Die Macht des geheimen Wissens

Je abstruser desto wahrer Das Internet lässt die Affinität der Esoterik zum rechtsextremen Gedankengut besonders zu Tage treten

Als die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter vor etwa zehn Jahren ihr Buch Hystorien veröffentlichte, war das Internet noch kaum ein Thema. Und dennoch scheinen ihre Thesen gerade heute und in Bezug auf das World Wide Web aktueller denn je. Zu ihren Beispielen der "hysterischen Epidemien im Zeitalter der Medien" - so der Untertitel der Untersuchung - gehören unter anderem der satanische Ritualmissbrauch und die Entführung durch Außerirdische, deren medial-epidemische Verbreitung sie exakt nachzeichnete. "Die kulturellen Narrationen der Hysterie, die ich ›Hystorien‹ nenne, vervielfältigen sich im Zeitalter der modernen Massenmedien, der Telekommunikation und des E-Mail schnell und unkontrollierbar", schreibt sie.

Wem das nach konservativem Kulturpessimismus klingt, der surfe nur mal die esoterischen Webseiten rauf und runter, und sehe, wie blitzschnell und ungehindert, tatsächlich wie ein Virus, sich ähnlich anti-rationalistische Theorien über die Gefahren von Impfungen, Mobilfunk, fleischlicher Nahrung und Chemtrails (Flugzeug-Kondensstreifen) verbreiten. Bereits 1999 warnte der Psychologe Colin Goldner vor einer weiteren Popularisierung solchen Gedankenguts. Häufig gehe es den Esoterik-Vordenkern "ausschließlich um politische Indoktrination, um die Modernisierung rechtsextremen Denkens unter dem Deckmantel esoterischer Sinnfindung", erklärte er in einem Interview. Tatsächlich: Zwischen all die diffus raunenden Informationen über Wiedergeburt, Illuminaten, Mind Control und Indigo-Kinder passt sich noch jedes Mal das offensichtlich obligatorische Quantum Rassismus ein und oft genug durchdringt ein völkischer Ton scheinbar harmlose Ernährungstipps. So immateriell der Raum, in dem sich all das fort und fort pflanzt, so virtuell sind schließlich auch die Mächte, die angeblich unser Schicksal bestimmen - ganz gleich, ob man sie nun Karma oder Rasse nennt.

Lysander Prunners Webseite etwa ist nur eine unter Hunderten, deren Autoren unter dem Label des Geheimwissens längst zu Gegnern des Grundgesetzes avanciert sind. Einige seiner eingestellten Artikel musste Prunner bereits entfernen, die Links dorthin sind Sackgassen: "wegen eines laufenden bzw. angedrohten Strafverfahrens wegen Volksverhetzung zur Zeit nicht abrufbar." Prunner versteht das nicht: "Ich habe mich nie politisch engagiert, ich bin also weder rechts noch links." Für ihn nämlich existieren solch banale Kategorien nicht, in der Kategorie "Hintergründe über Israel" empfiehlt er deshalb Mein Kampf von Adolf Hitler: "Der Autor dieses zu Unrecht in Verruf geratenen Werkes ... entwickelt mit beeindruckender Stringenz eine immer noch aktuelle, jedem nachvollziehbare Darstellung der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte!"

So macht die Globalisierung sogar dem Nationalisten Spaß: Weil sein Vaterland ihm sein aufklärerisches Engagement ausschließlich mit Verboten dankt, ist Prunner eigenen Angaben zufolge nach Südamerika ausgewandert. Denn eine Domain, die nicht auf ".de" endet, entzieht sich deutschen Verfassungsschützern zumeist so weitgehend wie der von Prunner ebenfalls angebotene E-Mail-Newsletter. Ähnlich dienstbar ist der "Haftungsausschluss", in dem der Autor einer Webseite versichert, "dass zum Zeitpunkt der Linksetzung keine illegalen Inhalte auf den zu verlinkenden Seiten erkennbar waren." Das Gegenteil dürfte kaum nachweisbar sein, besonders in einer Szene, der jede Rechtmäßigkeit ohnehin suspekt erscheint. Prunners Liste ist denn auch eine ansehnliche Fundgrube. Da findet sich unter anderem die revisionistische "Gemeinschaft deutscher Frauen" sowie die Schweizer Seite ausländergewalt, die aus den Nachrichten allein die von Andersfarbigen oder -gläubigen verübten Taten filtert und quasi-statistisch präsentiert.

Wer´s nicht mehr mit eigenen Worten sagen darf, der setzt stattdessen eben einfach unverbindliche Links. Oder lässt die User plappern und dabei munter den Holocaust anzweifeln, wie im Online-Forum der esoterischen Zeitschrift Nexus zu lesen. Regentreff, die Webseite des "Treffs für Grenzwissenschaften" im Luftkurort Regen im Bayerischen Wald, gewährt den Eintritt in sein Forum ohnehin nur auf Anfrage. Das schützt vor kritischen Blicken. Und macht die Sache für alle anderen erst richtig interessant. Auch Shops und Verlage mit eindeutig rechtsextremen Produkten im Angebot finden sich unter esoterischen Mottos im Internet, das ihnen deutlich verbesserte Absatzmöglichkeiten beschert. Sollte es Beschwerden geben, ist die Seite schnell "aktualisiert".

"Es ist die Esoterik selbst, von Anfang an und in ihrem Kernbestand, die sich mit Grundauffassungen rechtsextremistischen Denkens deckt", konstatierte der Wissenschaftsjournalist Holdger Platta 1997 in der Zeitschrift Psychologie Heute. Argumente dafür, dass im Internet endlich auch für alle sichtbar zusammenwächst, was lange schon zusammengehört, gibt es durchaus: die Schicksalsgläubigkeit der Esoteriker etwa, ihre bereitwillig hörige Unterordnung unter die eine Wahrheit und den unbeeinflussbaren Weltwillen (der Holocaust gilt vielen als notwendige "Reinigung" des "schlechten Karmas" der Juden). Lautstarke Kritik aus den Reihen unverdächtiger Esoteriker an der völkischen Interpretation ihrer Überzeugungen ist jedenfalls kaum zu hören.

"Heutige Hysteriepatienten (...) suchen die Ursache ihrer psychischen Probleme in äußeren Quellen", schreibt auch Elaine Showalter in ihrem Buch, viele Menschen lehnten "die psychologische Erklärung ihrer Krankheitssymptome (...) ab". Tatsächlich funktioniert die braune Esoterik in eben diesem Maße paranoid: Was den Nazis die Juden, sind vielen Esoterikern wenn nicht gleich die Außer- oder Unterirdischen (i.e. oft genug die "Zionisten"), dann mindestens die Umweltgifte und Zusatzstoffe - das Fremde, "Künstliche", von außen Zugeführte, das den (Volks-) Körper verunreinigt und also krank macht. Die ausschließliche Ernährung mit Licht sei hier nur als krassestes Beispiel der Angst vor dem "Unnatürlichen", dem buchstäblich "Entarteten" genannt. Regelrecht unheimlich scheint manchen ihr eigener Körper - wohl weil er stets in Gefahr ist, zum Menetekel eines unhygienischen, nur mangelhaft renaturierten Geistes zu werden.

Die Wahrheit müsse eben verbreitet werden, lautet das ewige Credo, und je unglaublicher sie ist, je deutlicher sie an mehrheitlich anerkannten Grundwerten rüttelt, desto wahrer erscheint sie. Deshalb gilt jeder Einspruch als mindestens naive, wenn nicht gar absichtsvolle Blindheit, und deshalb dient noch jedes Gerichtsurteil der erneuten Versicherung, dass da schon wieder etwas vom Medien-Politik-Wirtschafts-Klüngel unter den Teppich gekehrt werden soll. So immunisiert sich diese natürlich-national-biologische Schicksalsgemeinschaft gegen alle Einwände in einem nach außen abgedichteten Netz im Netz.

Der demokratische Gestus verkommt hier zur hohlen Attitüde. Zwar behaupten die arischen Esoteriker, die in der Öffentlichkeit beständig vertuschte Wahrheit endlich unters gesamte Volk bringen zu wollen, doch ohne die Aura des elitären Wissens würde keine dieser Publikationen funktionieren. Sollte irgendwann einmal die Mehrheit der Menschen ihrer Meinung sein, müssten sie sich schnell nämlich etwas anderes überlegen, damit sie die Masse weiterhin als "verblendet" denunzieren könnten. Die freiheitliche Grundordnung ist ihnen schließlich nur so lange sympathisch, so lange sich daraus Kapital schlagen lässt. Jüngster solcher Fall: Der verurteilte Volksverhetzer und Reinkarnationstherapeut Trutz Hardo durfte vergangene Woche in der Bild-Zeitung und auf bild-online wunderbare Eigenwerbung treiben, indem er einen Fragebogen zusammenstellte, mit Hilfe dessen herauszufinden sei, ob man ein Wiedergeborener sei. "Vertreten Sie Ansichten (Moral, Politik), über die andere den Kopf schütteln?" lautet eine Frage. Ein "Ja" darauf gilt als Indiz, dass man schon einmal gelebt habe. Wenigstens in diesem Punkt kann man Hardo nicht widersprechen: Statt auszusterben, kehren die Nazis leider immer wieder.


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00:00 07.07.2006

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