Die nächste Runde

Krise Für einen kurzen ­Moment sah es so aus, als ­würde der Kasinokapitalismus aus seinen Fehlern lernen. Das war ein Trugschluss

Vor nicht einmal einem Jahr stand das Finanzsystem weltweit unmittelbar vor dem Super-GAU. Nur durch staatliche Interventionen, die den Steuerzahler nach Schätzungen des IWF mindestens zehn Billionen Dollar kosten werden, konnte die Kernschmelze verhindert werden – in letzter Minute. Für einen ebenso kurzen Moment sah es danach so aus, als würde der Kasinokapitalismus aus seinen Fehlern lernen. Die Finanzakrobaten gelobten demütig Besserung, Staatschefs trafen sich, um ein neues Weltfinanzsystem zu entwerfen. Doch was ist davon geblieben?

Die Investmentbanker zocken wieder, als habe es nie eine Finanzkrise gegeben. Einige Banken vermelden Rekordgewinne und zahlen Rekordboni aus. Diesmal spekulieren sie nicht mit Schrotthypotheken, sondern mit Staatsanleihen. Mit jenem Geld also, das der Staat aufnehmen muss, um das Bankensystem vor sich selbst zu retten. Jenem Geld, das noch Generationen an Steuerzahlern mit ihrer Hände Arbeit erwirtschaften müssen. Mit Geld, das in den nächsten Jahren im Sozial-, Bildungs- und Kulturbereich eingespart werden muss. Doch wer nun über die schamlosen Banker schimpft, verkennt den Kern des Problems. Die Politik hat auf ganzer Linie versagt. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, einen Relaunch des Kasinokapitalismus zu verhindern.

Die Angestellten der Investmentbank Goldman Sachs werden in diesem Jahr wohl im Schnitt 770.000 Dollar pro Kopf ausgezahlt bekommen – und dabei ist das Heer der schlecht bezahlten Sekretärinnen und Büroboten noch nicht einmal berücksichtigt. Banker sein lohnt sich wieder, Risiken einzugehen noch mehr. Wenn der Staat im Zweifelsfalle eingreift und die Banker gegen systemische Risiken absichert, so ist dies natürlich eine Einladung zum Zocken.

Goldman Sachs und JP Morgan konnten im letzten Quartal jeweils stolze 2,7 Milliarden Dollar Gewinne verbuchen. Auch die Deutsche Bank, die ihre Quartalsergebnisse am Mittwoch bekannt geben wird, hat Analysten zufolge im Investmentbanking wieder Rekordgewinne machen können.

Neue Regeln für die Finanzmärkte gibt es „noch“ nicht, also schnürt man schon wieder bunte, glitzernde, aber komplett intransparente Finanzinnovationen mit AAA-Rating, die wie selbstverständlich auch wieder ihre Kunden finden. Gier ist eine nur allzu menschliche Eigenschaft. Die Investmentprofis bei Goldman Sachs wollen nun auch wieder mit den toxischen Papieren, die die Krise auslösten, Geschäfte machen. Einige dieser Papiere in den Bilanzen der Banken sind wesentlich mehr wert, als es die hohen Wertabschreibungen vermuten lassen – nur weiß kaum jemand, welche Papiere dies eigentlich sind.

Verdienen an der Krise

Goldman Sachs hat da den entscheidenden Wissensvorsprung, schließlich haben die Goldmänner viele dieser „finanziellen Massenvernichtungswaffen“ selbst entworfen. Wenn aber die Mitverursacher der Krise den Markt für toxische Papiere nun ganz nach dem Motto „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ aufteilen, droht dem Steuerzahler ein weiterer Schlag ins Kontor, da nun die Gefahr besteht, dass die Mischkalkulation der staatlich garantierten Bad Banks nicht mehr aufgeht und der Staat schlussendlich nur auf dem hochgiftigen Finanzsondermüll sitzen bleibt.

Goldman Sachs, JP Morgan und die Deutsche Bank haben einiges gemeinsam – sie gelten als „Geschäftsbanken“ und haben somit Zugriff auf das Kreditfenster der Notenbanken und verdienen momentan prächtig an der Krise. Ein sehr lukratives Geschäft ist beispielsweise der Handel mit Staatsanleihen. Die hohe Bonität dieser Papiere erlaubt es den Investmentbanken, diese Staatsanleihen mit einem größeren Hebel aufzukaufen, das Geld dafür gibt es von den Notenbanken beinahe zum Nulltarif. Es mutet schon seltsam an – die Banken verzocken sich, der Staat muss sie auf Kosten der Steuerzahler retten und mit den Schulden, die der Staat für diese Rettung aufnehmen muss, machen die Banken Gewinne. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass diese Gewinne nicht zur Minderung der Schulden eingesetzt werden, die den Steuerzahler auf Generationen hinweg belasten werden.

Ein weiteres lukratives Geschäftsfeld im Investmentbanking ist die Platzierung von Unternehmensanleihen und der Handel mit diesen. Da selbst solvente Unternehmen momentan Probleme haben, bei ihren Banken neue Kreditlinien ohne horrende Risikoaufschläge zu bekommen, sind viele von ihnen dazu übergegangen, selbst Schuldverschreibungen auf dem Markt zu platzieren. Die Investmentbanken kassieren dafür gleich doppelt. Zum einen erlaubt ihnen das bereinigte Marktumfeld höhere Gebühren für die Platzierung zu verlangen, zum anderen haben sie beim Handel mit diesen Papieren eine bevorzugte Position, da die Konkurrenz, die keinen Zugriff auf günstiges Geld von den Notenbanken hat, höhere Kosten für Fremdkapital einkalkulieren muss. Auch hier verdienen die Investmentbanken an der Krise, die sie selber mitverantwortet haben.

Während die Investmentbanken nicht trotz, sondern wegen der Krise wieder prächtige Renditen einfahren, schwebt das Damoklesschwert Wirtschaftskrise über dem Rest des Bankensystems. Arbeitslosigkeit, Auftragsflaute und der Einbruch des Welthandels werden dazu führen, dass viele Kredite an Privatpersonen und Unternehmen nicht mehr ordnungsgemäß bedient werden können. Das führt bei den Banken nicht nur zu Abschreibungen und Verlusten, sondern endet in einem prozyklischen Teufelskreislauf. Jeder Kredit, der nicht mehr regelmäßig bedient wird, muss mit einer höheren Risikobewertung versehen, und damit auch mit mehr Eigenkapital hinterlegt werden. Dieses Eigenkapital fehlt für neue Kreditvergaben. Ohne neue Kredite gibt es keine neuen Investitionen, und ohne neue Investitionen schrumpft die Wirtschaft weiter, was zu neuen Kreditausfällen führt. Die Investmentbanken stört dies weniger – sie verleihen kein Geld an Endkunden.

Das Fleisch der Schafe

Hätte der Staat nicht mit aller Macht und Billionen an Steuergeldern den Super-GAU des Finanzsystems verhindert, gäbe es heute auch keine Investmentbanken mehr. Hätte Washington den Versicherungskonzern AIG nicht mit 182 Milliarden Dollar vor dem Kollaps gerettet, wären sowohl Goldman Sachs als auch die Deutsche Bank die nächsten Dominosteine gewesen. Beide Banken waren Gegenparteien von AIG und hätten im Falle einer Insolvenz Milliardenabschreibungen durchführen müssen. Durch die Rettung von AIG flossen so 13 Milliarden Dollar in die Kassen von Goldman Sachs und 12 Milliarden Dollar über den Atlantik in die Kassen der Deutschen Bank. Wenn Deutschbanker Josef Ackermann sich nun rühmt, die Deutsche Bank mit einem guten Risikomanagement durch die stürmische See gelotst zu haben, so muss man ihm wohl ein hohes Maß an Realitätsverdrängung attestieren. Ohne die Rettungsmilliarden aus Washington wäre der deutsche Branchenprimus pleite.

Wer von Bankern nun aber Dankbarkeit erwartet, verkennt die Regeln dieses Spiels. Investmentbanker sind Wölfe, die sich vom Fleisch der Schafe ernähren. Kann man einem Wolf vorwerfen, dass er die Schafe reißt? Die Vorwürfe sind an anderer Stelle besser platziert. Es ist Aufgabe des Schäfers, sich darum zu kümmern, dass der Wolf nicht zum Zuge kommt. Der Schäfer ist der Staat und die Schafe sind wir alle. Auf dem Finanzmarkt hat der Schäfer allerdings nicht nur geschlafen, er hat sogar mit dem Wolf paktiert. Er hat die Weidezäune eingerissen und seinen Schäferhund an die Kette gelegt. Auch wenn der Schäfer nun vom süßen Wolfsgeheul der selbstregulierenden Märkte Abstand genommen hat, so ist weit und breit nicht zu erkennen, dass er es nun mit dem Schutz der Herde ernst nimmt.

Die wohlfeilen Worte der Regierungschefs auf den G20-Gipfeltreffen in Washington und London sind bereits verhallt. Allzu rigide Finanzmarktregulierungsvorschriften konnten durch die Lobbyisten in den Arbeitskreisen verhindert werden, während der klägliche Rest größtenteils noch nicht in Kraft ist. Das kurze Zeitfenster, in dem der Staat hätte handeln können, scheint nun wieder geschlossen.

Dabei wäre es volkswirtschaftlich durchaus sinnvoll, das Bankensystem von Grund auf neu zu organisieren. Klassische Banken, die die Wirtschaft mit Krediten versorgen sollen, haben im Finanzkasino nichts verloren. Große Investmentbanken, die munter weiterzocken, müssen zerschlagen und strenger überwacht werden. Nur so lässt sich sicherstellen, dass keine Bank „too big to fail“ ist. Leider haben die Volksvertreter aber nicht den Mut, so weit zu gehen. Nach der Krise ist vor der Krise.

16:10 23.07.2009

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