Die Krankheit der anderen

Brasiliens AIDS-Politik Jeder Infizierte wird kostenlos mit Medikamenten behandelt, die soziale Not der Betroffenen aber bleibt

Rejane öffnet die Tür zum Kinderhort von Pernambués, dunkelhäutige Kinder in blauen Kitteln zwischen zwei und fünf schwirren durcheinander, kaum haben sie mich bemerkt, springen sie auf ihre Stühlchen, strahlen mich an mit ihren großen dunklen Augen. Für dieses Viertel, Pernambués genannt, gibt es keine ausgewiesenen Erwerbslosenstatistiken, niemand weiß, wie viele Menschen hier überhaupt wohnen, sicher ist nur, dass es in diesem Quartier mehr Analphabeten als Steuerzahler gibt. Wozu also ein Kinderhort? Warum betreuen Rejane und ihre Kolleginnen von der Stiftung IBCM hier 350 Kinder und Jugendliche?

Vielleicht ist ja die Mutter von José neulich an AIDS gestorben. Oder die von Mariana lebt noch, ist aber ständig auf der Suche nach Kokain. Und irgend jemand muss den Kindern doch beibringen, dass es auf dieser Welt noch etwas anderes gibt als Drogen, Gewalt und Gleichgültigkeit. Denn Pernambués ist eines der ärmsten Viertel von Salvador, der exotischen Millionenstadt im Nordosten Brasiliens. Heiß und feucht ist das Klima; es locken Palmen, Traumstrände, Kokosnussverkäufer, Kirchen im Kolonialstil. In Salvador werden täglich vier Menschen ermordet, und es gibt offiziell über 3.500 AIDS-Kranke.

Die Stiftung IBCM hat sich als eine von vielen Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Brasilien das Ziel gesetzt, AIDS-Waisen aus Pernambués tagsüber ein halbwegs normales Leben zu geben. Finanziert wird IBCM durch Spenden aus dem Ausland, aber die kommen nicht immer regelmäßig. Und die Regierung? "Von dort ist wenig zu erwarten", sagt Rejane. Sie ist schwarz, ruhig, kinnlange krause Haare, Ohrringe. Ein bisschen energisch, ein bisschen füllig, und sie liebt ihre Arbeit - "ihre" Kinder. Heiß und schwül drückt die Luft in ihrem Büro mit den vergitterten Fenstern, trotz Ventilator, die Kleidung klebt am Körper. Wenn es irgendwo in dieser Favela so etwas wie Geborgenheit, Vertrauen oder Zuflucht gibt, dann hier, bei Rejane.

Kamasutra-Statuetten

Javier ist Argentinier, blondiert, offen, gut informiert und ziemlich aktiv in der AIDS-Hilfe, er arbeitet in einem Homosexuellen-Zentrum mitten in Salvador - ein Distrikt, in dem sich Touristen, Prostituierte, Straßenkinder, Souvenir-Verkäufer, Hoteliers und Drogenabhängige rings um den Pelourinho unausgesetzt gegenseitig bedrängen. "Geld ist das große Problem", meint auch Javier in seinem Büro zwischen Kamasutra-Statuetten und HIV-Statistiken. "Die Regierung bezahlt den Armen die AIDS-Medikamente und die Ärzte. Die Verantwortung für die soziale Situation aber tragen wir, die Hilfsorganisationen. Ein paar kassieren öffentliche Gelder, aber im Prinzip lebt unsere Arbeit von Spenden aus Europa. Dort denken vielleicht alle, Brasilien hätte kein Problem mit AIDS mehr wegen der kostenlosen medizinischen Versorgung. Aber was helfen dir Tabletten, wenn du kein Essen bezahlen kannst, um sie damit einzunehmen? Wenn du keinen Real für den Bus zum Hospital übrig hast?"

Tatsächlich gibt Brasiliens Regierung jährlich etwa 300 Millionen Dollar für kostenlose AIDS-Medikamente aus. Mitte der neunziger Jahre wurde beschlossen, das Damoklesschwert AIDS nicht auf das Land herab stürzen zu lassen, wie es in vielen südafrikanische Staaten mittlerweile geschehen ist. Seither sind HIV-Tests, ärztliche Fürsorge sowie die nötigen Arzneimittel für alle Brasilianer kostenlos. Patentrechte wurden außer Kraft gesetzt, um das Programm finanzieren zu können. Menschenleben sollten wichtiger sein als die Gewinne der großen internationalen Pharma-Konzerne. In brasilianischen Firmen werden seither anti-retrovirale Medikamente hergestellt, mit denen sich die Vermehrung des Virus aufhalten lässt - dies zu einem Bruchteil des Aufwandes und der Preise, die auf dem Weltmarkt gelten.

Nach Analysen der Regierung konnte so zwischen 1997 und 2001 die Zahl der Hospitaleinweisungen wegen AIDS um vier Fünftel reduziert werden. Ohne diese Politik - ist das Gesundheitsministerium sicher - könnte das Land heute durchaus in einer Lage sein wie Haiti, wo über sechs Prozent der Bevölkerung mit dem Virus leben. In Brasilien sind es "nur" 0,7 Prozent. Etwa 610.000 Brasilianer sind nach letzten Erhebungen HIV-positiv - bei 225.000 wurde der Ausbruch von AIDS registriert.

Eine davon ist Adriana. Früher war AIDS die Krankheit der Oberschicht, der Schickeria, der Homosexuellen - heute ist es die Seuche der Armen, der Analphabeten, der Leute, die auf der Straße leben, der Drogensüchtigen. Ich treffe Adriana im Heim von CAASAH, ebenfalls eine Stiftung in Salvador, die ein vergängliches Refugium für einige der Ärmsten bietet. Aufnahmekriterien: AIDS, kein Geld, kein Zuhause, keine Familie. Wer hier einen Platz hat, muss zumindest nicht auf der Straße sterben. Adriana kam mit sieben aus Sao Paulo hierher, um bei ihren Großeltern zu leben - ihren Vater sah sie nie, sie verliebte sich mit 14, bekam das erste Kind, das Zweite mit 17, aber keine Ausbildung, keine Arbeit, keine Wohnung, keine Ahnung von HIV; Drogen am Pelourinho, viele Männer ohne Kondom. Heute ist Adriana 23.

Wir sitzen im Aufenthaltsraum der CAASAH, auf dem Rasen draußen peitscht ein heftiger Tropenschauer die Palmen, aber es wird nicht um ein Grad kühler. Neben dem Palmenhain ein Kinderspielplatz. Weiter hinten im Gebäude der CAASAH die Krankenzimmer, in denen es nach Hoffnungslosigkeit und Urin riecht, ausgemergelte Körper liegen reglos in armseligen Betten. Ein kleines Mädchen kommt angerannt, verrutschte Windel, Adrianas jüngste Tochter Beatrice. Dunkle Haut, schwarze Zöpfchen, ungeniert plappernd - Adriana lächelt mich über den Tisch scheu an und sagt leise, "sie hat es nicht".

Haar-Schleifen

Der Wolkenbruch hört abrupt auf. Es riecht nach Essen. Reis und Bohnen, wie immer, traditionelle bahianische Küche. Zeit, zu gehen. Ich verabschiede mich von Carlos, einem der ehrenamtlichen Helfer der CAASAH. Einer von so vielen, die sich für andere einsetzen in einem Land, in dem die Reichen in vergitterten Hochhäusern oder verbarrikadierten Villen wohnen und Politiker Prachtbauten neben Favelas setzen, in denen Kinder entweder verhungern oder Touristen überfallen, weil ihre Väter mit einem Mindestlohn von 70 Dollar keine zehnköpfige Familie ernähren können.

Es ist eine Katastrophe, sagen Leute wie Carlos oder Javier, dass so viel Geld versickert. Korruption in Brasilien? Verheerend, sagt die Weltbank, Unsicherheitsfaktor Nummer Eins für Investoren. Nein, sagen die Beamten des Gesundheitsdienstes von Salvador. Vor Jahren seien Anti-Korruptionsgesetze erlassen worden, jede Behörde müsse seither Buchprüfer beschäftigen, die sämtliche Finanzen überwachen. In den Büros des Gesundheitsdienstes gibt es eine angenehme Klimaanlage, modernste Computer und guten Kaffee.

Noch einmal zurück in den Hort der Stiftung IBCM - hier lernen Kinder, deren Eltern an AIDS gestorben sind, Schreiben, Lesen, soziales Verhalten. Sie werden versorgt, machen Fratzen vor meiner Kamera, die Mädchen mit bunten Schleifchen im Haar, die Jungen, indem sie ihren Bizeps zeigen. Die meisten sind HIV-positiv. Was wäre mit ihnen, wenn es Rejane und die anderen von der IBCM hier nicht gäbe?

"Bei ihnen zu Haue wohnen manchmal 30 Leute in einem Raum. Eine Frau wurde neulich vor den Augen ihrer Kinder von einem eifersüchtigen Freund erstochen", murmelt Rejane und schaut mich geduldig an. "Kinder, die eines Tages IBCM verlassen, eine Schulbildung haben und keine Drogen nehmen, finden die eher Arbeit?" frage ich. Rejane versteht meine Frage nicht. "Sie müssen keine Arbeit finden, die meisten sind dann gestorben."

(*) Die Autorin arbeitet als Publizistin und hat früher als Krankenschwester selbst Aids-Patienten behandelt.

00:00 15.11.2002

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