Die Politik stürmt auf das Spielfeld

Kino Die Dokumentation "Football Under Cover" von David Assmann und Ayat Najafi handelt vom Match einer deutschen Frauenfußballmanschaft gegen das Nationalteam Irans. Und vom Filmen

So einfach ist es nicht mit dem Sport. Einmal soll er der Königsweg sein zu einer harmonischen, vorurteilsfreien Begegnung der Kulturen, dann wieder muss er zweckfrei die Rolle des betont unpolitischen Spektakels oder harmlosen Spiels übernehmen. Kurzum: Sport ist, auch weit weg vom Millionengeschäft der Profiligen, gerade in seiner vorgeblichen Ideologiefreiheit zutiefst ideologisch. Die Behauptung, nichts zu tun zu haben mit dem, was außerhalb von Halle und Stadion vor sich geht, der oft genug maßlos vor sich hergetragene Anspruch, sich außerhalb der Denkformen der Gesellschaft positionieren zu können, sollte den Zuschauer eher skeptisch machen als zu Jubelgesängen anspornen.

Pünktlich zum Siedepunkt der Debatte um einen möglichen Olympia-Boykott kommt nun Football Under Cover in die deutschen Kinos. Es geht in dieser Dokumentation zwar nicht um China, sondern um das Auswärtsspiel einer Berliner Frauenfußballmannschaft gegen das Nationalteam des Iran. Doch gerade das klingt zunächst wie ein Prestigeobjekt einschlägiger Institutionen; im Vorwort des Pressehefts schreibt Claudia Roth: "Die Freiheit ist rund". Hallelujah! Dabei liegt der Film in Ästhetik und Entstehungsgeschichte weit entfernt von diesen geleckten Bildern öffentlicher Repräsentation. Mit dem Brimborium, das etwa Claus Peymann veranstaltet hat, als er mit seinem Berliner Ensemble nach Teheran aufbrach, wollen die Regisseure David Assmann und Ayat Najafi nichts zu tun haben. Sie verhehlen zu keiner Sekunde, dass jede ihrer Einstellungen nur eine Momentaufnahme ist und verweigern sich einer Kontextualisierung, die ihrem Projekt die Intimität rauben würde.

Auf dem Talent Campus der Berlinale lernten sich 2005 Najafi und Assmanns Schwester Marlene kennen, beide hatten an einem Kurzfilmwettbewerb teilgenommen, beide hatten in ihren Filmen Frauen beim Fußball zugesehen. Marlene ist das rührige Zentrum des neuen gemeinsamen Projekts: Sie spielt in der Verbandsliga beim BSV Al-Dersimspor in Kreuzberg. Und sie studiert. Kaum jemand der Beteiligten, nicht ihr Bruder, nicht die Cutterin Sylke Rohrlach, die hier ihr Diplomprojekt ablegte, nicht Niclas Reed Middleton oder Anne Misselwitz hinter der Kamera haben das Filmstudium schon länger als ein Jahr hinter sich - wenn überhaupt. Die Hartnäckigkeit und die Bereitschaft zur Selbstausbeutung, von denen ein solches Projekt Zeugnis ablegt, mag unter Geschwistern und Kommilitonen denn auch ein wenig stärker ausgeprägt sein.

Das marktschreierische Etikett nie gesehener Einblicke und absoluter Authentizität, das bei dieser Konstellation nahe läge, verkneift sich Football Under Cover mit einem intelligenten Kniff: Nicht Marlene ist diejenige, bei der die Kamera aufgestellt und mit deren Umfeld man vertraut gemacht wird, sondern das lebenspralle Kreuzberger Sturmtalent Susu und die iranischen Spielerinnen Niloofar und Narmila. So durchzieht den Film Neugier statt Enthüllungspathos. So nähert sich, bei aller gebotenen Vorsicht ob der Manipulationskraft der Bildermaschine Kino, der Zuschauer den Geschehnissen aus der Ferne an. Gemeinsam mit den Regisseuren und Marlene, die vor dem Spiel mit Najafi nach Teheran reist, um dort offizielle und inoffizielle Unterstützung für ihr Projekt zu finden.

Obwohl Film und Spiel aus der gleichen Idee entstanden, obwohl die Beteiligten sich erhofften, das Match mit der Autorität der Kamera einfacher und schneller, ja vielleicht überhaupt erst möglich zu machen, ging vieles schief bei der Organisation, die vom Filmteam und dem BSV Al-Dersimspor weitgehend im Alleingang übernommen wurde. Nicht erteilte Visa, die zurückgezogene Unterstützung von Iranol, dem mächtigen Sponsor des iranischen Fußballverbands, das Desinteresse der FIFA - von alledem kann Marlene nur im Voiceover berichten. Solch abstrakte Vorgänge sind weder das Interesse des Films noch die Sache des Kinos allgemein. Aber in Schwung kommt das Geschehen, wenn Susu ihren Kreuzberger Kiez mit kindlicher Offenheit erobert, wenn in Teheran Narmila und ihre Mutter sich auf einer staubigen Straße die Bälle zukicken oder ihre Teamkollegin Niloofar in ihrem mit Postern übersäten Zimmer von David Beckham schwärmt.

Dass dieses Spiel Bedeutung habe, dass es in die Geschichte eingehen werde, wie ein mit der Erstellung von Werbepostern beauftragter Designer Niloofar anvertraut, scheint die Regisseure wenig zu interessieren. Die Politik dringt eher in den Fußball ein als umgekehrt. Die jungenhafte Niloofar, die sich manchmal listig mit Baseballmütze am Kopftuchgebot vorbeischleicht, darf nicht am Spiel teilnehmen, warum genau, bleibt undurchsichtig. Rund 1.000 Zuschauerinnen, die für Volksfest-Stimmung sorgen, als die Begegnung endlich stattfinden kann, werden von der Stadionsprecherin ermahnt, und einige von ihnen protestieren dagegen in einer kleinen Spontandemo. Das ist für die Filmemacher natürlich wunderbar - nur dass die meisten von ihnen die Begegnung, genau wie Hüseyin Karaduman, Vereinspräsident der Kreuzberger, nur mithören konnten. Männern ist der Zutritt verboten. Die Parallelmontage von Spiel und den Versuchen Karadumans, eine Lücke in der Mauer oder einen Türkisch sprechenden Verantwortlichen zu finden, stellt einerseits die Absurdität der Geschlechtertrennung im Iran heraus. Daneben aber ist sie typisch für die Weigerung des Films, die Dialektik von gesellschaftlichem und persönlichem Handeln aufzulösen. Er hält die Spannung aus, die in der ständigen Vereinnahmung des Sports und dem ständigem Kampf dagegen liegt - das macht ihn intelligent. Der Witz und die Energie, mit der er das tut, machen ihn sehenswert.

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00:00 25.04.2008

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