Die Hölle auf Erden

Städte-Ranking Die australische Hauptstadt Canberra wurde zum zweiten Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt. Wie konnte das passieren?
Oliver Wainwright | Ausgabe 51/2014 5
Die Hölle auf Erden
Blaupause für urbane Erneuerung: die Luxuswohnanlage One Hyde Park in London

Foto: Peter MacDiarmid/Getty Images

Was macht eine Stadt lebenswert? Viele Grünflächen, sollte man meinen, ein reibungslos funktionierendes Verkehrssystem, gute Schulen und Krankenhäuser, großartige Architektur, ein aufregendes Nachtleben, und dass man auch schnell mal aufs Land fahren kann. All diese Faktoren jedenfalls werden für die jährliche Liste der „lebenswertesten Städte der Welt“ berücksichtigt. Und trotzdem kommt am Ende Canberra heraus. Zum zweiten Mal in Folge hat die OECD die australische Hauptstadt zur besten Stadt der Welt gekürt. Das wirft für uns, also die Bewohner der Nordhalbkugel, die Frage auf, ob solche Ranglisten dort unten eigentlich auf dem Kopf stehen.

Canberra ist die Hölle. Eine Feier des Kreisverkehrs und des Einkaufszentrums, eine trostlose Topografie von Verkehrsachsen, aufgedunsenen Staatsbauten und gigantischen Konsumkomplexen. Eine Stadt, deren Planung man Politikern überließ.

Aber welche Städte sind noch auf der Liste? London, New York, Paris oder Hong-Kong sucht man vergebens. Städte, in denen man wirklich leben möchte, sind nicht lebenswert. Eher ist entscheidend, dass man auf einem windigen Platz ungestört seine Wirtschaftszeitung lesen kann. Lebenswert scheint gleichbedeutend mit der völligen Abwesenheit von Risiko und Zufall, Genuss und Überraschung.

Was viele der gelobten Metropolen außerdem gemeinsam haben: Der dänische Guru Jan Gehl hat dort seine Zauberkraft walten lassen. Die atemberaubende Karriere dieses Stadtentwicklers beruht darauf, dass er süße Nichtigkeiten über Fußgängerzonen und Gehwegcafés in die Ohren verzückter Bürgermeister säuselt. Gehl ist der Schutzheilige des Lebenswerten.

Vor wenigen Tagen traf er sich im Rahmen einer Veranstaltung in London mit seinem britischen Kollegen und Kumpel Richard Rogers. Die Altmeister der urbanen Erneuerung – 78 und 81 Jahre alt – haben zusammengenommen so gut wie jeder Stadt ihren Rat angedeihen lassen. Pflichtschuldig hakten sie im Gespräch die Punkte „Vorrang für Radfahrer“, „Städte für Menschen statt für Autos“ sowie „Dichte und Nachhaltigkeit“ ab. Kopenhagen priesen sie als Musterbeispiel, es wird seit 50 Jahren in ein Utopia für Menschen und Fahrräder verwandelt. Gehl erzählt, dass Kopenhagen ein ums andere Mal die Lebenswert-Liste der Zeitschrift Monocle anführe und seine Enkelin auf ihrem Schulweg keine einzige Straße mehr überqueren müsse.

Die falsche Sorte Mensch

Gegen dieses Wertsystem lässt sich nur schwer argumentieren, es ist so praktisch-menschlich und noch mit einer gesunden Dosis Dolce Vita al fresco. Jedoch sieht das, was in den vergangenen gut 20 Jahren, also seit die beiden mit ihren Visionen tingeln, mit vielen Städten in Wirklichkeit geschehen ist, ziemlich anders aus als auf dem Papier. Die Manifeste kommen verführerisch daher, doch Fragen nach Machtverhältnissen und Konfliktpotenzialen klammern sie aus. Dass der Traum von der neuen Stadt auf Kosten von etwas anderem gehen könnte, wird nicht erwähnt.

Nehmen wir als Beispiel den heiligen Gral der Städteplanung, dem Rogers wie Gehl als dem Guten schlechthin huldigen: nämlich den Platz oder die Piazza, in Beton oder Granit gekleidet und verschmolzen mit der abstrakten Idee eines Treffpunkts für alle. „Es ist gut für die Demokratie, wenn die Menschen sich auf der Straße begegnen können“, sagt Gehl.

Doch dabei bleibt etwas Wesentliches ungesagt. London etwa hat in den vergangenen zehn Jahren viele hübsche neue öffentliche Plätze geschaffen – bloß sind diese Plätze nicht mehr wirklich öffentlich. Sie sind erweiterter Privatbesitz, zu dem die Öffentlichkeit bedingten Zugang hat. „Welcome to King’s Cross“, steht auf einem Schild vor dem neu gestalteten Granary Square mit seinem Tausend-Wasserstrahlen-Brunnen und: „Bitte gehen Sie rücksichtsvoll mit dem Privateigentum um.“

„Idealerweise sollte der gesamte öffentliche Raum in öffentlicher Hand sein“, sagt Rogers. „Aber solange wir in einer kapitalistischen Welt leben, einer extrem kapitalistischen sogar, sind halb-öffentliche Räume besser als gar keine. Wir Architekten haben da nur sehr begrenzten Einfluss.“ Die gleiche Antwort gibt er auf die Frage nach anderen Bauprojekten, die sein Büro in den vergangenen Jahren in London verwirklicht hat: One Hyde Park, Neo Bankside oder Riverlight heißen sie, und sie zählen zu den exklusivsten Wohnanlagen, die die Stadt je gesehen hat. Die meisten dieser Luxus-Appartements stehen leer. Sie sind wie große Bankschließfächer für ausländische Investoren.

Im Jahr 1997 noch wütete der gleiche Rogers gegen die paranoiden Gated Communities, die er in Los Angeles gesehen hatte und die „die Reichen von den Armen absondern und damit dem Bürgersein seine wichtigste Bedeutung nehmen“. Damals schrieb er in seinem Buch Cities for a Small Planet: „Eine neue Art von Festung ist entstanden. Mit einem Knopfdruck wird der Zugang versperrt, werden schusssichere Schutzwände hochgefahren, senken sich bombenfeste Rollläden. Das Auftauchen der ‚falschen Sorte Mensch’ löst leise Panik aus.“ 15 Jahre später könnten diese Sätze aus der Kaufbroschüre für eine seiner neuen Wohnanlagen stammen.

06:00 31.12.2014

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