Die Möglichkeit eines Sees

NRW Das Sterben der großen Zechen macht den Menschen im Ruhrgebiet seit Jahrzehnten zu schaffen

Man kann, wenn man etwas vom Strukturwandel im Ruhrgebiet verstehen will, zur Hörder Burg fahren. Ein vererkerter Bau des Historismus türmt sich da als Verwaltungssitz gegen den Himmel: Dahinter wuchs aus der Hermannshütte das gewaltige Stahlwerk Phoenix-Ost. Fast zwanzigtausend Arbeiter waren hier beschäftigt, die Maschinen arbeiteten rund um die Uhr. Man kann mit Stahlkochern sprechen und sie nach dem Lebensrhythmus in Wechselschicht befragen. Jahrzehntelang standen sie im Asbestanzug an der ersten Hitze, stachen Stahl als glühende Suppe aus dem Konverter, kühlten ihn zwischen Staub und Funken, prügelten ihn zu tonnenschweren Brammen: So ohrenbetäubend, dass sich viele auch nach der Schicht nur brüllend unterhielten. Dem einen zerbrach die Ehe als Phönix-Ost geschlossen wurde. Der andere bekam Depressionen, als sie den Hochofen 2001 demontierten und nach China verschifften: Vorruhestand. Zwei Mal dieselbe Frage: Ob man sich treffen könne, neben der Hörder Burg zum Beispiel. Zwei Mal dieselbe Antwort: „Hömma, lass ma. Lieber nich.“

Der Strukturwandel im Ruhrgebiet: Bald ein halbes Jahrhundert plagen sich Politiker, Stadtplaner und soziale Einrichtungen damit herum. Jetzt, zur Hälfte der zweiten Amtszeit Hannelore Kraft, muss die Landesregierung die Mühen mit besonders leeren Kassen meistern. Der Hörder Burg immerhin hat der Wandel eine Art See gebracht. Frisch saniert schaut sie auf einen kleinen Hafen, winterleer und eingerahmt von Investorenkästen, links beige, rechts reines Weiß. Büros und Fitnessstudios hinter bodentiefen Fenstern. Im Erdgeschoss gibt es das Eiscafé factory, ein beerhouse, das Café Solo mit dem herzigen Slogan „see it. feel it. live it“. Auch eine Frittenbude ist eingezogen, so sauber und kühl, dass sie jederzeit mit der Apotheke nebenan tauschen könnte.

Denken bis zum Kirchturm

Zur Mitte der 1950er Jahre arbeiteten im Ruhrgebiet fast eine halbe Million Menschen in der Montanindustrie, ein Drittel der Grundfläche Dortmunds gehörte der Schwerindustrie. Man arbeitete bei „Karl Hoesch“, obwohl die Unternehmensgeschichte keinen solchen Karl Hoesch kennt. Gleichwohl bekamen Stahlkocher mit dem Verweis auf ihn sofort Kredit bei der Bank. Karl Hoesch war eine Institution. Damit, dass die gewaltigen Hochöfen, das Gasometer, die Hörder Fackel und schließlich auch der Firmenname verschwinden würden, rechnete niemand. Jetzt ist da ein See. „Mehr als 150 Jahre Stahlerzeugung haben den heutigen Ort Hörde geprägt“, steht auf einer etwas versteckten Schautafel, sie blickt auf die Emscher, einmal der dreckigste Fluss der Republik. Heute ist sie ein Bach.

„Natürlich kulturprägend“ sei die Montanindustrie gewesen, sagt Garrelt Duin. Er ist Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk in NRW. Gerade hat er ein Publikum in einer alten Zinkfabrik an Willy Brandts Forderung von 1961 erinnert: Der Himmel über den Ruhrgebiet müsse wieder blau werden. Jetzt ist der Himmel blau, weil es viele Industriebrachen gibt. Als Narben der Kultur. Duin ist zwei Meter groß, schlaksig, aber bestimmt; er hat nichts von der kumpeligen Art, mit der die Fürsorge-Sozialdemokraten im Ruhrgebiet oft daherkamen. „Vielleicht ein Vorteil“ sei es für ihn, nicht hier politisch aufgewachsen zu sein, keine Gefälligkeiten zu schulden. Duin ist Pragmatiker. Genossen und Gewerkschafter rümpfen schon mal die Nase: Kein Stallgeruch.

Die Genese des Ruhrgebiets ist kleinräumig: Um Zechen und Fabriken entstanden Siedlungen, weiter als vom Kirchturm blickten die Kommunalpolitiker selten. Der Witz, dass sich Städte im Ruhrgebiet Straßenbahnen mit unterschiedlicher Spurweite leisteten, ist gar keiner. Vieles ist Flickwerk: Dortmund versteht sich als Kapitale Westfalens. Vom Rathaus blicken sie traditionell eher skeptisch nach Bochum oder Essen. Duisburg ist der Niederrhein: Weit weg. Die Städte konkurrierten eher, als dass sie zusammenarbeiteten. Jede wollte ein eigenes Konzerthaus, Spaßbad, Gründerzentrum: Die Folgekosten hatten sie nicht auf dem Zettel. Seit Jahren stehen steigenden Sozialausgaben niedrige Steuereinnahmen gegenüber. Die Unwucht bei der Finanzierung von Leistungen, die auf Landesebene versprochen werden, tut ein Übriges: Fast alle Kommunen sind pleite.

Vieles in der Region könnte einfacher sein: Eine zentrale Verwaltung, der sich die Stadtzaren unterzuordnen hätten. Ein System, das das Ganze im Blick hat und nicht Partikularinteressen bedient, ein einheitliches Nahverkehrssystem. Auch sei das „Tonnen-Denken“ noch weit verbreitet, sagt Rolf G. Heinze. Er ist Soziologieprofessor an der Bochumer Ruhr-Universität, untersucht Stadt- und Regionalentwicklung. Was vorher groß war, große Arbeitgeber, große Fabriken, solle auch mit großen Lösungen ersetzt werden.

„Wir erfinden noch viel zu häufig das Rad immer neu. Und auch an vielen Orten gleichzeitig“, sagt Duin. Die Übergabe eines Förderungsbescheides steht an: Die Fläche der hundert Jahre alten Zeche Auguste Viktoria soll entwickelt werden. Sie schließt Ende 2015. Duin kennt sich mit Schließungen aus. Als er gerade ins Amt kam, verkündete Opel das Werk in Bochum dicht zu machen. Er entschied sich dagegen, „einen Fördertopf zu suchen, um Opel da drei Jahre länger zu halten“. Bastelte an Alternativen, musste durch Konflikte mit Betriebsrat und Lokalpolitikern. Mit Opel fallen tausende Stellen weg.

Früher gab man Opel oder Nokia Steuergeld, bat sie noch ein bisschen zu bleiben. Duin entschied sich für einen anderen Weg. Das Land gibt einen Zuschuss „in zweistelliger Millionenhöhe“, damit sich auf dem Werkgelände eine „kritische Masse“ mittelständischer Unternehmen ansiedeln könne. IT-Entwickler, Dienstleister. Es ist ein riskantes Vorgehen. Politiker, die davor warnten, große Unternehmen zu subventionieren und Strukturprobleme zu verdrängen, seien meist „abgestraft worden“, erzählt Professor Heinze. Mit dem Landesvater-Gestus von Johannes Rau brachen die Raubeine Wolfgang Clement und Peer Steinbrück. So verlor die SPD die Mehrheit. Hannelore Kraft versprach sich „zu kümmern“ und gewann das Ministerpräsidenten-Amt für die Partei zurück. Trotzdem sagt Duin heute: „Lebensverlängernde Maßnahmen hat man oft vorgenommen. Damit hat man das Leben nicht gerettet, aber viel Geld ausgegeben.“

Wenn man die Trends in deutschen Städten zusammenfasset, kann man sagen, dass die Stadtbevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung jünger ist, sich die großen Städte seit Ende der 90er besser entwickeln als der nationale Durchschnitt und seit 2004 Einwohnerzahlen im Umland zurückgehen. Für die meisten Städte des Ruhrgebiets gelten diese Trends nicht: Sie werden älter, ärmer und leerer. Allenfalls Zuwanderung aus dem Ausland schwächt die Tendenzen ab. „Der Motor, der Städte wachsen und schrumpfen lässt, ist schon lange nicht mehr der Arbeitsmarkt“, fasst Heinze zusammen. „Wohnstandortsentscheidungen der mobilen Mittelschicht“ seien entscheidend: Familien wandern ins Umland, Studierende ziehen in die Nähe der Universitäten. In vielen Arbeitersiedlungen hingegen türmen sich die Probleme.

Bei der Pressesprecherin der Phoenix-Vermarktungsgesellschaft kann man schöne Prospekte bekommen: Rund 230 Millionen Euro hat der künstliche See an der Hörder Burg gekostet, inklusive Renaturierung der Emscher. Als die Stahlwerke verschwanden, blieben inHörde Spielhallen und Billigläden. Jetzt gibt es eine Enoteca und eine Buchhandlung. Statistisch sitzen in Dortmund Wohlhabende und Arme so eng beieinander wir nirgends sonst in der Republik. Die Sprecherin wohnt selbst in Hörde. Es sei wieder „kultig“. Der See diene der „Mehrwertsteigerung“, das Viertel drumherum ist für Menschen, die es sich leisten können. Deshalb hat der Phoenix-See kein Nordufer, sondern einen „Südhang im Norden“. Niemand soll denken, auf der Terrasse scheine die Sonne nicht.

Der See ist ein größerer Teich geworden, auf alten Bildern kann man sehen, was er ersetzt: Verschachtelte Industriebauten, umzäumt von rußigen Arbeiterwohnungen. Jetzt ist da ein sensibles Naturimitat. Winters darf man nicht aufs Eis, im Sommer ist Baden, Grillen, Schlauchbootfahren und vieles mehr untersagt. Mit den Verbotsschildern ließe sich eine Brücke zum anderen Ufer basteln. Ringsum hocken eng aufeinander ostentative Einfamilienhäuser: Scharfe Kubaturen, helle Farben, große Fenster und Terrassen zum Wasser: Angestelltenadel, Freiberufler, Fußballprofis. In den Einfahrten stehen flache Sportwagen und geländegängige Automobile. Nicht die klassische SPD-Wählerschaft.

Heute gibt es im Ruhrgebiet zusammen kaum zwanzigtausend Industriearbeiter und über 200.000 Studierende. Das Beschäftigungsniveau in der Region ist schlechter als im Land, zwei Drittel der Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungssektor. Bürofachkraft ist der Spitzenreiter der Berufsbezeichnungen. Fertigung macht gerade 20 Prozent aus. Der Strukturwandel war eine gewaltige De-Industrialisierung.

„Ärgert mich, bringt aber nix“

Garrelt Duin will Mittelstand, Wertschöpfungsketten, Netzwerke: „Wir dürfen nicht mehr glauben, der 5.000-Mann-Betrieb käme eingeflogen.“ Das viele Geld, das das Land vor seiner Zeit für den Strukturwandel hatte, wirft lange Schatten. Noch dazu konnte man sich an Stiftungen großer Unternehmen wenden, wenn die Finanzierung eines Krankenhauses wackelte, wenn die Hochschule etwas brauchte. Doch aus den Spendierhosen mit den tiefen Taschen ist ein enger Lendenschurz geworden: Die Unternehmen sparen ihre Stiftungen klein, die großen Firmenzentralen in Essen und Dortmund fallen als Jobmotor immer weniger auf. Seit 2008 bekommt NRW Geld aus dem Länderfinanzausgleich. Die Ministerpräsidentin ruft nach Änderungen beim Sozialpakt, verkauft Kunstwerke: Aktionismus. In Marl will der Oberbürgermeister „Gleichberechtigung“, will von Landesmitteln profitieren wie die großen Städte des Ruhrgebiets.

Herr Duin, wie begegnet man denn da den großen Unternehmen, die ihre Erträge in Luxemburg versteuern und der öffentlichen Hand entziehen? Wir fahren eine Weile. Weideland vor Bochum, schließlich sagt er: „Natürlich ärgert mich das. Bring aber nichts.“

Und so werden viele Brachen mit Glück vielleicht wilde Landschaft. Dazwischen liegt der Phönix-See als Zeichen für den Freizeitspaß, den man im Sinn hatte, kurz nachdem die Mauern der großen, lauten, schmutzigen Fabriken fielen. Wo der Wandel hingeführt, ist nicht durchgehend klar. Heute arbeiten auf dem ehemaligen Gelände des Stahlwerkes Rheinhausen fast genauso viele Menschen wie zu Stahl-Zeiten: Logistik, Chemie. Oft hat er weg vom Tarifeinkommen und hin zur Bezahlung „auf Projektebene“ geführt. Teilzeitarbeit, prekäre Beschäftigung nehmen zu. Viele bekommen heute ihr Geld vom Arbeitsamt. „Die Unterschiede zwischen den Extremen wachsen und die Mitte wird dünner“, schreiben Heinze und Kollegen. Schon jetzt organisieren Rechtsradikale Ressentiments mit Erfolg.

Am nächsten Tag gibt es vor einer Trinkhalle in Hörde am Mittag Bier und schnelle Sprüche: Ein lustiger Trupp versammelt sich da, arbeitslos allesamt. Die vom See kennt keiner, hingehen tun sie eher nicht. Auch auf dem Gelände von Phönix-West dürfen sie nicht grillen. Also bleiben sie lieber in der Trinkhalle. Auch gut. Was sie vom See halten? Längeres Schweigen. „Ein Wald“, fällt schließlich einer Frau ein. Sie hat schon einmal darüber nachgedacht: „Ich hätte mir eigentlich einen Wald gewünscht.“

06:00 08.04.2015
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