Die Neue an der Schule

Porträt Barbara Köhler ist für die Alice-Salomon-Hochschule genau die richtige Dichterin
Die Neue an der Schule
Ihre Gedichte tragen sichtlich die Spuren einer akademischen Komplexität. Aber ideologisch verbissen sind sie nicht

Foto: Patrick Seeger/dpa

Wenn die Entfernung des Gedichts Avenidas von der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule ein Gutes hat, dann wohl wenigstens den Umstand, dass ein Text der Lyrikerin Barbara Köhler dafür ein würdiger Ersatz ist. Monatelang war über vermeintlich frauenfeindliche Untertöne in Eugen Gomringers Gedicht gestritten worden, bis man schließlich die peinlichste aller Entscheidungen fällte, nämlich es zu ersetzen und ein Neues darüberzuschreiben. Unterstellen also manche dem Werk des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Sexismus, stellt sich umso mehr die Frage: Wer ist die Frau, die nun das zweifellos schwere Erbe an der Wand antreten soll?

Zunächst einmal eine souveräne Frau mit klaren Überzeugungen. Aufgewachsen in der DDR, arbeitete Köhler erst als Altenpflegerin und als Beleuchterin am Theater Chemnitz und wurde dann zu einer gefragten, sozialkritischen Lyrikerin. Im Fokus ihrer Arbeiten stehen veraltete Strukturen und überkommene Stereotype, insbesondere im Hinblick auf Geschlechterrollen oder unsere Einstellungen gegenüber dem Fremden. Ein Gedicht aus ihrem 1991 publizierten Band „Deutsches Roulette“ gibt anschauliche Auskunft über ihre Vorstellung, wie es mit dem Trennenden umzugehen gilt. Es beginnt so: „ich nenne mich du weil der Abstand / so vergeht zwischen uns wie Haut / an Haut wir sind nicht / zu unterscheiden“ – als würden sich die Konturen dieser beiden Personen im Wasser auflösen, gehen ihre Körper sanft ineinander über. Die kaum mehr merkliche Grenze zwischen dem Paar versteht sich lediglich noch als Verletzung, „der Übergang / eine offene Wunde“. Wer das lyrische Großprojekt der 1959 in Burgstädt geborenen Dichterin zu bestimmen sucht, kommt in diesem Liebesgedicht dem zentralen Wesenspunkt ihres Schaffens schon sehr nahe: dem Wechselspiel zwischen Differenz und Verschmelzung, der Verflüssigung des Festen, Verkrusteten.

Keine Frage: Die Haltung, welche die Autorin in ihren Gedichten und oftmals unterschiedliche Medien einbeziehenden Mixed-Media-Installationen kundtut, ist eine postfeministische. Statt auf „Er“ und „Sie“ oder „Ich“ und „Du“ setzt sie mitunter auf das „Wir“ oder wirft Bezeichnungen gleich ganz über Bord. Und wo männliche Dominanz vorherrscht, übt sich die Poetin als Zersetzerin. So lässt sie im Band Niemands Frau. Gesänge zur Odyssee (2000) vor allem die Frauen, darunter Helena, Penelope, Kirke oder die Sirenen zu Wort kommen. Dem Patriarchat des antiken Epos setzt sie in ihrer lyrischen Be- und Überarbeitung eine moderne Position entgegen, welche den Helden Odysseus gleichsam kastriert. Denn wie der Titel verrät, schrumpft der Übermann bei Köhler tatsächlich zum No Name.

Ganz im Sinne der Philosophin Judith Butler weiß die Poetin: Sprache spiegelt Machtverhältnisse wider. Je mehr man mit ihr spielt, desto eher brechen die ihr innewohnenden Ablagerungen auf.

Bevor sie 1985 ein Studium am Literaturinstitut Leipzig aufnahm, hatte Köhler unter anderem in der Textilbranche gearbeitet. Offenbar hat sie dort ein für die Machart ihrer Gedichte nicht zu unterschätzendes Verfahren kennengelernt, nämlich das Verweben und Verknüpfen. Köhlers Schreiben steht im Zeichen von Zusammenführungen und der Überwindungen einer einfachen Zweiteilung der Welt, wobei dies nicht mit der bloßen Verwischung von Unterschieden gleichzusetzen ist. Die Autorin negiert weder das Feminine noch das Maskuline, sie will uns für die verschiedenen Perspektiven erst sensibilisieren. Jeder Vereinigung, jeder fließenden Synthese geht logischerweise ein Unterschied voraus.

Dies betrifft im Übrigen nicht nur den Unterschied zwischen Mann und Frau, sondern auch jenen zwischen Landschaften und Kulturen. In ihrem virtuosen Band Istanbul, zusehends (2016) bricht sie mit einer eurozentristischen Position und nähert den Leser behutsam und mit Faszinationskraft den morgendländischen Gefilden an, in 36 Ansichten des Berges Gorwetsch (2013) lässt sie Gelände und Gefühle ineinander übergehen. So ist etwa der titelgebende „Berg als Geste zu sehen: wie eigenar- / tig… – So wird auch das Erheben zu einer Geste und keine Natur- / gegebenheit.“ Was nach netter Naturlyrik klingt, liest sich bei genauem Hinschauen als politische Kampfansage, als Widerrede gegen grobschlächtige Narrative von den Frauen, den Abgehängten oder den Geflüchteten. Die so oft behauptete Natur der Menschen und Dinge erweist sich demzufolge als reinste Konstruktion.

Köhlers Wirken zielt sicherlich nicht auf das Mitreißen der Massen. Nach ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit für das Bezirksliteraturzentrum Karl-Marx-Stadt in der DDR und zahlreichen Poetik-Dozenturen, zum Beispiel an der Universität Duisburg-Essen und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, tragen ihre Werke sichtlich die Spuren einer akademischen Komplexität, wie sie mit Leitbegriffen wie den Gender Studies oder dem Poststrukturalismus verbunden ist.

Da ihre Texte allerdings immer von einem ironischen Gestus und beschwingten Ton getragen sind, haftet ihnen keinerlei ideologische Verbissenheit an. Die Dichterin zeigt sich politisch, ohne ihr Politischsein (im Gegensatz etwa zu Julie Zeh oder Ilja Trojanow) demonstrativ zu Markte zu tragen. Wie ihre Texte steht auch die Peter-Huchel-Preisträgerin ganz für den Entwurf einer von Dynamik und Offenheit geprägten Gesellschaft. Auf der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule dürfte ihr bis dato noch unbekanntes Gedicht daher zugleich auch ein Menetekel für all jene sein, die sich paradoxerweise gegenwärtig der Zensur bedienen, um einer liberalen Poesie Raum zu schaffen.

06:00 02.02.2018

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