Die Substanz des Sports

Eigenhirnspeed Warum darf ein Verbandsportler nicht, was ein Bodybuilder darf? Ein Gespräch mit dem Philosophen Christoph Asmuth über Doping

Der Freitag: Herr Asmuth, alle reden über Doping. Jetzt auch noch die Philosophen. Was geht Sie das eigentlich an?

Christoph Asmuth: Ich finde sehr viel. Die Frage führt doch sogar zum Kern unserer Arbeit. Im Sport und vor allem im Doping wird nämlich viel mit moralischen Kategorien operiert: Gerechtigkeit, Fairness, Vertrauen. Da schließen sich Fragen an: Wie sind beispielsweise Medikamentenmissbrauch, Leistungserwartungen und vor allem Leistungsoptimierung zu bewerten? Das sind Fragen, die natürlich nicht nur im Sport gestellt werden.

Aber im engeren Sinne betrifft das, was wir unter Doping ver­stehen, nur den Sport. Nur hier erhält jemand, der nicht verordnete Substanzen einnimmt, auch Strafen.

Zunächst ist Doping ein Verbandsproblem. Die Sportverbände, die Nationale (NADA) wie Internationale Doping-Agentur (WADA) haben Regeln und Listen mit Substanzen aufgestellt, die etwas verbieten – und gegen die Sport­lerinnen und Sportler dennoch verstoßen. Damit ist Doping im Sport, auch für uns, also klar definiert. Und ein Verstoß gegen die Regeln wird dann sanktioniert.

Es gibt doch bereits gesetzliche Regelungen wie das Betäubungsmittelgesetz oder das Arzneimittelrecht, die bei Doping greifen könnten.

Ja, aber genau da wird es schon schwierig. In den gesetzlichen Verboten ist eindeutig geregelt, dass der bloße Konsum von verbotenen Substanzen/Drogen eben nicht strafbar ist. Es wird dort nur der Besitz, die Abgabe, der Handel, sanktioniert. Im Sport jedoch ist das völlig anders. Da wird der Sportler, der die Mittel nimmt, bestraft. Diese zwei Strafsysteme passen nicht zusammen. Es stellt sich also die Frage, wo die Zuständigkeit des Staatsrechts beginnt und wo die des Sportrechts. Damit ergibt sich ein gestaffeltes Problem: Wenn wir von Doping reden, meinen wir immer den Verbandssport, also den Sport, der im Rahmen der Sportverbände mit ihrer eigenen Gerichtsbarkeit betrieben wird. Doch in Bodybuildingstudios finden wir viele Menschen, die genau dieselben Mittel einwerfen – und da ist es nicht unter Strafe gestellt.

Und außerhalb des Sports, sowohl jenseits von Vereinen und Studios, ist es doch wieder ganz anders.

Ja, das Paradebeispiel sind Amphetamine: Da gibt es die Einnahme im Sport, um im Wettkampf bessere Leistungen zu erzielen – das ist ein klarer Dopingfall. Da gibt es die Partydroge – bei Ravern spielt das eine große Rolle. Dann gibt es ­natürlich noch den Einsatz von Amphetaminen in der Medizin – schließlich wurden die ja mal als Arzneimittel entwickelt. Eine wichtige Rolle spielt es als Aufputschmittel in anstrengenden Jobs. Das ist Enhancement.

Und es gibt letztlich den Einsatz von Amphetaminen im Militär. Ich weiß nicht, ob und in welchem Umfang es heute noch eine Rolle spielt, aber in früheren Jahren war das wichtig, um die Fähigkeit, konzentriert zu kämpfen, zeitlich auszudehnen. Wir haben also in diesem Beispiel eine Handlung, die Einnahme von Amphetaminen, die aber fünf unterschiedlichen Zwecken dient und die entsprechend unterschiedlich betrachtet wird. In nur einem Fall aber, im Verbandssport, wird sie als Doping sanktioniert.

Im Fall des Radsportlers Jan Ullrich wurde gesagt, dass er Amphetamine quasi als Partydrogen genommen hatte.

Und damit entsteht das Problem, wie man die verschiedenen denkbaren Anwendungsvarianten voneinander überhaupt abgrenzen kann. Ein Sportler kann ja auch auf Partys gehen oder erkranken, so dass er solche Medikamente benötigt. Im Fall von Jan Ullrich war es ja so, dass er sagte, man habe ihm die Substanz ohne sein Wissen in sein Getränk getan. Das ist natürlich sehr interessant. Denn es gibt bei der Dopingverfolgung durch die Verbände ja die verschuldens­unabhängige Haftung. Ob also jemand Schuld daran ist, dass er bestimmte Wirkstoffe in seinem Körper hat oder nicht, ist in dem Subsystem Sport völlig gleichgültig. Das gibt es in keinem anderen Rechtssystem. Im Sport zählt im Grunde nur, was im Körper drin ist. Und nicht, wie es da hinein gekommen ist.

Und was sagt der Philosoph dazu?

Er sieht das zunächst einmal durch eine allgemeine Brille. Es geht ja um Moral, um Recht, sogar um Rechtsphilosophie und um die Fragen, warum handeln die Sportler so und was erwartet die Gesellschaft von ihnen. Das ist der Bereich der praktischen Philosophie. Zum zweiten geht es um den Bereich der theoretischen Philosophie oder auch Erkenntnistheorie. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Schwellenwert. Der ist zunächst nichts anderes als eine Zahl, die von Biologen und Medizinern ermittelt wurde. Niemand hat einen Schwellenwert in sich. Das ist eine abstrakte Angelegenheit. Das hat noch keine moralische Bedeutung an sich.

In der gesellschaftlichen Bewertung kommt aber sehr wohl die Moral hinein: Wie nämlich über Sportler, deren Körper den Schwellenwert überschritten hat, gesprochen wird.

Im Sport ist das noch recht einfach. Es geht erstens um Gesundheitsgefährdung, die man vermutet, wenn ein Schwellenwert überschritten wird. Zweitens geht es um die darin angezeigte Ungerechtigkeit und Unfairness. Und es geht drittens um die Unnatürlichkeit. Das sind die drei Gründe, die immer genannt werden, wenn die Bewertung einer Substanz von Juristen und Gesundheitspolitikern und Medizinern festgelegt wird. Die gesellschaftliche Wertung nehmen also andere vor.

Konkret zu Ihrem Forschungsprojekt. Wollen Sie letztlich nur der neutrale Beobachter sein, der das Zustandekommen von Verboten so gut wie möglich erklärt? Oder wollen Sie auch etwas bewirken?

Wir bewirken etwas, und das wollen wir ja auch. Kinder und Jugendliche beispielsweise müssen vor Medikamentenmissbrauch im Sport geschützt werden. Das ist ganz wichtig. Wir führen Wissenschaftler und Verantwortliche unterschiedlicher Fachrichtungen und Verbände zusammen und veranstalten Hearings, die eine Außenwirkung haben. Unsere Zielgruppen sind Sportler, Schüler und Lehrer, aber Juristen und Politiker. Was aber nicht von uns zu erwarten ist, dass wir am Ende eine Kiste mit guten Vorschlägen bereitstellen, in die man hineingreift, und schon ist das Dopingproblem gelöst. Das funktioniert nicht. Vor allem nicht, wenn es um Moral und Ethik geht.

Worum geht es dann?

Darum zum Beispiel, dass wir zeigen wollen, dass ein bloßes Dopingverbot keinem wirklich hilft. Es muss, auch bei unserem Projekt, um Aufklärung gehen: Jeder Sportler muss für sich selber die ethische Entscheidung treffen, ob er Mittel nimmt oder nicht. Er steckt zwar in einem extremen Systemdruck, ist aber dennoch eine freie Person – wenn er den Kopf aus dem Sand steckt. Wir können und wollen ihm Argumente liefern. Der Sportler ist einer unserer Adressaten. Das soll ihm aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie Kant es ausdrückte, herausholen. Das hat der Mensch also selbst zu verantworten. Er kann aber und muss eigentlich daraus selbst herauskommen. Auch der Sportler hat Alternativen. Das müssen wir nutzen.

Wer aber die falsche Handlungsalternative wählt und auffliegt, wird im Sport bestraft. Bis zum Berufsverbot. Ist das richtig?


Verbote und Kontrolle sind allein nicht der Weg, um das Dopingproblem zu lösen. Wie gesagt, Doping ist ein Verbandsproblem. Die Sportverbände mussten handeln, nachdem es zu gravierenden Fällen gekommen ist, zu Todesfällen. Daher ist das Dopingverbot verständlich, einleuchtend und nachvollziehbar. Die harschen Verbote sind also eine ebenso drastische Reaktion auf drastische Vorfälle. Nun werden die Regelungen, die Dopinglistenpolitik, immer mehr verfeinert. Und der Sport gerät in das Fahrwasser der Juristen und Gerichte. Das bedroht den Sport.

Wir beobachten jetzt, dass sich die Argumente ändern. „Gesundheitsschädigung“ zum Beispiel steht nach meiner Beobachtung nicht mehr so im Vordergrund. Aktuell wird das Dopingverbot eher mit dem Hinweis auf die „Wettbewerbsverzerrung“ begründet.

Ist nicht Wettbewerbsverzerrung oder Chancengleichheit ein heikles Argument? Wo gibt es denn schon Gleichheit der Chancen?

Chancengleichheit ist immer problematisch. Nehmen wir nur die Debatte um die Schwimmanzüge: die waren eine Weile erlaubt, jetzt wieder verboten. Oder die unterschiedlichen Trainingsmethoden beziehungsweise der unterschiedliche Stand der Trainingsforschung in verschiedenen Ländern. Doping ist doch eigentlich ein „Erste-Welt-Problem“.

Verliert der Hochleistungssport durch Doping nicht endgültig seine Attraktivität und wird sich in Zukunft selber abschaffen?

Nein! Es sind nur immer einzelne Sportarten, die mal gewinnen oder verlieren. Die Tour de France scheint gerade an Popularität zu verlieren. Nicht zuletzt wegen ihres Dopingproblems. Aber insgesamt bleibt die Sportbegeisterung, die Wertigkeit des Sports bestehen, solange sie von dem Athleten, einem echten Menschen, erbracht wird.

Der Dopingvorwurf vermenschlicht aber auch. Eine sportliche Leistung, die als menschenun­möglich scheint, wird durch den Dopingnachweis wieder auf ihr Normalmaß, auf das menschliche Maß reduziert.

Gibt es aber nicht auch eine gegenläufige Entwicklung: dass des Dopings verdächtige Sportler nicht mehr als Mensch, sondern als Klon, Maschine, außerirdisches Wesen gelten?

Der Sport besteht immer daraus, dass Grenzen überschritten werden, und es ist konstitutiv für ihn, dass Gegner bezwungen werden müssen. Vielleicht steckt in der Rede von der Entmenschlichung aber zu viel Emphase. Doping ist, denke ich, wirklich ein guter Kniff von uns Sportkonsumenten, wie wir uns außergewöhnliche Leistungen erklären können. Eine sehr wichtige Frage in diesem Kontext ist: Welche Vorstellung vom Menschen liegt dem Reden über Doping überhaupt zugrunde? Warum akzeptieren wir uns nicht, wie wir sind, sondern wollen uns immer verbessern und modellieren in der Leistung, in der Schönheit und anderen Dingen.

Die Gesellschaft erwartet doch von uns, dass wir stets zur Leistungssteigerung bereit sind.

Es gibt und gab Kulturen, wo das nicht der Fall war: Da hat man, platt gesagt, den Menschen genommen, wie Gott ihn hingestellt hat. Das änderte sich erst mit der Aufklärung. Wir müssen also fragen: Woher kommt der Leistungsanspruch der Gesellschaft? Und auch der internalisierte Leistungswille – dass wir also die Anforderung, die an uns gestellt werden, bereitwillig akzeptieren. Sport ist doch auch ein integraler Teil dieser Entwicklung. Wenn wir das so betrachten, relativiert sich aber auch die immer behauptete Sonderstellung des Sports.

Gibt es Reaktionen auf Ihr Projekt, zum Beispiel seitens des organisierten Sports?

Bislang haben wir keinen Kontakt zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Die Reaktionen, die wir bislang erhielten, waren sehr unterschiedlich. Es gibt teilweise eine recht große Abneigung gegen eine Intellektualisierung des Sports. ‚Was wollen die denn?’ wird dann immer gefragt. Wir müssen dann erläutern, dass unsere Perspektive gar nicht nur auf den Sport gerichtet ist.

Gegen Gespräche mit den diversen Ebenen und Gremien des organisierten Sports haben wir überhaupt nichts einzuwenden. Das ist in unserem Projekt auch vorgesehen. Wir sind ja neugierig. Wir bleiben jedoch dann immer auf kritischer Distanz, was nicht mit der Politik des erhobenen Zeigefingers zu verwechseln ist. Wir wollen uns doch letztlich über Argumente verständigen.

Was hat Sie in Ihrer Arbeit bislang am meisten verblüfft?

Das waren zwei Dinge. Zum einen, dass wir bei unseren Diskussionen mit Juristen herausgefunden haben, dass die meisten sich gar nicht für Dopingdelikte zuständig sehen. Die erklären fast alle, , dass s Strafrecht und Dopingverfolgung schlecht zusammenpassen.
Zum anderen, dass wir einen Zusammenhang von Doping und der Debatte um Neuro-Enhancement herausgefunden haben, also um die Frage, ob Hirnfähigkeiten optimiert werden sollen. Das ist quasi ein Dauerbrenner unserer Arbeit. Doping ist ja im Grunde eine Unterform von Enhancement. Verblüffend ist, dass auch die Enhancement-Befürworter mit Doping eigentlich nichts zu tun haben wollen. ‚Doping ist ja verboten’ heißt es bei denen, wenn man nachfragt.

Ist Ihr Forschungsprojekt mehr als ein Ethikrat?

Mir tut es weh, wenn das alles unter Ethik abgelegt wird. Das ist zwar wichtig, aber der systemische Zusammenhang von Sport, Wirtschaft, Recht etc. ist so bedeutend – das kann man nicht nur unter dem Stichwort Ethik verhandeln. Auch die Wissenschaftstheorie ist Gegenstand unserer Arbeit: Beispielsweise wollen wir wissen: Was machen die eigentlich in der Pharmaindustrie? Wie finden die heraus, dass eine Substanz wirkt und vor allem wie? Wie gelangen deren Produkte und Ideen zu den Sportlern. Es gibt da Forschungen mit digitalen Molekülketten, die bloß am Computer entwickelt werden. Da steckt die Zielvorstellung der individuellen Medikation dahinter.

Das klingt nicht danach, als sei der Sport irgendwann sein Problem los. Wie lange wird es Doping geben?

So lange es den professionellen Hochleistungssport gibt. So lange wird der organisierte Sport durch massive Interessenkonflikte geprägt sein – in den Verbänden, der Wirtschaft, der Medizin, der WADA, bei den Athleten. Sport, das ist für unsere Betrachtung sehr wichtig, ist eben kein homogener Bereich und schon deshalb sind eindeutige Ethikratschläge nicht machbar. Schon der Sport, wie ihn der Aktive erlebt, und der Sport, wie ihn der Zuschauer erlebt, sind zwei völlig getrennte Sachen. Quasi zwei Sporte, wenn es den Plural gäbe.

Christoph Asmuth, 47, ist Professor für Philosophie an der Technischen Universität Berlin. Seit 2009 leitet er das vom Bundesforschungsministerium mit 1,3 Millionen Euro geförderte Projekt

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22:20 23.02.2010
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