Die Monster, die wir rufen

Die Nachrichtengesellschaft Der Medienwissenschafter Joshua Meyrowitz über das von den US-Medien erzeugte Selbstbild Amerikas und die subversive Potenz unkontrollierbarer Nachrichten

Joshua Meyrowitz ...
... zählt zu den renommiertesten Kommunikationswissenschaftlern Nordamerikas. In seinem Buch Die Fernsehgesellschaft
beschreibt er, wie einstige Informationsbarrieren zwischen sozialen Gruppen durch das Fernsehen niedergerissen wurden. Kindheit und Erwachsensein vermischten sich seitdem, so Meyrowitz´ zentrale These, ebenso wie Privates und Öffentliches bei jedem Einzelnen. Den immer resoluteren Eingriff von Massenmedien in Politik, Gesellschaft und Moral begründet er mit ihrer Funktion - systemkonformen Wirklichkeitsersatz anzubieten.

FREITAG: Das politische System der USA verlagert sich weiter nach rechts, zugleich verabschiedet sich der überwiegende Teil der Bevölkerung von der Politik, da immer weniger über die wirklichen Absichten der Politiker zu erfahren ist. Wie haben die elektronischen Massenmedien zu dieser konservativen Revolution beigetragen ?
JOSHUA MEYROWITZ: Ich glaube, wir erleben bei uns eine Kontroverse, bei der zwei Mythen aufeinanderprallen: hier das "gute Amerika" im Stil der Cowboy- und Westernfilme, in denen ein Mann in die Wildnis zieht und dort Gutes tut - und dort eine entgegengesetzte Strömung, die eher mit John Lennon und dem Geist der sechziger Jahre zu tun hat. Auch bei Letzterem spielt die Zentrierung der Kultur auf das bewegte Bild - vor allem das Fernsehen - eine wichtige Rolle. Eben jenes Fernsehen - das durch eine radikale Kommerzialisierung inhaltlich nichts transportieren darf, was den Warenkonsum irgendwie behindert - ruft bezogen auf den individuellen Lebensstil durchaus eine emanzipatorische Wirkung hervor. Das erklärt den eklatanten Widerspruch zwischen den sehr viel weniger konservativen privaten Auffassungen einer Mehrheit der Amerikaner und den politisch rechten Ansichten ihrer Politiker.
Aber selbst eher nach links tendierende Bürger verfügen einfach nicht über genügend Informationen, um das John-Wayne-Amerika in Frage zu stellen. Ein liberaler Lebensstil verträgt sich offenbar sehr gut mit der Tabuisierung politischer Fragen. Ob wir nicht vielleicht die Monster erst geschaffen haben, gegen die wir jetzt in die Schlacht ziehen? Die Mehrzahl der Amerikaner wird nicht ermutigt, darüber nachzudenken. Und die Medien haben dabei eine Schlüsselfunktion - sie fördern einerseits private Liberalität und verhindern andererseits jede kritische politische Reflexion.

Amerikas Journalismus gilt vielen europäischen Berufskollegen als Vorbild. Bei Ihnen erscheinen die USA dagegen eher als Medienwüste, in der wirkliche politische Debatten blockiert werden.
Ja, weil Mythos und Realität unseres Journalismus in einem offenen Widerspruch stehen. Der informierte Bürger als tragende Säule der Demokratie ist seit der Niederschrift unserer Verfassung Grundlage der amerikanischen Republik. Alle Schulen lehren das. Was sie nicht lehren: dass unsere Medien alles andere als demokratisch organisiert sind. Es gibt überall steile Hierarchien, die wie Zensurinstanzen funktionieren. Da bedarf es gar keiner expliziten Absprache darüber, was berichtet wird und was nicht. Es ist klar, dass in einem Umfeld, das durch zahllose Werbe-Doppelseiten etwa der Automobilindustrie geprägt ist, kritische Berichte über Autos keinen Platz haben. Das heißt natürlich nicht, dass ein negatives Testergebnis eines bestimmten Modells nicht erscheinen kann. Es ist aber unmöglich, Zweifel am Auto als Transportmittel überhaupt zu formulieren. Man kann nicht fragen, warum unser öffentliches Nahverkehrssystem so schlecht ist. Man darf die Verflechtung von Automobil- und Ölindustrie nicht thematisieren. Völlig unmöglich wäre es, darüber zu schreiben, dass der Durchschnittsverbrauch amerikanischer Autos seit den Achtzigern um acht Prozent gestiegen ist, so dass wir wegen des Öls in Saudi-Arabien seit Jahrzehnten eine anachronistische Monarchie unterstützen, die weder Religions- noch Pressefreiheit kennt. Mit einem solchen Bericht hätte man als Journalist genau die Grenze überschritten, die festlegt, was als "objektiver Journalismus" gilt.

Dennoch hält sich der Mythos vom "objektiven Journalismus".
Deshalb muss man ihn ja nachdrücklich in Frage stellen. Eine weitere wesentliche Eigenart des amerikanischen Journalismus ist doch auch, dass sich Recherche im Normalfall auf die offiziellen Aussagen der Amtsträger beschränkt. Wenn man die Berichterstattung über die Aktivitäten der Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren in Latein- und Mittelamerika untersucht, stellt man fest, wie verriegelt die amerikanischen Medien gegenüber oppositionellen Bewegungen im eigenen Land waren. Es gab Millionen von Menschen, die an den Universitäten, in Schulen, auf Straßen gegen die US-Politik in der Region protestierten. In den Medien - besonders im Fernsehen - herrschte die stillschweigende Übereinkunft, an der Regierungsversion der Geschehnisse auf dem Subkontinent festzuhalten. Es klingt wie eine Ironie der Geschichte, aber die Einseitigkeit der Medien ist in diesem Land viel größer als in einem totalitären System. In einer Diktatur suchen die Menschen nach alternativen Informationsquellen, sie sprechen mit Ausländern oder lesen Untergrundzeitungen. Hier, wo die Pressefreiheit eine Selbstverständlichkeit ist, können die Menschen gar nicht verstehen, warum es so wichtig ist, sich auch aus anderen Quellen als den tonangebenden Massenmedien zu informieren. Sie wollen solchen Quellen einfach nicht glauben, gerade weil
ihnen der freie Zugang garantiert ist.

Lassen Sie uns über Machtstrukturen sprechen, die das amerikanische Fernsehen prägen. Der Kanal NBC zum Beispiel gehört zu General Electric, einem der größten Rüstungskonzerne. In welchem Ausmaß kontrolliert das Big Business wirklich den US-Fernsehmarkt?
Wenn man die befragt, die in diesen Medien arbeiten, so schwören sie jeden Eid: es gibt keinerlei direkte Einmischung der Konzerne. Andrew Hayward beispielsweise, der die CBS-Nachrichtenredaktion leitet, besteht darauf, dass er noch nie vom Viacom-Konzern, zu dem CBS gehört, irgendwelche Weisungen erhalten habe. Vor kurzem wurde er gefragt, warum die Berichterstattung über den sogenannten "Anti-Terror-Krieg" so einseitig verlaufe. Seine Antwort war ein Ausbruch der Empörung. Ob man mit dieser Frage seinen Patriotismus bezweifeln wolle? Schließlich sei er zuallererst Amerikaner! Wenn Personen wie Hayward für die News verantwortlich sind, bedarf es keiner expliziten Direktive der Mutterkonzerne. Dabei ist er sicher ein sehr fähiger Journalist, aber völlig befangen im gängigen politischen Diskurs und unfähig, Fragen zu stellen, die darüber hinausgehen. Solange aber führende Journalisten keine wirklich bohrenden Fragen stellen, solange die Rolle der USA als unschuldiges Opfer keinerlei Zweifel unterliegt, braucht man keinen Zensor mit der Schere. Nicht, dass solche Fragen die Terroranschläge irgendwie entschuldigen könnten, aber sie würden gewiss helfen, Hintergründe und Zusammenhänge aufzuklären.
Osama bin Laden ist nicht müde geworden, drei Gründe anzuführen, warum er den 11. September für gerechtfertigt hält: wegen der Unterstützung für die morbide Diktatur in Saudi-Arabien und die US-Militärpräsenz dort; wegen der Aufrüstung Israels durch die USA, ohne dass der Einsatz der gelieferten Waffen irgendwie eingeschränkt würde; wegen des Todes von anderthalb Millionen Irakern, die Opfer der UN-Sanktionen oder amerikanischer Luftangriffe oder einer Zerstörung der Wasserversorgung wurden. Die meisten Amerikaner wissen von all diesen Dingen nichts. Kein Wunder, wenn sie unerschütterlich davon überzeugt sind - wir sind die "good guys" auf diesem Globus.

Ist das eine Entwicklung des US-Journalismus, die sich erst in den vergangenen Jahren ergeben hat. Wenn ich daran denke, dass die Journalisten, die seinerzeit "Watergate" aufgedeckt haben, heute für die "Washington Post" Artikel über Betrügereien von Sozialhilfeempfängern schreiben, scheint das eine dramatische - fast historische - Veränderung des Journalismus in Amerika.
Wahrscheinlich überrascht Sie jetzt meine Antwort, aber ich glaube, die Dinge sind heute eher besser als früher. Watergate war so etwas wie eine Entgleisung. Watergate war für die "Post" zunächst eine Einbruchsgeschichte für den Lokalteil. Das Blatt schickte zwei völlig unerfahrene Polizeireporter hin, und die machten - gemessen an unseren journalistischen Standards - einen großen Fehler. Sie holten sich keine offiziellen Verlautbarungen, sondern gingen in die Asservatenkammer der Polizei, fragten dort, was man in den Taschen der Einbrecher im Watergate-Hotel gefunden hatte, und stießen auf die Notizbücher mit den Telefonnummern, die sie zum "Komitee für die Wiederwahl des Präsidenten" führten. Die politischen Redakteure der "Post" glaubten zunächst gar nicht an die Ergebnisse der Recherche von Bob Woodward und Carl Bernstein und brachten in schöner Regelmäßigkeit die Dementis des Weißen Hauses. Die anderen Medien brauchten noch länger, bis sie die Story endlich anpackten. Die amerikanischen Journalisten können auf Watergate stolz sein, weil zwei kleine Polizeireporter die Sache aufdeckten, aber sie müssen sich zugleich schämen, weil die Medien insgesamt jämmerlich versagt haben.
Man kann also nicht von einem negativen Trend sprechen, der sich erst in den vergangenen Jahren eingestellt hat. Was sich tatsächlich verschlechtert hat, ist die Reaktion der offiziellen Stellen auf journalistische Recherchen, wenn sie denn stattfinden. Ein wichtiger Unterschied zur Berichterstattung aus der Zeit des Vietnam-Krieges ist, dass heute kein Journalist mehr mit Soldaten vor Ort sprechen kann. In Südvietnam wurden Kommandeure oft direkt an der Front befragt. Im Golfkrieg war das schon ganz anders. Das Fernsehmagazin "Nightline" hat in einer Dokumentation gezeigt, wie Journalisten jeder Kontakt mit kämpfenden Einheiten untersagt war, wie bei Pressekonferenzen zuvor alle zulässigen Fragen festgelegt wurden. Im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner bleibt die Schlacht am Golf deshalb als Präzisionskrieg ohne zivile Opfer haften. Der eher als liberal geltende Walter Isaacson, der für Time-Magazin schrieb und dann zu CNN ging, verschickte während des Afghanistan-Krieges vor einem Jahr ein Memorandum an die Reporter, das Berichte über Opfer unter der afghanischen Zivilbevölkerung untersagte. Es sei "obszön", so Isaacson, afghanische Opfer zu zeigen - schließlich wären da ja all die Toten des Anschlags von New York.

Und das wird allseits hingenommen?
Es gibt auch eine Gegenbewegung: Während in den Medien die Berichterstattung immer weiter verengt wird, gibt es in den USA einen zusehends breiteren Zugang zu unzensierten, unkontrollierbaren Informationen durch das Internet. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber die Spannung zwischen dem durch die Medien erzeugtem Selbstbild Amerikas und der Flut von Nachrichten und Bildern, die durch dieses interaktive Medium ins Land strömen, muss irgendwann zum Bruch führen. Ich glaube dieses System muss zusammenbrechen, weil das Wissen darüber wächst, wie viele Informationen unterdrückt werden.

Sie haben das Verschmelzen von vorher deutlich unterschiedenen sozialen Handlungsräumen als eine der wichtigsten Wirkungen des Fernsehens bezeichnet. Für Politiker führt diese permanente "Nahaufnahme" zu einer spürbaren Veränderung: Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern um die Fähigkeit, Emotionen beim Publikum zu wecken. Folgt daraus, dass die Wirkung des Mediums Fernsehen mit seiner Obsession der Unmittelbarkeit politische Debatten eigentlich unmöglich macht?
Die Nahaufnahme des Fernsehens rückt Politiker tatsächlich so dicht vor die Augen der Zuschauer, dass sie in ganz anderer Weise beobachtet werden können. Durch das Fernsehen werden Politiker in gewisser Weise "menschlicher". Das bedeutet, dass ganz andere Fähigkeiten von ihnen erwartet werden. Al Gore hatte zum Beispiel im Präsidentenwahlkampf das große Handikap, dass er zu viel wusste. Er wirkte wie ein Streber, mit dem man nicht gern ein Bier trinken geht. Während George Bush mit seiner Naivität und eklatanten Unwissenheit als der nette Junge von nebenan erschien. Über das Fernsehen kommt diese Haltung des scheinbar völlig informellen Gesprächs eben an, komplexere Inhalte lassen sich viel schwerer transportieren.
Ich denke, das Fernsehen hat dadurch auch eine entmystifizierende Wirkung. Besonders in Amerika, wo es diese fast faschistoide Ausrichtung auf eine Führungspersönlichkeit gibt, wo Teamwork nichts zählt, sondern alles vom Mann an der Spitze verkörpert wird, macht das Fernsehen auch Defizite der Politiker sichtbar. Sicher langsam, unterstützt durch das Internet, wird den Menschen klarer, was ihnen ihre Politiker verschweigen. Und ich denke, schon in der nächsten Generation werden wir revolutionäre Zäsuren beobachten.

Das Gespräch führte Stefan Fuchs

Teil eines Programms im Deutschlandfunk, das sich unter dem Titel Die globale Leitkultur mit Folgen der hegemonialen Stellung der USA in der Weltgesellschaft befasst.

00:00 13.12.2002

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