Stephan Porombka
04.10.2012 | 14:20 1

Die Literatur boomt

Medienwandel Kein Krisengerede mehr: Warum das Internet das kreative Schreiben zur neuen Blüte treiben kann

Die Literatur boomt

In Zukunft wird elektronisch gelesen

Foto: Yoshikazu Tsuno / AFP / Getty Images

Der amerikanische Avantgarde-Poet Kenneth Goldsmith war gerade noch im Weißen Haus und hat zum Vergnügen von Barack Obama Staumeldungen als Lyrik gelesen. Nun erklärt er dem Publikum in Berlin auf Einladung der Kulturstiftung des Bundes, wie die kommende Literatur aussehen wird. „Die Zukunft des Schreibens heißt: nur noch zu zeigen und zu klicken“, ruft er gut gelaunt. „Und die Zukunft des Lesens heißt: nicht mehr zu lesen!“ Was er meint: Autoren werden zukünftig nicht mehr Romane, Kurzgeschichten oder Gedichte verfassen. Stattdessen forwarden, posten und twittern sie, was sie im Netz finden. 

Das klingt für alle, die an die klassische Literatur glauben, nach einem schlechten Witz. Doch Goldsmith meint es ernst. Er will die Aktivitäten im Netz nicht verdammen, sondern ihr kreatives Potenzial freilegen. Damit setzt er sich an die Spitze einer Bewegung, die derzeit den Literaturbetrieb aufmischt. Seit die eBooks bis auf die Spitzenplätze der Bestsellerlisten vorstoßen, erscheint das Netz immer deutlicher als Plattform neuer Möglichkeiten. Jetzt können die Autoren schneller publizieren und direkter mit Lesern kommunizieren. Jetzt können sie neue Formen des Marketings erfinden und über ein Erzählen nachdenken, das nicht auf ein Buch beschränkt bleibt. Der Leser muss nicht erst in die Geschichte eintauchen. Er kann mit seinen smarten Lesegeräten, die er als Telefon, Tablet oder Laptop bei sich trägt, immer schon eingeloggt sein.

Zu großem Medienwerk

Experimente dieser Art werden nicht nur von Autoren unternommen. Derzeit schießen Projekte aus dem Boden, die Programme, Plattformen oder Apps entwickeln, um Texte anders zu schreiben, zu vernetzen, zu bearbeiten, mit Bildern, Filmen und Audiofiles aufzuladen und weiterzusenden. Die Formate der Literatur explodieren. Sie tun das mit einer Druck- und Begeisterungswelle, die selbst etablierte Akteure des Buchmarkts nicht unberührt lässt. 

Die ahnen längst, dass sie den Experimenten aufmerksam folgen müssen. Hier werden die Potenziale der Literatur und die Zukunftsfähigkeit des gesamten Betriebs erprobt. Auch wenn damit noch nicht viel zu verdienen ist: Von Krise kann keine Rede sein. Stattdessen beginnt gerade jetzt im Netz und rund um das Netz herum die Boom-Zeit der Literatur. Das Buch wird dabei nicht verschwinden. Aber ihm wird im Medienset eine neue Aufgabe zugewiesen. Es wird mit Nervosität aufgeladen. Texte werden über Links mit Filmen, mit Bildern, mit Audios und mit Live-Performances verbunden sein. Die gehören dann zu einem großen Medienwerk, in dem das einzelne Buch ein Puzzlestück und ein Relais ist. 

Dass dabei, wie Kenneth Goldsmith meint, das Schreiben nur noch ein Zeigen und Klicken ist und das Lesen durch das Posten ersetzt wird, ist unwahrscheinlich. Gleichwohl sieht er richtig: Diese neue Literatur wird auch eine neue Geschwindigkeit haben, die durch den Rhythmus von Empfangen, Bearbeiten und Weiterversenden bestimmt ist. Das klingt nach ferner Zukunft. Ist es aber nicht. Wir machen es längst, wenn wir an unseren Computern sitzen und mit unseren Smartphones spielen und lesen, schreiben und posten, kommentieren und senden. Der Boom der Literatur ist da. Gut, wenn ab und zu einer wie Goldsmith vorbei kommt und uns daran erinnert.

Stephan Porombka ist Professor für Kulturjournalismus und Literaturwissenschaft an der Uni Hildesheim

Kommentare (1)

Hfftl 07.10.2012 | 04:52

Für mich heißt Lesen: Mit einem Buch und meiner Phantasie ganz allein zu sein. Es ist ein Glück, dass die Bücher, von denen ich mir eine geistige Bereicherung verspreche, bereits geschrieben sind und mein Leben bei weitem nicht ausreicht, sie alle zu lesen. So bin ich bis ans Ende meiner Tage mit Literatur versorgt. Auf so eine manipulative, geist- und phantasietötende Art der Multimedia-"Litaratur" im mindesten angewiesen zu sein, wäre für mich eine schreckliche Vorstellung.