Die Liebe ist längst zu Ende

IM GESPRÄCH Der kubanische Schriftsteller Raúl Rivero über den Tag seiner Freilassung, die Monate in der Einzelzelle und die Jahre der Enttäuschung

Am 30. November 2004 wurde der Schriftsteller und Journalist Raúl Rivero in Havanna freigelassen. Er war im März 2003 unter dem Vorwurf, Geld aus den USA angenommen zu haben, zusammen mit weiteren kubanischen Oppositionellen, der "Gruppe der 75", zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Die vorzeitige Entlassung ist Resultat des internationalen Drucks und der diplomatischen Bemühungen des spanischen Ministerpräsidenten Rodriguez Zapatero.

FREITAG: Raúl Rivero, wie erlebten Sie Ihre Freilassung ?
RAÚL RIVERO: Ich war im Gefängnis von Canaleta, in Ciego de Avila, 430 Kilometer östlich von Havanna. Es war ein Tag wie jeder andere. Kurz nach ein Uhr, ich hielt mich im Spazierhof auf, machte meine Turnübungen, als mich der Gefängnisdirektor zu sich rufen ließ. Er eröffnete mir, dass ich nach Havanna verlegt und dort einer eingehenden medizinischen Untersuchung unterzogen werden würde. Auf die Frage, wann, antwortete er: Jetzt, sofort. Als ich daraufhin wissen wollte, ob ich einige Sachen hier lassen könne, meinte er: Nein, Du musst alles mitnehmen, es bleibt nichts hier.

War es das erste Mal, dass Sie medizinisch untersucht wurden in den 20 Monaten Ihrer Haft?
Nein, ich wurde auch in Ciego de Avila immer wieder untersucht. Es gab im Gefängnis eine kleine Krankenstation, und einmal, als man bei mir eine Lungenfissur entdeckt hatte, wurde ich in die Gefängnisabteilung des Provinzspitals von Ciego de Avila verlegt und dort behandelt.

Und was geschah dann in Havanna ?
Ich wurde direkt ins dortige Militärspital verbracht. Am Tag nach meiner Ankunft begann man mit allen möglichen Untersuchungen: Elektrokardiogrammen, Ultraschall, Lungenradiografien, und so weiter.

Fühlten Sie sich zu diesem Zeitpunkt denn krank?
Keineswegs. Deshalb kam mir das alles etwas seltsam vor. Und als am Morgen des 29. November dann ein Offizier der politischen Polizei in meine Zelle kam, um mich zu fragen, ob ich im Falle einer Freilassung bereit wäre, aus Kuba wegzugehen, dämmerte mir, dass offenbar etwas in Bewegung geraten war. Dann aber fragte mich der Offizier, ob ich etwas aus meiner Wohnung bräuchte, denn ich würde am nächsten Tag wieder nach Ciego de Avila verlegt. Ich meinte: Ja, Kaffee und mehr Kleider. Er antwortete, dass er am nächsten Morgen noch vor der Verlegung bei mir zu Hause vorbeigehen und die Sachen holen würde. Am nächsten Morgen, dem 30. November, kam er dann aber nur und sagte: Draußen wartet Deine Frau auf Dich. Ich wurde in einen Innenhof geführt, und dort standen meine Frau Blanca sowie eine Ärztin und ein Offizier der Staatssicherheit. Die Ärztin informierte Blanca eingehend über meinen Gesundheitszustand und übergab ihr alle Dokumente von den Untersuchungen, woraufhin sich der Offizier an mich wandte: Das Innenministerium hat soeben beschlossen, Sie aus gesundheitlichen Gründen bedingungslos freizulassen, unterschreiben Sie bitte hier.

Wie reagierten Sie darauf?
Ich fragte erst noch mal, ob meine Freilassung wirklich bedingungslos erfolge, schließlich seien ja noch gut 18 Jahre Haft offen, weshalb ich mir schon überlegen würde, ob ich nicht besser ins Ausland ginge. Seine Antwort erstaunte mich: Sie können ohne Probleme in Kuba bleiben und hier Ihr normales Leben als Poet und Schriftsteller führen. Ich erklärte ihm, dass ich seit über 15 Jahren nicht mehr aus Kuba herausgekommen sei - das letzte Mal war ich 1987 in Mexiko - und dass ich deshalb große Lust habe zu verreisen. Er meinte, das sei kein Problem. Noch diese Woche würde ich meine Identitätskarte erhalten, mein Pass sei binnen zwei Wochen fertig, und dann könne ich aus- und einreisen, so oft ich wolle.

Es gab in der Woche vor Ihrer Freilassung Gerüchte darüber, dass Sie aus dem Gefängnis direkt zwangsweise nach Spanien abgeschoben würden.
Ich habe von diesen Gerüchten gehört. Mir selber hat man jedoch nie etwas in dieser Richtung gesagt.

Und Ihre Pläne? Werden Sie nach Spanien fahren oder gar dort bleiben ?
Sicherlich werde ich mich nicht definitiv in Spanien niederlassen - ich nehme sehr ernst, was mir dieser erwähnte Offizier der Staatssicherheit gesagt hat. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, eine Zeitlang in Spanien zu arbeiten. Ich habe zum Beispiel schon eine Einladung der Stadt Granada, die mich gerne als Ehrenbürger aufnehmen möchte. Aber entschieden habe ich noch nicht, dafür ist es noch zu früh.

Betrachtet man die Vorgeschichte Ihrer Freilassung - Spaniens Ministerpräsident Zapatero erklärte sich bereit, die Sanktionspolitik der EU gegenüber Kuba zu verlassen, wollte dafür von Kuba aber konkrete Schritte sehen -, dann muss man den Eindruck haben, Sie und die anderen Gefangenen seien nichts als bloße Verhandlungsmasse in den Händen der kubanischen Regierung. Wie fühlt man sich dabei ?
Viele Leute interpretieren die Angelegenheit so, wie Sie das jetzt getan haben. Ich sehe die Freilassung jedoch mehr als Resultat dessen, dass so viele Leute in aller Welt sich dafür eingesetzt haben. Ich versuche sie aus einer anderen Warte als aus einer rein politischen zu sehen. Denn ich bin kein Politiker, sondern ein Schriftsteller, der im Gefängnis gelandet ist; deshalb habe ich auch versucht, meinen Fall zu entpolitisieren. Ich glaube, dass ich meine Freilassung zu großen Teilen dem Engagement von Schriftstellern, Intellektuellen und Journalisten zu verdanken habe.

Sie machen auf mich einen sehr ruhigen, ja abgeklärten Eindruck. Dabei war, was man in den knapp zwei Jahren über Ihre Haftbedingungen lesen konnte, erschreckend. Sind Sie in der Lage, etwas über diese Zeit zu erzählen?
Doch, natürlich, ich habe schon auf diese Frage gewartet. Zu der Abgeklärtheit: Ich möchte betonen, dass ich das Gefängnis ohne Hass und ohne Groll verlasse. Denn ich weiß genau, dass die Zukunft meines Landes nur in der Versöhnung und in der Verständigung liegen kann - es bringt nichts, den Hass zu pflegen.

Heißt das auch, dass man Sie im Gefängnis gut behandelt hat?
Ich wurde vom Gefängnispersonal wie auch von den Mitgefangenen immer korrekt behandelt. Das habe ich so auch einer Radio-Station in Miami in einem Telefoninterview gesagt. Seither werden meine Frau und ich von gewissen Teilen der Exilanten in Miami als "procastristisch" bezeichnet. Diese Leute hatten erwartet, dass ich erzählen würde, ich sei im Gefängnis gefoltert, geschlagen und misshandelt worden. Aber warum sollte ich lügen, wenn es nicht so war? Damit will ich aber überhaupt nicht bestreiten, dass ich von Mitgefangenen - gewöhnlichen Kriminellen - Berichte über Misshandlungen gehört habe, an deren Glaubwürdigkeit ich in keiner Weise zweifle.

Und wie waren Ihre Haftbedingungen?
Während der ersten elf Monate: schrecklich. Ich kam nach dem Prozess am 8. April 2003 direkt in eine so genannte Strafzelle nach Canaletas. Eine Einzelzelle, zwei Meter mal ein Meter fünfzig. Ich hatte in diesen elf Monaten mit keinem Menschen direkten Kontakt, außer mit den Wärtern und bei den drei Besuchen von Blanca. Die "Einrichtung" der Zelle bestand aus einer Matratze sowie einem Wasserhahn, der täglich genau 15 Minuten Wasser hergab. Als WC diente ein Loch im Boden. Jeden Tag durfte ich 45 Minuten lang in einem kleinen Käfig "spazieren", allein und mit gefesselten Händen. Mein größter "Erfolg" in der Zeit war, dass ich durchsetzen konnte, mir meine Hände während des "Spaziergangs" nicht mehr auf den Rücken, sondern vorne zu fesseln. Zuvor, während der knapp drei Wochen im Polizeigefängnis von Havanna, war ich in einer Zelle zusammen mit drei Jungen, die des Drogenhandels angeklagt waren. Ich fühlte mich zwar ein wenig seltsam in diesem Ambiente, doch die drei behandelten mich mit großer Herzlichkeit. So bemühte ich mich, ihnen gegenüber nach einer Maxime von Miguel de Cervantes aufzutreten: Wo immer du bist, verhalte dich einfach gemäß dem, was du siehst.

Wenn ich höre, was Sie über die elf Monate Einzelhaft erzählen, dann frage ich mich: Wie hält man so etwas aus ?
Das Wichtigste waren die Besuche meiner Frau Blanca. Und wenn sie mir dabei erzählte, dass es irgendwo draußen in der Welt Solidaritätserklärungen oder -veranstaltungen für mich gegeben hatte, dann wusste ich, dass ich noch nicht tot bin. Später war es der sporadische Kontakt durch die Zellenwand hindurch zu anderen Gefangenen. Ich erhielt so teilweise Einblicke in das Leben von Menschen, deren Gesichter ich nie sah.

Hatten Sie in dieser Zeit damit gerechnet, dass Sie bereits nach weniger als zwei Jahren wieder frei kommen würden?
Nein. Ich ging davon aus, dass ich wohl etwa sechs bis sieben Jahre absitzen müsste. Ich wusste zwar, dass dieses Regime nicht mehr 20 Jahre dauern würde. Aber dass ich bereits nach 20 Monaten wieder frei sein würde, das hätte ich mir nie erträumt.

Wie erlebten sie die Zeit nach Aufhebung der Einzelhaft?
Sehr unterschiedlich. Ich kam in eine Dreierzelle, zusammen mit einem Mörder und einem Räuber. Letzterer provozierte mich immer wieder, es herrschte eine sehr gespannte Atmosphäre. Dank der Solidarität meiner Mitgefangenen konnte ich aber durchsetzen, dass der Mann in eine andere Zelle verlegt wurde. Und es war in jener Zeit auch nicht mehr so, dass man den ganzen Tag in der Zelle eingesperrt war. Man hatte ziemlich viel Kontakt mit den restlichen Gefangenen. Ich hatte im Allgemeinen ein sehr herzliches Verhältnis zu ihnen. Das hatte vor allem damit zu tun, dass ich mit meinen bald 60 Jahren stets der Älteste war und es in kubanischen Gefängnissen diesen Respekt vor den Älteren gibt. Und ich hatte einen Vorteil, den man nicht hoch genug einschätzen kann: Ich half den Mitgefangenen beim Verfassen von Liebesbriefen. Ich verfügte über einige Bände mit Poesie, die stets unter den Gefangenen zirkulierten. Ich gab ihnen Tipps, welche Gedichtzeilen in den jeweiligen Situationen am ehesten den gewünschten Effekt bei den Adressatinnen erzielen würden. Aber ich habe in dieser Hinsicht auch jede Menge an Dramen und Zusammenbrüchen erlebt, denn immer wieder mussten Gefangene erfahren, dass ihre Frauen sie verlassen hatte oder die Scheidung eingereicht. Das gehörte fast zum Gefängnisalltag.

Bis jetzt haben wir kaum über Politik gesprochen. Sie sind aber wegen eines politischen Deliktes - der "Söldnerdienste" für die USA - angeklagt und verurteilt worden, weil Sie im Verlaufe Ihrer journalistischen Tätigkeit auch Kontakte mit der US-Vertretung in Havanna hatten. Wie beurteilen Sie heute diese Kontakte?
Schauen Sie, als professionell arbeitender Journalist muss man vielfältige Kontakte haben. So gab es halt auch Kontakte zu Diplomaten, darunter auch US-amerikanischen. Ich gehörte aber nicht zu jenen Leuten, die in der US-Vertretung in Havanna ein- und ausgingen, meine diesbezüglichen Verbindungen waren äußerst sporadisch. Und wie Sie wissen, hatte ich ja keine Möglichkeit, meine Texte und journalistischen Arbeiten in Kuba zu publizieren - kein unabhängiger Journalist hat diese Möglichkeit. Also publizierte ich meine Beiträge hauptsächlich dort, wo außerhalb Kubas die meisten Kubaner leben, und das ist in Miami. Bei meinen Kontakten nach Miami habe ich aber stets darauf geachtet, nur von kubanischen Einzelpersonen finanzielle Unterstützung anzunehmen und niemals von Organisationen, die mit der US-Regierung in Verbindung standen. So gesehen ist die Anklage, ich sei ein Söldner, komplett absurd.

Für die kubanische Regierung sind Sie aber auch eine Art Konvertit, denn bis 1989 saßen Sie innerhalb der kubanischen Kulturbürokratie hoch oben.
Das stimmt, meine Geschichte ist bekannt. Aber schon damals habe ich nicht geschrieben, um jemandem zu gefallen, sondern ich habe das geschrieben, wovon ich überzeugt war. Ich war Zeit meines Lebens ein Experte darin, mich von etwas zurückzuziehen, wenn es für mich nicht mehr stimmte - und ich bin ein Spezialist im Scheitern. Ich war fünf Mal verheiratet, ich glaube, in dieser Hinsicht kann ich mitreden, und was mein Verhältnis zu dem herrschenden System in Kuba anbelangt, so hat das für mich viel mit einer längst zu Ende gegangenen Liebe zu tun. Dieses System hat sich schon lange erschöpft, da gibt es keine Hoffnung auf Veränderung mehr.

Wo würden sie sich politisch situieren?
Ich bin kein Politiker und war nie einer; ich bin Poet, Schriftsteller und Journalist. Ich hasse zwar die politische Geometrie, aber ich bin alles andere als ein professioneller Hasser. Ich habe einen Cousin in Moron, meiner Geburtsstadt in der Provinz Ciego de Avila. Er ist Mitglied der kommunistischen Partei, ein überzeugter Anhänger des herrschenden Systems. Ich habe seit eh und je beste persönliche Beziehungen zu ihm. Jedes Mal, wenn Blanca mich im Gefängnis besuchen konnte, hat sie zuvor dort übernachtet, denn die Fahrt von Havanna nach Ciego de Avila und zurück kann man in einem Tag machen. Mein Cousin hat ihr geholfen, wo er nur konnte. Und ich weiß von zahlreichen anderen überzeugten Mitgliedern der kommunistischen Partei Kubas, die sich stets für meine Freilassung ausgesprochen und eingesetzt hatten. Es ist nicht immer alles so schwarz-weiß, wie man das in den jeweiligen Lagern gerne hätte.

Das Gespräch führte Geri Krebs


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00:00 21.01.2005

Ausgabe 38/2020

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