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Holocaustüberlebende harrt in Kiew aus: „Möchte der Angst nie wieder nachgeben“

Zeitzeugin Anna Strishkowa überlebte als Kleinkind Auschwitz und fand in der Ukraine eine Heimat. Auch deshalb will sie Kiew nun nicht verlassen, obwohl der Fotograf Luigi Toscano ihr gerne helfen würde

Ein forschender Blick trifft den Betrachter, wenn er vor Anna Strishkowas Porträt steht. Blaugrüne, mandelförmige Augen unter schmalen Brauen. Kurze graue Fransen rahmen ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen, dem feinen, energischen Mund. Für unseren Video-Call hat Luigi Toscano das zwei mal zwei Meter große Porträt extra aus seinem Mannheimer Lager geholt, es vor die Kamera seines Laptops gestellt.

Anna Strishkowa ist eine der ersten Holocaust-Überlebenden, die Luigi Toscano auf seiner Reise nach Kiew 2015 für sein Projekt „Gegen das Vergessen“ fotografierte. Ein Jahr später zeigte er ihr Gesicht und das von 60 weiteren Überlebenden in Babyn Jar, jener inzwischen zubetonierten Schlucht oberhalb Kiews, in der die Nazis am 29. und 30 September 1941 mehr als 33.000 Kiewer Juden erschossen. Das jüngste Opfer war gerade einmal zwei Tage alt. „So alt könnte auch Anna zu diesem Zeitpunkt gewesen sein“, sagt Toscano. Mit ungefähr zwei Jahren steht sie am 4. Dezember 1943 an der Rampe von Auschwitz. Ihre Eltern werden direkt nach der Ankunft im Lager ermordet – für Anna beginnt ein unvorstellbares Martyrium als Versuchskind Josef Mengeles, der an ihr Experimente zur Blutforschung durchführt.

Luigi Toscano hat inzwischen mehr als 400 Überlebende des Holocaust porträtiert, aber Annas Strishkowas Schicksal lässt ihn nicht mehr los.

Sie ringt nach Worten

Ihr erstes Treffen hat er genau vor Augen: „Es war der Jahrestag des Maidan-Aufstandes Ende Februar 2015.“ Auf dem Unabhängigkeitsplatz waren noch die Kreide-Umrisse der Toten zu sehen, auch Reste von Barrikaden. Toscano erzählt, wie ihn Anna Strishkowa in ihrer Wohnung nahe dem Regierungsviertel begrüßte. Auf Ukrainisch. Immer, wenn sie etwas sagte, nickte er – ohne die Bedeutung der Worte zu verstehen, „aus Respekt, Sympathie, Verlegenheit, eine Mischung aus allem, irgendwie eine Art Liebe auf den ersten Blick“, so fasst Toscano seine Gefühle zusammen. Sie zeigte ihm den winzigen, von ihr angelegten Wintergarten in ihrer Plattenbauwohnung im neunten Stock, zählte die Namen der Blumen auf. Später habe sie dann alle Orden und Auszeichnungen ausgepackt, die sie als Ärztin für Biochemie im Laufe der Jahre erworben hatte. „Einen kompletten Schrank räumte sie dafür aus.“

Anna Strishkowas Suche nach den Bruchstücken ihrer Identität will Toscano in einem Dokumentarfilm verarbeiten. Nach jedem Treffen schenkt sie ihm einen Notizblock – „mit kitschigem postsowjetischen Muster“ – und einen Bleistift, um die inneren Bilder festzuhalten. Zuletzt wieder im September 2021, als er sie für Dreharbeiten besuchte. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges Ende Februar ist Whatsapp zum virtuellen Block geworden. Täglich chatten sie nun, um in Kontakt zu bleiben. „Die Nacht war nicht gut, dauernde Bomben“, schrieb Anna Strishkowa vor vier Tagen. Oder „Heute war es ruhig, keine Sirenen. Aber: Das Brot ist alle.“ Manchmal telefonieren sie. Für Toscano war klar, er würde Anna und ihre Tochter Olga sofort abholen, eine Wohnung hatte er in Mannheim bereits besorgt. Aber Anna Strishkowa will bleiben. In Kiew, der Stadt mit den goldenen Dächern. Zur Begrüßung via Zoom rühmt sie die Schönheit der ukrainischen Hauptstadt, „die leider erst durch diesen verdammten Krieg ins Interesse der Medien gerückt ist“, sagt sie. Katja, eine junge ukrainische Mitarbeiterin der deutschen Botschaft, übersetzt. Olga, Annas Tochter, hat alles technisch eingerichtet, aber es gibt Probleme mit dem Ton, erklärt Katja, das Netz ist wegen des Beschusses nicht stabil.

Warum sie Kiew nicht verlässt? „Hitler hat mir alles genommen“, antwortet Anna Strishkowa knapp, „aber die Ukraine, meine Adoptiveltern, die aus Kiew stammten, haben mir ein zweites Leben geschenkt.“ An ihre leiblichen Eltern erinnert sie sich nicht mehr, ein zerknittertes Babyfoto ist alles, was aus der Zeit vor Auschwitz übrig blieb. Vom Lager selbst trägt sie die sichtbarste Narbe: ihre in den Unterarm tätowierte Häftlingsnummer.

„Wisst ihr, als der Krieg angefangen hat, war ich nicht nur erschüttert, sondern auch absolut überrascht. Niemals hätte ich gedacht, dass wir so etwas nochmals durchmachen – dass Bomben auf unsere Häuser fallen …“ Jetzt ist der Krieg seit einem Monat ihr neuer Alltag.

Anna Strishkowa macht eine kurze Pause, erzählt, dass ihre Familie versuche, sie vor den grausamsten Nachrichten zu schützen. So habe sie erst heute erfahren, dass in Charkiw Boris Romantschenko, ein bekannter KZ-Häftling, ums Leben gekommen ist, 96 Jahre alt. „Er konnte nicht fliehen, weil es ihm körperlich nicht mehr möglich war … ein Mensch, der Buchenwald überlebt hatte …“ Anna ringt nach Worten … „Also ich habe keine Bezeichnung mehr für das, was geschieht – mit und in den belagerten und besetzten Gebieten, in Charkiw, Mariupol, Irpin, wo sie die Toten auf die Balkone legen, weil sie sie nicht begraben können, wo Hunderttausende in Kellern ausharren, Zivilisten gedemütigt und vergewaltigt werden …“

Was das bei ihr, die vor 77 Jahren von russischen Soldaten befreit wurde, auslöse …?

Anna Strishkowa zögert. Viel, sagt sie – Trauer, vor allem aber Wut. Und sie sei sich sicher: „Alle Soldaten der Roten Armee, die Auschwitz gesehen haben, würden sich, wenn sie könnten, aus ihren Gräbern erheben, um gegen das Unrecht, das in der Ukraine geschieht, zu kämpfen!“ Sie sei damals von der Ersten Ukrainischen Front befreit worden, erzählt sie, in der Russen neben Tschetschenen, Georgiern und Ukrainern kämpften. Der Mann, der das Tor zu Auschwitz öffnete, hieß Anatoli Schapiro, ein in Krasnohrad, nahe Charkiw, geborener Jude.

Anna Strishkowa blickt aus dem Fenster.

Das größte Verbrechen, das Putin gerade begehe, sei das Leid, das er den Kindern zufüge, wenn er Wohnhäuser in Schutt und Asche legt, Familien zwingt, sich zu trennen, versprochene Hilfskorridore bombardiert. Warum man nicht viel früher aufgehorcht habe, wenn Putin von der „Lösung der ukrainischen Frage“ sprach? Für sie klinge das wie die von Hitler und den Faschisten beschlossene „Endlösung der Judenfrage“.

Als der ukrainische Präsident Selenskyj kürzlich vor der Knesset in Israel den russischen Übergriff mit dem Holocaust verglich, wurde er dafür zum Teil scharf kritisiert. Anna Strishkowa sagt: „Der Zweite Weltkrieg hat so tiefe Spuren in unseren Seelen und in unseren Körpern hinterlassent, vielleicht deswegen können wir die Situation von damals doch mit der Situation von heute vergleichen.“

Der Geist von Menschlichkeit

Sie erzählt von ihren Ängsten, die sie begleiten, seit sie denken kann. Von der Angst vor Menschen in weißen Schürzen und Kitteln und von ihrer Adoptivmutter, die liebevoll dagegen anging, mit ihr sprach, wenn sie zum Arzt musste, sie ermutigte, zu schreien, sobald ihr etwas wehtat, damit sie helfen könne. Anna aber antwortete immer: Nein, Schreien geht nicht, sonst wird man geschlagen.

Just in diesem Moment wird Bombenalarm ausgelöst, Sirenen schrillen. Anna Strishkowa müsste sofort in den Schutzkeller gehen, aber sie besteht darauf, das Gespräch fortzusetzen. Eindringliche Bitten von Katja und ihrer Tochter Olga prallen an ihr ab. „Sie ist so was von stur!“, ruft Katja.

„Die moralische Unterstützung ist in dieser Situation genauso wichtig wie Brot und Wasser“, sagt Anna Strishkowa trocken und lacht. Außerdem habe sie hier am Fenster die Lage im Blick, könne im Notfall in den nächsten Korridor ausweichen.

„Ich möchte der Angst nie wieder nachgeben“, sagt sie plötzlich. Auch deswegen will sie bleiben. Und weil sie sich für andere KZ-Überlebende in der Stadt verantwortlich fühle. Sie sprechen sich gegenseitig Mut zu, telefonieren täglich. Den Geist von Demokratie und Freiheit, von Menschlichkeit, für den gerade in der Ukraine gestritten werde, sagt Anna Strishkowa, könne niemand mehr begraben. Egal, wie viele Bomben fallen. Und es gehe ihr noch gut hier, die Versorgung funktioniere, auch dank ihrer Tochter und dem Schwiegersohn, sie hätten sogar warmes Wasser – „kein Vergleich zur Situation in Charkiw oder Mariupol“.

Anna Strishkowa blickt wieder zum Fenster. Mehr als 900 Raketen hätten seit Beginn des Krieges in der Ukraine eingeschlagen. „Putin macht Ernst mit der ‚endgültigen Lösung‘.“ Wieder lacht sie, rückt ihr Hörgerät zurecht. Manchmal sei es ein Segen, dass sie das Ding abschalten könne.

Wie das in ihren Ohren ankomme, dass die Deutschen jedes Jahr Ende Januar „Nie wieder“ sagen, jetzt aber zögerten, Waffen zu liefern?

„Das zeugt von viel Angst – vor Putin, vor einem möglichen Atomangriff“, sagt Anna Strishkowa. Ängstliche Menschen gebe es überall. Aber es helfe, die Geschichte genau zu studieren, um Lähmung zu überwinden. Anna selbst, das medizinische Versuchskind, studierte Medizin, bot ihrem Trauma jeden Tag aufs Neue die Stirn – als Forscherin und Ärztin.

Sie erzählt, was sie bei einem Besuch in Deutschland Kindern antwortete, die sie fragten, ob sie, die KZ-Überlebende, die Deutschen nicht abgrundtief hassen würde. Anna Strishkowa konterte mit einer Gegenfrage: „Für wen bauten die Nazis ihre ersten Lager?“ Für die eigenen Leute, für die Deutschen, die nicht auf Linie waren.

Eines sei klar, sagt Anna Strishkowa am Ende: „Wir, die Menschen der Ukraine, werden siegen. Auch für euch. Daran solltet ihr denken, wenn ihr im nächsten Jahr Ende Januar ‚Nie wieder‘ sagt.“

Antonia Munding schrieb vor einem Jahr ein Porträt über Luigi Toscano für den Freitag. So erfuhr sie jetzt von seinen Bemühungen, Anna Strishkowa nach Deutschland zu holen

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