Die nächste Station

Bahnhöfe Am Pariser Gare de l’Est trafen sich die verschiedenen Milieus der Stadt. Nun wurde er renoviert und könnte aus dem Zentrum verschwinden. Ist er noch ein sozialer Ort?

Es ist Sonntagvormittag, nur wenige Taxis parken vor dem Gare de l’Est. Ein Clochard hockt vor dem Eingang. Er hat ein Pappschild vor sich aufgestellt, sein Kopf kippt immer wieder nach vorn. Der Bahnhofsvorplatz und das Gebäude mit seinen romanesken Arkaden waren romantische Filmkulisse für Die fabelhafte Welt der Amélie. Schriftsteller Emile Zola reizte das Milieu der Eisenbahner. Im Roman Das menschliche Tier machte er es literarisch hoffähig. Claude Monet hat dem Bahnhof 1876 sogar einen ganzen Zyklus gewidmet. „Kathedralen der Moderne“ nannte man Bahnhöfe im Dampfzeitalter.

Betritt man heute die imposante Halle, fühlt man sich wie in einer Einkaufsmeile. Überall blinken Logos großer Marken: Body-Shop, Jeff de Bruyges, Esprit, Kookai. Es ist alles sauber, durch das Dach flutet Licht, nirgends fliegen Tauben herum, niemand lärmt. Auf den Bänken warten Reisende auf ihre Züge, in der Hand halten die meisten Coca-Cola-Becher und Chipstüten. Bahnhöfe werden immer konformer, sei es in Berlin, Zürich, Düsseldorf, London oder Paris.

Der Gare de l’Est wurde aufwendig renoviert, wenig ist übrig von Abenteuer und Fernweh: „Verlor’n, verscholl’n, gestrandet, Bahnsteig 10 am Gare de l’Est, ist ein sehr einsamer Platz, wenn dich dein Heldenmut verlässt ...“, singt Reinhard Mey in dem Lied „Douce France“. Schriftsteller Peter Bichsel reiste mit der Eisenbahn nach Paris und quartierte sich in einem Hotel am Gare de l’Est ein. Für ihn war der Bahnhof ein Ort, der die Extreme der Stadt sichtbar machte. Prunk und Verwahrlosung lagen hier dicht beieinander. Als Heimat der Entwurzelten beschreibt der Autor Abdelkader Djemai den Bahnhof in seinem Roman Gare du Nord.

Heute sind Bahnhöfe merkantile Orte geworden. Und Anschlagsziele: Am Gare de l’Est sieht man Soldaten in Uniform mit Maschinenpistolen herumlaufen. Sie sollen auf verdächtige Koffer achten und Alarm schlagen, wenn sie eine Bombe vermuten. Nach dem Burka-Verbot im April dieses Jahres warnten Sicherheitsexperten vor einem Terrorakt auf Pariser Bahnhöfen.

Der tägliche Pariser Bürgerkrieg

Der Gare de l’Est, 1849 unter dem Namen „Straßburger Ankunftsstelle“ eröffnet, ist einer der Kopfbahnhöfe von Paris. Mit knapp 100.000 Passagieren am Tag ist er relativ klein, er besitzt heute 29 Gleise.

Ginge es nach dem Pariser Architekten Christian de Portzamparc könnte der Bahnhof aus der Stadtmitte verschwinden. Er will Gare du Nord und Gare de l’Est in einen Vorort verfrachten.

Präsident Sarkozy rief 2009, in napoleonischer Manier, das Projekt „Grand Paris – Metropole Post-Kyoto“ ins Leben. Zehn Star-Architekten sollten ihre Visionen für Paris 2030, die Stadt im 21. Jahrhundert, entwerfen. Nur mit „großen Projekten“ könne man sich von der Krise erholen – und die Banlieues einbinden: Denn für die Revolten im Herbst 2005 machten Stadtplaner urbanistische Verirrungen verantwortlich. Architekt Portzamparc möchte Gare du Nord und Gare de l’Est zu einem Europabahnhof verschmelzen, in Aubervilliers, nördlich von Paris.

Es ist dasselbe Konzept wie bei Stuttgart 21, damit kann man freie Grundstücke im Zentrum schaffen. In Stuttgart soll ein Teil dem Schloßgarten gegeben werden, in Paris würden die frei gewordenen Schienenflächen zu Grünanlagen, Autobahnausfahrt oder Museum. Und um den neuen Bahnhof herum, am Stadtrand, soll ein populäres Viertel entstehen, mit Geschäften, Büros und Wohnhäusern. Nur eine Utopie?

Der Gare de l’Est befindet sich in einem Zwischenstadium, man sieht noch seine alte Pracht, gleichzeitig ist er innen nun verwechselbarer geworden. Die Regierung will sich von den Plänen „inspirieren lassen“ – welche sie umsetzt, ist offen. Protest regt sich schon jetzt, und er macht sich am Bahnhof fest. Eric Hazan, Stadtforscher und Autor des Buches Die Erfindung von Paris, sitzt im kleinen Büro seines Verlags. „Gerade in den Bahnhöfen treffen verschiedene Milieus aufeinander. Dort tobt der tägliche Pariser Bürgerkrieg, das ist die Realität“, sagt er. Die Bahnhöfe aus Paris zu entfernen hieße, „das Vage und Unkontrollierbare aus der Stadt zu vertreiben“.

Aber ist das am Gare de l’Est nicht schon geschehen? Was sagen diejenigen dazu, die sich hier tagtäglich aufhalten?

Andréa A., 25 Jahre, Kellner

„Dieser Bahnhof ist ein wunderbarer Arbeitsplatz. Es kommen sehr viele gute Züge, aus Deutschland oder Belgien – und die Reisenden haben Geld. Sogar der Orient-Express macht hier Station. 1883 fuhr von hier aus der erste Orient-Express nach Konstantinopel. Wir bereiten ein besonderes Menü für die Gäste des Orient-Express vor. Der Bahnhof ist das Tor zu Europa – es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Ein Bahnhof ist kosmopolitisch. Wenn man hier jeden Tag arbeitet, trifft man vor dem Bahnhof auch die Drogenabhängigen und die Obdachlosen, vor allem Roma und Sinti, die betteln. Ich finde, das gehört dazu.“

Datt S., 51 Jahre, Tellerwäscher

„Dieser Bahnhof gefällt mir nicht. Die Leute sind unter Druck, haben es eilig, und sie antworten mir nicht, wenn ich etwas frage. Also lasse ich sie in Ruhe. Ich habe hier noch nie jemanden kennengelernt. Ich bereite für die Züge die Sandwiches vor, das mache ich vorher, in einer Küche im Banlieue. Wenn die Züge hier ankommen, werden die restlichen Sandwiches wieder eingesammelt und recycelt. Ich habe gehört, die Deutschen schmeißen die Reste weg, weil sie sie im Unterschied zu den Franzosen vor dem Verzehr nicht in den Kühlschrank legen. Ich stamme aus Mauretanien und lebe seit zwei Jahren in Paris. Ich verdiene den Mindestlohn, komme kaum klar. Eigentlich möchte ich Taxifahrer werden, aber ich muss erst noch die Straßen von Paris kennenlernen.“

Mustafa T., 43 Jahre, Sicherheitsangestellter

„Ich habe vor fünf Jahren hier angefangen, da existierte keine einzige Boutique. Nur ein leerer Bahnhof mit Gleisen. Ich arbeite präventiv und wache darüber, dass hier niemand bettelt. Schauen Sie sich mal den Gare du Nord an, da kann ich nur sagen: Die machen dort ihren Job nicht! Es ist dreckig und laut, da hängen die Leute aus dem Banlieue herum, man sieht verdächtige Koffer: Dort fühlt man sich bedroht.

Mein Job ist ziemlich schwierig: Wenn jemand seinen Koffer vergessen hat, bringen wir den sofort zu den Spezialkräften der Armee: Es könnte eine Bombe drin sein. Aber hier ist noch nie eine gefunden worden. Rollerfahrer sind verboten und natürlich Clochards: Ab 1 Uhr nachts schlafen sie draußen vor dem Bahnhof, morgens um 5 kommen sie rein. Solange sie hier nicht betteln, dürfen sie bleiben, sagt das Gesetz. Sie sitzen gerne vor dem Bäcker Paul. Meist muss ich sie verscheuchen. Es werden immer mehr.

Die meisten stammen aus Rumänien. Schauen Sie sich den dort an (er zeigt auf einen Mann im weißen Unterhemd), den kenne ich seit Jahren. Soll der doch um die Ecke zum Gare du Nord gehen, da wirft man ihn nicht gleich raus. Begegnungen? Auf einem Bahnhof? Die sind heute so flüchtig geworden. Meine Gefühle, die lasse ich zu Hause.“

Aisha M., 24 Jahre, Verkäuferin

„Es ist alles neu. Der Bahnhof war dunkel, jetzt strahlt er. Vor drei Jahren gab es hier nichts, jetzt sind überall Boutiquen. Meine Kunden kaufen teure Geschenke, meist auf den letzten Drücker, kurz bevor ihr Zug kommt. Es sind vor allem Deutsche und Asiaten, aber sie reden nicht mit mir. Sie haben es eilig. Der Bahnhof ist schön, schöner als der Gare du Nord, aber es ist ein Bahnhof für Bürgerliche geworden. Wirkliche Begegnungen finden woanders statt.“

David und Camille G., 65 Jahre, Rentner

„Wir warten auf unseren Zug nach Belfort, anschließend fahren wir in den Urlaub nach Cannes und dann zurück nach Paris. Seit wir Rentner sind, reisen wir viel häufiger als früher, am liebsten mit dem Schnellzug TGV. Der Gare de l’Est ist ein herrlicher Bahnhof. Man kann hier durch die neuen Geschäfte flanieren, das reicht uns. Wir reden machmal mit den Militärs, die uns schützen sollen. Sie erklären einem, warum sie hier sind und wann eine Terrorgefahr lauert. Seitdem fühlen wir uns auf dem Bahnhof viel sicherer.“

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11:00 18.09.2011

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