Die Stunde zwischen kalten Laken

Literatur Scharfsichtig beschreibt Ralf Rothmann in seinem ­Roman „Feuer brennt nicht“ die Bewegungen im aufgerissenen Berlin. Die Charaktere bleiben jedoch schemenhaft

Das Schreiben ist ein Glück von Jugend an. Das Schriftstellerdasein dagegen, mit all seinen Zwängen, Schreibblockaden, den Stipendiumsverpflichtungen, und den als Lesung getarnten Verkaufsveranstaltungen in kleinstädtischen Buchhandlungen, ist schwer zu ertragen. Ohne intensive emotionale, je nach Gusto weibliche oder männliche Assistenz hält das kein Dichter aus.

Im neuen Roman von Ralf Rothmann will der glückliche Zufall, dass der Protagonist, ein preisgekrönter, nicht mehr ganz junger Autor, endlich auf seine Muse trifft. Sie sitzt alleine in der ersten Reihe, neben sich die Kassette mit den Eintrittsgeldern und ein zerlesener Gedichtband, den sie sich später von ihm signieren lässt.

Alina ist die Auszubildende der ortsansässigen Buchhandlung. Eine präraffaelitische Erscheinung, so beschreibt der affizierte Dichter die schüchterne junge Frau, mit „krausem roten Haar, von Kerzenschein umglüht, die Haut am Hals erschütternd weiß.“ Wolf, der offenbar nichts mehr gefürchtet hat als den einsamen Abend nach der Lesung, die „Stunde zwischen kalten Laken“, lässt sich hinreißen von Alinas Jugend, ihrer erfrischenden Unbefangenheit.

Chronik der Verklemmungen

Sie wird ihm nach Berlin folgen. Als Beschirmerin seiner Kunst ist sie von nun an für ihn da, wie es einer Muse zukommt. In ihren sich gegenüberliegenden Kreuzberger Wohnungen balancieren beide zwischen der für ihn notwendigen Einsamkeit und der ihn aufbauenden Zweisamkeit. Sie steht ihm bei, stärkt den hypochondrischen Egomanen, füllt seinen Kühlschrank, liest seine Manuskripte, sagt ihm auch einmal, dass „Feuer nicht brennt“, sondern flackert, leuchtet oder raucht. Da schämt sich der Dichter.

Ist sie seine große Liebe? Er ist es für Alina zweifellos. „Mein einziges Talent ist, dich zu lieben“, lässt Rothmann sie sagen. Sie verströmt sich, hat etwas von dem empfindsamen Elementarwesen, das mit dem irdisch gepanzerten Rittersmann nur unglücklich, sterbensunglücklich werden kann.

Alina ist eine Art Undine, die über einen Mystiker promoviert: „Die Spuren Meister Eckharts in der Literatur der deutschen Romantik“. Hier übertreibt der Autor in seiner Anspielungsfreude ein bisschen.

Je länger sie einander verbunden sind, desto stärker sehnt er sich, ja nach was, unverbindlichem Sex vielleicht? Hin und wieder sucht er ein Bordell auf. Doch dann, welches Glück, durchkreuzt noch einmal der Zufall seine „Chronik der Verklemmungen“.

Eine alte Bekannte ruft an. Wolf trifft Charlotte, die ehrgeizige Akademikerin. Seine Wünsche und sein Begehren sind offenbar ganz die ihren. Sie heizt ihn an und bietet ihm auch sonst Paroli. Weilt die gefragte und weit reisende Wissenschaftlerin in der Stadt, geben sie sich in Hotelzimmern, später in ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg lustvollen Übungen hin.

Wolf verschweigt Alina seine Wahlverwandtschaft mit der attraktiven Intellektuellen, stutzt sich aber auf einmal die Schamhaare und kauft exquisite Unterwäsche. Alina und Charlotte, die weiche, unterwürfige und die harte fordernde bleiben Pin Ups: abschätzige Scherenschnitte machistischer Wunschvorstellungen. Während der Protagonist seine Gefühle teilt, vereint sich die Stadt. Genau und scharfsichtig beschreibt Rothmann die Bewegungen im aufgerissenen Berlin. Er erzählt, wie Menschen sich aufeinander zubewegen und enttäuscht wieder voneinander abwenden, wenn die wechselseitigen Erwartungen enttäuscht werden. Wer Berlin in dieser Zeit des Aufbruchs erlebt hat, in seinem aggressiven Zaudern, all dem Hauen und Stechen, auch freudigen sich Aufmachens, sieht in einen Spiegel.

Alltäglich brodelndes Leben

Die große Stärke Rothmanns, alltäglich brodelndes Leben in seinen mal hell, mal dunkel schillernden Facetten sichtbar werden zu lassen, ohne je banal zu sein, an dieser Stelle kommt es endlich einmal zum Tragen.

Die aufreibenden Veränderungen Kreuz bergs, das unversehens in die Mitte der Stadt rückt, veranlasst Alina und Wolf in den Ostteil abzuwandern. Ganz an den Rand, nach Friedrichshagen an den Müggelsee, wo einmal Bobrowski und der Neue Friedrichshagener Dichterkreis ihr herrliches Unwesen trieben. Atmosphärisch dichte, fein geschliffene Landschaftsbeschreibungen sind der Ertrag für den Leser – zu denen sich poetische Sentenzen wie vom Abreißkalender gesellen.

Eindrucksvoll verschränkt sich der Anfang mit dem Ende des Romans. Ein Kreis schließt sich, ein Leben wird vollendet. Der weiter um sich selbst kreisende Dichter, der nur beiläufig die Veränderungen seiner Lebensgefährtin registriert, wird jedoch vom Fortgang der Geschichte stärker überrascht als der aufmerksame Leser.

„Schutzlos“, nannte einmal ein zartfühlender Rezensent Rothmanns Erzählhaltung, „pathetisch und einen selbstbewussten Flirt mit dem Kitsch.“ Vielleicht war der Weg von Ralf zu Wolf einfach zu kurz. Und was an Rothmanns Romanen und Geschichten immer zu bewundern war, nämlich sein leichtfüßiges, ganz dicht am Leben entlang laufendes Erzählen ist ihm hier womöglich als Distanzverlust zum Verhängnis geworden.

Feuer brennt nichtRalf Rothmann, Roman, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 304 S., 19,80

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05:00 14.05.2009

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