Die Mumien von Spatzen

C’est la mort Ute Cohen liest für uns die Krimis der Saison. Dieses Mal prüft sie die Saftigkeit des Bösen, geht auf einen krassen Trip und warnt vor Korkenziehern

Transparent, schlimmstenfalls weiß, irgendwie „invisible“, so stellt man sich Phantome vor. Dass sie in Wirklichkeit blau sind, elektrisierend blau, Yves-Klein-blau oder „blau wie Gazellenblut“, weiß zumindest Ahmed Mourad. Der ägyptische Erfolgsautor, der mit seinen Thrillern in Ägypten einen Leseboom auslöste, schickt uns in Der blaue Elefant auf einen DMT-Trip der psychedelischen Extraklasse. Dimethyltryptamin riecht ein bisschen wie Mottenkugeln und lässt LSD wie ein harmloses Kinderkaleidoskop erscheinen. Die Synapsen jedenfalls knallen nicht nur bei Jachja, Mou-rads Hauptfigur, einem Psychiater, durch. Der Flug über ein ägyptisches Kuckucksnest katapultiert auch den Leser in ein sprachliches Delirium. Mourad lockt auch den härtesten Ratio-Fetischisten aus der Reserve. Wie er seine Hauptfiguren aufeinander projiziert, verdoppelt und dann wieder zur kalten Analyse verpflichtet, lässt sich nur mit Krimi-Guru-Qualitäten erklären. Misstraue deinem linken Hirnlappen wie den Glasaugen einer altägyptischen Statue!

Kakerlaken und rote Käfer sind mindestens so real wie psychiatrische Diagnosen und Leichen. Dass manchmal sogar Elefanten mit indischem Schal und Beil den Fenstersturz von geliebten Ehefrauen erklären können, liegt vielleicht an der kräuterreichen Ernährung, vielleicht aber auch an den hunderttausend Muskeln ihrer Rüssel. Wenn man die „Bläue des Todes“ erblickt, müssen jedenfalls Gerstensaft und Chivas fließen: „Meine Zunge war vor Trockenheit mumifiziert wie ein toter Spatz.“ Cheers! Und jetzt einen „Double Hammerhead Espresso“, bitte!

Auf den Boden der Tatsachen holt uns Ruth Ware zurück. Der dämonische Inkubus hat bei ihr keine Chance. Woman in Cabin 10 ist straight out of Schreibschule. Setting: ein Kreuzfahrtschiff. Heldin: jung, schön, ambitioniert. Plot: Bäumchen wechsel dich mit Angststörung. A bisserl Borderline und ein paar Pillen, ganz pc natürlich. Wie die ganze Chose samt Sprung ins kalte Wasser ausgeht, ist absehbar. Eine Female-Empowerment-Aktion darf natürlich auch nicht fehlen.

Seit sich in Big Little Lies sogar die Upper-Class-Mädels zur gemeinsamen Rache zusammenrotteten und in Girl on a Train, mit dem Wares Buch gern verglichen wird, ein Korkenzieher in den Hals des männlichen Assholes gerammt wurde, ist weibliche Solidarität die wahre Action. Man zieht sich am Blondschopf aus dem Schlamassel und setzt weibliche Prioritäten. Der ganz auf Netflix & Co. getrimmte Plot wird zugunsten der zukünftigen Download-Scores noch ein wenig aufgepeppt durch Social-Media-Textfragmente. Hier eine Prise Facebook, da eine Prise – who cares! Das Phantom in Kabine 10 ist so lilablassblau wie Milka-Schokolade. Ach ja, irgendwo hat irgendjemand gelesen, dass „in den letzten Jahren mehr als 160 Menschen nach einer Kreuzfahrt vermisst gemeldet wurden und dass fast keiner dieser Fälle aufgeklärt wurde“.

Dr. Ute Cohen, Jahrgang 1966, wuchs in der fränkischen Provinz auf. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Ihre Lieblingsautoren sind Friedrich Hölderlin, George Bataille und Sylvia Plath. Ihr Romandebüt Satans Spielfeld erschien 2017 im Septime Verlag

Zweifelhaft ist, ob Peter Terrins Wachmann Spürsinn beweisen würde. Er strotzt zwar vor Disziplin und Autoritätshörigkeit, fällt edoch dem Wahnsinn anheim. In einer Tiefgarage bewacht er ein luxuriöses Hochhaus, in dem die Bewohner nach einem vermuteten Exodus auf unerklärliche Weise verschwinden. Ein Huis clos verhieß noch nie Gutes, er endet fast immer in einer Sartre’schen Hölle. Mit Sinnestäuschungen des „rot glühenden Gehirns“ beginnt es, mit „Nebelkerzen aus Banalitäten“ endet es. Die Wirklichkeit wird zum Phantom, einzig der Glaube an „die Organisation“ besteht fort. Terrins Parabel über Dekadenz und Isolation im Kapitalismus erinnert an J.G. Ballards High Rise (1975) oder den französischen Politstreifen Themroc aus dem Jahr 1973. Oben die Kapitalistenschweine und ihre „unermessliche Verschwendungssucht“, unten im feuchten Dunkel der Abschaum.

Während bei Ballard jedoch die Revolte brodelt, ist das Chaos bei Terrin psychedelisch. Keine wölfische Natur bricht durch, das Biest ist schon tot. Kein Ordnungshüter wird verspeist. Just Peanuts: „In einem Automat (sic!) schiebt sich ein Schokoriegel mit Erdnüssen unerbittlich Richtung Abgrund.“ Großartig deprimierend!

Mehr Konkretes gibt es in Fuminori Nakamuras Die Maske. Wer Nenner und Zähler mit Currysoße und Pfannkuchen vergleicht, lässt schon früh erahnen, dass das Böse mehr als ein schattenhaftes Phänomen ist. Es ist eine „lodernde, teuflische Kraft, die alles Glück in der Welt zerstört“. Ganz konkret: Es verkörpert sich in kleinen Jungs, die auf „Bad Guys“ getrimmt werden.

Fuhimiro ist einer dieser Jungs, die nach schneidiger Familientradition als „Geschwür“ zum Übel der Welt gezeugt wurden. Seine Bestimmung ist das Böse, der Vater verspricht, seinen väterlichen Pflichten Genüge zu tun und zur vollständigen Ausbildung des Monströsen beizutragen. Daraufhin beschließt der Sohn, dem Schicksal einen Strich durch die Rechnung zu machen und den Vater, aus Liebe natürlich!, zu beseitigen. Kaori, die erste große Liebe, wird er keinesfalls dem lüsternen, zerstörerischen Erzeuger opfern. Das Böse aber ist, wie nicht anders zu erwarten, keineswegs so einfach mit Stumpf und Stiel auszurotten. Mit jeder Tat, jedem Mord pflanzt es sich fort: „Und genau darin liegt die größte Versuchung: sich einen anderen Menschen einzuverleiben, im Tausch gegen die Deformation des eigenen Wesens.“

Fleischlich-saftig wirkt dieses Böse, handfester als beim mystischen Meister Haruki Murakami. Schulmädchen, Night Clubs und ästhetische Chirurgie, und schon wird das Böse ganz profan. Konkret genug, ganz und gar nicht pc und bestimmt nicht ohne Witz: „Ich mag Ausländer nicht. Die sind riesig.“ „Riesig?“ „Ihre Schwänze. Und sie sind krumm.“

„Nach einer wahren Geschichte“ – Das Versprechen auf Wahrheit lässt Warnglocken schrillen. Wenn Roman Polanski, der Maître teuflischer Machenschaften, Delphine de Vigans Roman im Mai in die Kinos bringt, lohnt es sich, zweimal hinzuschauen. „Write yourself, you will survive“ propagiert ein Graffito in der Buchvorlage. Was, wenn einer Schriftstellerin aber die Stimme versagt, ihr kein Wort mehr aus der Feder fließt? Bei de Vigan/Polanski erscheint dann eine Dea ex Machina, die zwar Rettung verspricht, sich schließlich aber doch als des Teufels Generalin entpuppt. Wie in Claude Chabrols Die Hirschkühe kapert eine jüngere Frau die Identität einer älteren und macht ihr das Leben zur Hölle. Man kennt das aus der Tierwelt, wenn Hainschwebfliegen Wespen imitieren. In diesem Falle hat das Double keine Chance.

Info

Blauer Elefant Ahmed Mourad Christine Battermann (Übers.), Lenos Verlag 2018, 416 S., 22 €

Woman in Cabin 10 Ruth Ware Stefanie Ochel (Übers.), dtv 2017, 384 S., 15,90 €

Der Wachmann Peter Terrin Rainer Kersten (Übers.), Liebeskind 2018, 256 S., 20 €

Die Maske Fuminori Nakamura Thomas Eggenberg (Übers.), Diogenes 2018, 352 S., 24 €

Nach einer wahren Geschichte Delphine de Vigan Doris Heinemann (Übers.), Dumont 2016, 352 S., 22 € Vorlage für Roman Polanskis Nach einer wahren Geschichte Filmstart: Mai

06:00 12.04.2018

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