Feuchtgebiete: Die Moorschutz-Pläne der Ampel – und ihre Gegner

Klimaschutz Weltweit speichern Moore mehr CO2 als alle Wälder zusammen. Wenn Bauern sie trockenlegen, um dort Landwirtschaft zu betreiben, entweichen die klimaschädlichen Gase. Die Ampel will das ändern – und legt sich mit der Bauern-Lobby an
„Birkenstamm am Moorkanal“ (Otto Modersohn 1904): Auch sehr nasser Untergrund lässt sich bewirtschaften
„Birkenstamm am Moorkanal“ (Otto Modersohn 1904): Auch sehr nasser Untergrund lässt sich bewirtschaften

Foto: Akg-Images/dpa

Es gab Zeiten, da sprachen über Moorschutz nur die Ökos: Krötenfans, Vogelliebhaber*innen oder Freund*innen seltsamer Pflanzen wie des Sonnentaus oder des Scheidigen Wollgrases, welche sich optimal an die schwierigen Lebensbedingungen im Nass angepasst haben. Heute gilt Moorschutz als Paradebeispiel naturbasierter Lösungen, die gleichzeitig zu Klima- und Artenschutz beitragen. Weltweit speichern Moore auf nur drei Prozent der globalen Landfläche doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder zusammen. Er bleibt dort jedoch nur, solange der Wasserstand ausreichend hoch ist und die Abwesenheit von Sauerstoff verhindert, dass Pflanzenreste sich vollständig zersetzen können. Einmal trockengelegt, verwandeln sich Moore in wahre CO2-Schleudern.

Auf der Klimakonferenz in Glasgow bekamen Moore vergangenes Jahr nun auch erstmals gebührende Aufmerksamkeit. Und der neue Bericht des Weltklimarats (IPCC) sieht in ihnen einen wichtigen Baustein, um die Erderwärmung zu begrenzen. Auch hierzulande will die Ampel-Regierung für mehr Moorschutz sorgen. Doch dieser kollidiert oft mit der bisherigen Landnutzung. Auf den trockengelegten Flächen bauen Landwirt*innen etwa Kartoffeln an oder lassen dort ihre Kühe weiden. Nun bangen sie um ihre Existenz, denn sie wissen nicht, was sie mit nassen Flächen anfangen sollen.

Nur noch zwei Prozent intakt

Mit 1,2 Milliarden Tonnen gespeichertem Kohlenstoff in den ersten zwei Metern stellen Moore auch hierzulande die größte Kohlenstoffsenke dar. In unseren Breiten entstanden sie nach der letzten Eiszeit. Heute sind aber nur zwei Prozent der deutschen Moore noch intakte Ökosysteme. Den Rest durchziehen Entwässerungsgräben. Die Klimabilanz dieser Flächen ist immens: „Ein Hektar Grünland auf trockengelegtem Moor emittiert pro Jahr 29 Tonnen CO2-Äquivalente“, sagt der Moorkundler Hans Joosten. „Das ist so viel wie ein Mittelklasseauto ausstößt, wenn es drei-, viermal um die ganze Welt fährt!“ Knapp sieben Prozent des Ausstoßes deutscher Klimagase gingen 2019 auf die Trockenlegung von Mooren zurück. Gleichzeitig gehen wertvolle Eigenschaften intakter Moore verloren, die helfen können, die Folgen des globalen Klimawandels abzufedern: Sie schützen vor Hochwasser, vergrößern den Grundwasservorrat und haben einen kühlenden Effekt auf die Umgebung.

Das hat inzwischen auch die deutsche Politik erkannt. Im Oktober 2021 einigten sich Bund und Länder, bis 2030 die Emissionen entwässerter Moore um fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente zu senken. Noch vor der Sommerpause soll die Bundesregierung die ebenfalls in der vergangenen Legislaturperiode entworfene „Nationale Moorschutzstrategie“ beschließen. „Dabei ist Moorschutz einer der wichtigsten Teile des Programms“, betonte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) Ende März auf der Tagung „Moorschutz ist Klimaschutz“ in Berlin. Eine gute Voraussetzung dafür sei der Beschluss von ihr und Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (ebenfalls Grüne), künftig stärker zusammenzuarbeiten. Unter der Großen Koalition war das noch anders: Da torpedierte das von Julia Klöckner (CDU) geführte Agrarministerum regelmäßig die Moorschutz-Bemühungen von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), weil sich Klöckner nicht mit der Bauern-Lobby anlegen wollte.

In Deutschland befinden sich die größten Moore in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern. Viele der dortigen Landwirt*innen wirtschaften bereits seit Generationen auf diesen Flächen und sehen die Bemühungen um den Moorschutz kritisch. Heike Müller, Geschäftsführerin des Bauernverbands Malchin in Mecklenburg-Vorpommern, hatte 1991 extra einen Kuhstall direkt an das Niedermoor gebaut, um den Kühen den Weidegang dort zu ermöglichen. „Und mit einem Mal kriegt man gesagt: Ihr seid die größten CO2-Emittenten Mecklenburg-Vorpommerns“, sagt Müller. „Klar, dass die Landwirte das erst mal als Frontalangriff betrachtet haben!“

Her mit dem Masterplan

Dabei seien sich die Landwirt*innen durchaus der wachsenden Probleme bewusst: Sie merken, wie ihre Böden zunehmend absacken, weil sich immer mehr Torf, indem er mit dem Sauerstoff aus der Luft in Kontakt kommt, zersetzt. Dabei entweichen klimaschädliche Treibhausgase wie Kohlendioxid und Lachgas in die Atmosphäre. Sie wissen auch, dass sie das Wasser in der Landschaft halten müssen. Aber im März habe es so wenig geregnet wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, erzählt Müller. Mit vier weiteren Betrieben, mit denen sie sich ein Polder teilt, ist sich Müller einig: Sie werden weiter auf den trockengelegten Flächen wirtschaften – bis es brauchbare Alternativen gibt.

Potenzial sehen Forscher*innen des Greifswald Moor Centrumsjedoch in der sogenannten Paludikultur: So nennt man die landwirtschaftliche Nutzung von wieder vernässten Moorböden durch Schilfe, Gräser oder Schwarzerlen. Diese lassen sich als Bau- und Dämmmaterial nutzen. Torfmoose, die typischen Vertreter der Hochmoore, finden Verwendung als Torfersatz in Erden und Pflanzsubstraten, und aus Gräsern und Schilf können Strom und Wärme entstehen.

Die Agrotherm GmbH betreibt seit 2014 im mecklenburg-vorpommerischen Malchin ein Biomasse-Heizwerk mit einer Leistung von 2,9 bis 3,8 Gigawattstunden. Befeuert wird es mit getrockneten Seggen, Binsen, Rohrglanzgras und Schilf, die nicht weit davon am Kummerower See wachsen. Ihr Lieferant, Henning Voigt, gehört bereits zur zweiten Generation der sogenannten Moorklimawirte – und doch immer noch zu den Pionieren. Er bewirtschaftet insgesamt 500 Hektar Grünland, 350 davon auf nassen oder sogar sehr nassen Standorten, und hält dort 120 Mutterkühe. Im Hochsommer, wenn der Wasserstand etwas gesunken ist, erntet er das Heu und presst es zu Rundballen. Das Heizwerk versorgt damit 490 Haushalte, zwei Schulen und ein Bürogebäude. Bis zu 380.000 Liter Heizöl lassen sich so einsparen. Der Geschäftsführer, Ludwig Bork, ist für eine Vergrößerung prinzipiell offen. Doch „Planung ist in diesem Segment schwierig“, sagt er. Planungssicherheit und Subventionen wünschen sich auch die Moorlandwirt*innen, ehe sie bereit sind, ihre Entwässerungskanäle zuzuschippen.

Denn noch wirft Weidehaltung auf Moorböden mehr ab als dieser hier gerade erst entstehende, mit Unsicherheiten behaftete Wirtschaftszweig. Zumal sie ja in ihre derzeitigen Betriebe investiert haben und das in neue Bewirtschaftungsformen auch tun müssten. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 1,2 Millionen Hektar entwässerter Flächen, von denen bis 2030 ein Zehntel wieder vernässt werden soll. Um die Pariser Klimaschutzziele einhalten zu können, wird es aber dabei nicht bleiben. Angesichts dessen mahnt der Generalsekretär des Bauernverbands, Bernhard Krüsken, offen mit Landwirten und Anrainern zu kommunizieren. „Es sind ganze Regionen und Dörfer betroffen“, sagt er. Hans Joosten vergleicht die Situation gar mit dem Kohleausstieg und fordert einen „Moor-Masterplan“ zur Unterstützung der Betroffenen. Eine Möglichkeit, finanzielle Verluste nach einer Umstellung auf Paludikultur auszugleichen, sieht Krüsken in Subventionen. Gelder aus der zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union könnten an Landwirt*innen wie Henning Voigt ausgezahlt werden, die auf wieder vernässten Mooren wirtschaften.

Eine weitere Einnahmequelle böte Landwirt*innen die Schaffung von Klimazertifikaten für wieder vernässte Moorflächen. Schon heute verkaufen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen die „MoorFutures“: Das sind die einzigen bislang existierenden Zertifikate, die vor unserer eigenen Haustür Treibhausgasemissionen verringern, indem sie Landwirt*innen Geld dafür bezahlen, ihre Betriebe auf wieder vernässten Flächen zu führen. Menschen können sie erwerben, um das CO2 einer Flugreise zu kompensieren. Es gibt allerdings nur sehr wenige davon – und sie funktionieren nur auf freiwilliger Basis. „Der Bedarf danach ist groß, aber die Hürden auch“, resümiert Susanne Abel, Koordinatorin des Projekts MoKli am Greifswald Moor Centrum. Noch seien sie nicht dafür ausgelegt, dass Landwirt*innen damit Bares in die Kasse gespült wird.

Moorlandwirt Henning Voigt hat sich sicherheitshalber schon ein zweites Standbein geschaffen: Er hält 12.000 Bio-Legehennen, deren Eier das „Naturland“-Siegel tragen.

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