter der Berliner Mauer alle hießen. Sollten sie doch bitte mal nach Moskau kommen und sich anschauen, für was sie da in ihrem paradiesischen Westen eigentlich kämpften.

Ich erinnere mich noch gut an den Auftritt eines grünen Aktivisten, der im sowjetischen Fernsehen über Weltfrieden und internationale Entspannung sprach. Auch Breschnew erzählte uns damals viel zu diesem Thema. Im Gegensatz zu Breschnew war der Grüne aber jung, hatte Pickel im Gesicht, trug eine Jeansjacke und eine Brille mit dünnem Metallgestell. Meine erste Jeans habe ich mit 17 bekommen. Mein Vater hat sie aus Paris mitgebracht, als er mit einer Wirtschaftsdelegation das einzige Mal in seinem Leben die Sowjetunion verlassen durfte. Jene wunderschöne Brille mit dem dünnen Metallgestell aber blieb für mich immer nur ein Traum; in Moskau war sie nicht zu kriegen. Übrigens trug der russische Fernsehjournalist, der mit dem Grünen sprach, genau so eine Brille. Er war Mitte 50, hatte gepflegte Haut und glatte zurückgekämmte Haare - von der Erscheinung her ein typischer KPdSU-Intellektueller. Oder auch ein CDU-Abgeordneter aus Hessen. Dem Journalisten - da war ich mir sicher - kam sein Interviewpartner genau so idiotisch vor wie mir. Doch TV-Beiträgen wie diesen verdankte er seine Karriere, die es ihm ermöglichte, in den Westen zu reisen, um sich dort schöne Brillen oder andere tolle Sachen zu besorgen.

Anfang der Achtziger, als die Grünen zur Partei wurden und allmählich an die Macht kamen, studierte ich an der Moskauer Filmhochschule. Wir machten uns über den Alzheimer-Sozialismus lustig, die kommunistische Ursprungsidee an sich hielten wir für verbrecherisch. Wir verehrten Ronald Reagan und waren davon überzeugt, dass das Reich des Bösen, also die Sowjetunion, mit aller Gewalt zerstört werden müsse. Wir waren jung und romantisch, die Perspektive, unter ihren Ruinen begraben zu werden, schreckte uns nicht ab.

Das ganze Land sang damals laut ein Propaganda-Lied mit dem Refrain: "Pershings in Europa - nein, nein, nein! Internationale Entspannung - ja, ja, ja!" Ein Kommilitone und guter Freund von mir murmelte dagegen leise mit bösem Lächeln: "Pershings in Europa - ja, ja, ja! Internationale Entspannung - nein, nein, nein!" Es gab eine einzige Partei, der er sofort beitreten würde; er hatte sie in einem sowjetischen Lexikon ausländischer Parteien gefunden, sie stand als erste da, weil sie "AAA" hieß - Antikommunistische Allianz Argentiniens. Von dieser Idee war auch ich begeistert, ich wollte ebenfalls sofort Mitglied der Antikommunistischen Allianz Argentiniens werden. Mein Freund studierte an der Filmhochschule Drehbuchschreiben, daher waren seine politischen Visionen immer sehr bildlich. "Mein lieber Popov, stellen Sie sich vor, es gebe ein Ost- und ein West-Moskau." - Er sprach alle seine Freunde mit Familiennamen und per Sie an, da er meinte, dass Duzen nur für Kommunisten gut sei. - "Also, stellen Sie sich vor, West-Moskau wäre zwar hinter einer Mauer versteckt und von Grenzschützern bewacht, doch hinter der Mauer gäbe es einen echten Kapitalismus und man würde dort russisch sprechen. Hätten Sie, lieber Popov, nicht alles getan, um dorthin zu gelangen? Hätten Sie nicht jede Nacht an einem Luftballon genäht? Oder etwa nicht drei Jahre lang einen Tunnel gegraben?"

Unsere mangelnden Fremdsprachenkenntnisse schienen uns das einzige Problem eines möglichen Lebens im kapitalistischen Ausland zu sein. Ein echter Lese-Hit war deshalb zu der Zeit der in einem westlichen Exilverlag erschienene utopische Roman Die Insel Krim von Wassilij Aksjonow. Die Utopie bestand darin, dass Aksjonow in seiner Erzählung aus der Halbinsel Krim eine Insel machte, auf die sich nach der Oktoberrevolution die Reste der antikommunistischen Weißen Garde zurückgezogen hätten. Genussvoll und detailliert beschrieb das Buch den Alltag eines russischen Taiwans, das in dieser Form leider nie existierte. Doch so hätte es in ganz Russland sein können, wenn die bösen Kommunisten nicht an die Macht gekommen wären! Träume wie diese waren für uns von verführerischer Schönheit.

Das Verhältnis meiner deutschen Bekannten, die nun Grünen wählen, zu ihrer Partei scheint mir ein anderes zu sein als bei den SPD- oder Unions-Anhängern. Es hat etwas mit der Sehnsucht nach der verlorenen Jugend zu tun, mit einer Art Unschulds-Nostalgie derjenigen, die heute zwischen 35 und 45 Jahre alt sind. Die Grünen sind eine Partei, deren Geburt ihre Wähler miterlebt haben und deren Ideale vor 20 Jahren auch für sie brennend wichtig waren. Deshalb ist die Bereitschaft so groß, der Partei die Peinlichkeiten ihrer Regierungszeit zu verzeihen - die ganzen Kompromisse, die ganzen politischen Manöver, die ganzen taktischen Entscheidungen, die im Grunde nichts mehr mit den Idealen von damals gemein haben. Meine grünen Freunde reden nun nicht mehr vom Tod der Partei - wie noch vor einem Jahr, nach der Afghanistan-Entscheidung der Regierung. Wie die grünen Politiker selbst sind inzwischen auch ihre Wähler 20 Jahre älter geworden. Jeder von ihnen musste in seinem Privatleben Kompromisse machen - also "Realo" werden, wie es in der Parteisprache heißt. Die grünen Wähler sind nun klüger, enttäuschter und verständnisvoller als vor 20 Jahren. Doch im abgemagerten, älter gewordenen Teddybär mit einem süßen, freundlichen und ein bisschen traurigen Lächeln, der auf den Wahlplakaten im Jahre 2002 die Wähler animieren möchte, erkennen sie immer noch den jungen Wilden in Turnschuhen aus dem Jahre 1985 oder den Straßenkämpfer aus Frankfurt von Mitte der Siebziger. Außen - Minister, innen - Nostalgie.

Nichts könnte mir, siehe oben, fremder sein als eine Identifikation mit dieser Partei, mit ihren Anführern und der Generation ihrer Unterstützer. Vor 20 Jahren lebte ich noch auf der anderen Seite der Mauer und meine politische Erfahrung ist eine ganz andere. 1982, ein Jahr vor dem Einzug der Grünen in den Bundestag, habe ich ein Flugblatt in der Hand gehalten mit der Adresse des in Verbannung lebenden Menschenrechtlers Andrej Sacharow. Der Nobelpreisträger war eine Symbolfigur des Widerstandes und wurde von uns wie ein Heiliger verehrt. Das Flugblatt rief dazu auf, Andrej Sacharow schriftlich zum 71. Geburtstag zu gratulieren. Meine Freunde und ich überlegten lange, ob wir ihm ein Geburtstags-Telegramm schicken sollten. Doch wir hatten Angst, eine Angst, die heute nur noch schwer nachvollziehbar ist. Wir waren uns sicher, dass in Moskau an jedem Schalter jeder Post bereits ein KGB-Mitarbeiter auf uns warten würde. Letztendlich schickte ich kein Telegramm. Meine Freunde auch nicht. Dafür schäme ich mich nun seit über zwanzig Jahren.

Trotz dieser unterschiedlichen historischen Erfahrungen spüre ich eine seltsame Zugehörigkeit zu den Ereignissen, die ich nicht miterleben konnte und die ich vor 20 Jahren sogar dumm und falsch fand. Es gibt nämlich etwas, was mich mit den linken Protestlern der achtziger Jahre verbindet. Das ist der politische Idealismus. Man muss nur plus und minus, also "links" und "rechts" vertauschen. In der Welt östlich der Mauer bedeutete rechts zu sein in etwa das Gleiche wie westlich der Mauer links. Genau wie die politischen Protest-Gruppen, die sich in der Partei der Grünen dann zusammenschlossen, hassten wir das real existierende System und idealisierten die Welt hinter der Mauer, ohne sie richtig zu kennen. Das politische Universum war so klar und eindeutig, wie es eben nur sein kann, wenn man jung und kompromisslos ist. Genau wie die gleichaltrigen europäischen Linken glaubten wir an einfache Lösungen. Die Welt bestand aus gemeinen Feinden und echten Freunden, dazwischen standen Barrikaden.

Doch in Moskau haben wir viel geredet und konnten so gut wie nichts tun. Es gab keine Demonstrationen, keine öffentlichen Proteste, keine besetzten Häuser, ganz davon zu schweigen, dass es für uns unmöglich war, eine Partei zu gründen und für das sowjetische "Parlament" zu kandidieren. Für uns gab es nur böse Witze über das System, verbotene Bücher, Diskussionen in verrauchten Küchen und ein tief versteckter Hass gegenüber der allmächtigen KPdSU. Nicht nur um die tollen Brillen beneideten wir die westlichen Linken, sondern viel mehr um die Selbstverständlichkeit der Möglichkeit, ihren Protest öffentlich auszutragen.

Seit ich 1991 nach Deutschland gekommen bin, schaue ich mir mit großem Vergnügen die Privatfotos meiner deutschen Freunde an. Besonders die aus den Zeiten vor meiner Ankunft - der Einblick in die fremden Vergangenheiten hilft, Brücken zu schlagen. Die grüne Vergangenheit ist die einzige politische Vergangenheit, mit der ich mich im Deutschland der achtziger Jahre mehr oder weniger identifizieren kann. Wenn ich die jungen Leute sehe, die sich bei den Wahlveranstaltungen der CDU oder der FDP versammeln, ob damals oder heute, so erkenne ich sofort die Karriere-Sucht der sowjetischen Komsomolzen wieder. Und Menschen dieser Sorte hasste ich noch mehr als die fernen europäischen Linken im sowjetischen Fernsehen. Die SPD-Anhänger sehen zwar sympathischer aus, doch sie gehören nicht zu meiner Generation. Die grüne Nostalgie von heute aber kann ich genau so nachvollziehen wie den grünen Idealismus von damals. Letztendlich haben wir in Russland auch erlebt, was es heißt, wenn die eigenen Ideale schließlich in politische Realität umgesetzt werden. Und älter, klüger, enttäuschter und verständnisvoller bin ich natürlich auch geworden.

Kurzum, wäre ich auf der anderen Seite der Mauer geboren, so wäre ich Anfang der Achtziger bestimmt bei den Grünen gewesen. Ich hätte gegen Pershings demonstriert, nächtelang über marxistische Bücher diskutiert, die Straßenkämpfe mit der Polizei genossen und den Kapitalismus gehasst.

Dafür wäre ich natürlich von einem in der Sowjetunion geborenen Joschka Fischer verachtet und für hoffnungslos dumm gehalten worden.

00:00 20.09.2002

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