Die mitteldeutsche Frage

Sachsen-Anhalt erhält gerade viel Aufmerksamkeit, dabei gibt es dieses Bundesland eigentlich gar nicht

Eines der größeren deutschen Übel war schon immer die Kleinstaaterei, deren feudale Wurzeln bis heute noch nicht ganz ausgerottet sind. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Sachsen-Anhalt. Denn Sachsen-Anhalt gibt es eigentlich gar nicht, sage ich immer wieder. Als gebürtiger Magdeburger darf ich das auch.

Zweifellos war es einer der größeren Fehler der Wiedervereinigung 1990, dass es mit dem „Beitritt“ der DDR wieder ein Bundesland Sachsen-Anhalt geben musste. Schon häufig wurde diese Tatsache in den letzten Jahrzehnten evident. Zuletzt beim bizarren Streit um den Rundfunkbeitrag, über den sich die ansässige CDU gerade zerlegt. Immerhin guckt jetzt mal jemand nach Magdeburg, wo man sich ja ständig vernachlässigt fühlt. Dem MDR wird von der Magdeburger Staatskanzlei gern vorgeworfen, das Bundesland Sachsen-Anhalt würde viel zu wenig im Programm vorkommen. Auch wegen dieser tief sitzenden Kränkung hält die CDU verbissen daran fest, den Rundfunkbeitrag nicht erhöhen zu wollen.

Wir müssen an dieser Stelle etwas tiefer in diesen Landstrich eintauchen. Am besten in die Geschichte, aus der man manches lernen kann. Im Grunde gab es nur zwei Epochen: Die erste, vom Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg, war geprägt vom Erzbistum Magdeburg, das dann mit dem Westfälischen Frieden 1648 an Brandenburg ging, den Kern des späteren Preußen, wo diese Gegend bis 1947 verblieb. Da beschlossen die Alliierten, dass Preußen „für immer“ aufgelöst wird. Was sollte aus der preußischen Provinz Sachsen werden? Es schlug die Geburtsstunde des sogenannten Sachsen-Anhalt!

Aber wie hatte es dazu kommen können? Nach den napoleonischen Wirren hatte Preußen 1815 seine mitteldeutschen Besitzungen in der neu gebildeten Provinz Sachsen zusammengefasst. Damals saß der Landtag in Merseburg; Magdeburg und Halle galten als zu aufmüpfig. Zudem musste das frisch vom aufgelösten Erzbistum Mainz gewonnene Erfurt integriert werden, es gab dann also einen Regierungsbezirk Erfurt mit zahlreichen lustigen Miniländereien, über ganz Thüringen verstreut. Anhalt war noch das selbstständige, ziemlich fortschrittliche calvinische Fürstentum. Die Provinz Sachsen verlor ihre thüringischen Gebiete zwar bei der Flurbereinigung 1947 an Thüringen, im Großen und Ganzen aber bildete sie dann mit Anhalt zusammen das neue Sachsen-Anhalt, Hauptstadt wurde Halle, weil Magdeburg so kaputt war nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber dort jammerte darüber fast niemand – man wusste, dass man als zweitgrößter Krupp-Standort nicht mit der Liebe der Alliierten rechnen durfte. Man krempelte die Ärmel hoch, baute die Stadt neu auf. Nach nur fünf Jahren beendete die DDR den Sachsen-Anhalt-Spuk und bildete die Bezirke Magdeburg und Halle. Dabei blieb es bis zur Wende.

1990 musste alles anders werden, und neben dem Kapitalismus wurde auch das sogenannte Sachsen-Anhalt restauriert. Der lächerliche Begriff der „Friedlichen Revolution“ ist natürlich sehr schön zur Einseifung der Ostler, aber historisch unhaltbar. Es handelte sich um eine friedliche Restauration, denn nach einer Revolution käme schließlich was Neues raus und nicht Parolen wie „Rückgabe vor Entschädigung“. Leider hatte man wenig oder keine neuen Ideen, außer „Westgeld für alle!“. In unserem zu betrachtenden Gebiet wurde vor allem darum gestritten, wer nun Hauptstadt dieses glorreichen Landstrichs werden solle. Magdeburg war es immer, Halle aber von 1947 bis 1952. Magdeburg gewann bekanntlich, Halle nennt sich nun gern Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalts. Es ist ja auch die schönere Stadt. Die sich zudem eher nach Leipzig hin orientiert als zum hassgeliebten Magdeburg.

Besser wäre im Jahre 1990 gleich die Bildung eines Landes Mitteldeutschland gewesen. Nun ist auch dieser Begriff nicht unproblematisch, aber Nord-Süd-gedacht trifft er ja zu. Ost-West ist schwierig, denn wo ist dann Ostdeutschland? Es ist für immer verloren, dank der Vorgänger unserer AfD, die halb Europa mit Krieg überzogen, ihr geliebtes Vaterland zweimal erfolgreich schrumpften und nebenbei den Ruf Germaniens nachhaltig ruinierten.

Dennoch sollten sich Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen zusammenschließen zu einem dann wirklich relevanten Bundesland. Immerhin lebt bereits der MDR diesen Gedanken. In der Weimarer Republik gab es schon einmal ernsthafte Bemühungen um Konsolidierung, die dann von der Weltwirtschaftskrise verdrängt wurden, mit allen noch fataleren Folgen, siehe oben. Leipzig stand diesem Gedanken sehr aufgeschlossen gegenüber, aber der Freistaat Sachsen war zu stolz. Damals ging die Initiative von der Wirtschaft aus. Aber leider ist die Wirtschaft heute immer noch sehr schwach, weil sie stark an koloniale Strukturen erinnert: Konsum ja, Produktion wenig, und wenn, dann als Filiale. Ein Bundesland Mitteldeutschland hätte auch 1990 schon bessere Voraussetzungen dafür geboten, diese Ländereien zu modernisieren und zu entwickeln. Aber seien wir zuversichtlich: Der Tag wird kommen, an dem diese Gedanken wieder aufgegriffen werden. Das ist noch sicherer als das Amen in der Kirche. Denn die mitteldeutsche Frage ist offen!

Egbert Pietsch ist Herausgeber des Leipziger Stadtmagazins Kreuzer, wo dieser Text zuerst erschien. 1965 in Magdeburg geboren, wuchs er 20 Kilometer südwestlich, in Klein Wanzleben, der Welthauptstadt des Zuckerrübenwesens, auf, als preußisch-böhmische Promenadenmischung: Seine Mutter stammt aus Pommern, sein Vater aus Böhmen, beide waren Kriegsflüchtlinge und landeten 1945 in Mitteldeutschland. Seine Heimat ist am ehesten Klein Wanzleben, aber nach 33 Jahren hat er in Leipzig Wurzeln geschlagen. Ein Sachse wird er jedoch nie Die DDR beendete 1952 den Spuk, aber 1990 kam die Wende. Sachsen-Anhalt sollte sich jetzt endlich mit Sachsen und Thüringen zu einem wirklich relevanten Land zusammentun

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