„Die Teufel von Loudun“ an der Bayerischen Staatsoper: Schreien, Zischen, Psalmodieren

Oper Simon Stone inszeniert Krzysztof Pendereckis Opern-Horror-Psycho-Thriller auf atemberaubende Weise
Kardinal Richelieu war der Drahtzieher des Komplotts gegen den Pfarrer der nordfranzösischen Stadt Loudun. Huxleys Werke zielten auf die Gegenwart
Kardinal Richelieu war der Drahtzieher des Komplotts gegen den Pfarrer der nordfranzösischen Stadt Loudun. Huxleys Werke zielten auf die Gegenwart

Foto: Wilfried Hösl

So geht der Opern-Horror-Psycho-Thriller: Jeanne, Priorin eines Ursulinenklosters, glaubt sich vom Teufel besessen. Er erscheint ihr in Gestalt des jungen, liberalen Jesuiten Grandier. Es ist aber nicht der Teufel, der sie quält, sondern unterdrückte Sexualität. Es wird Grandier das Leben kosten, dass er gegen seine Art die Finger von der Nonne lässt. Unter der Psychofolter eines Exorzisten und vergewaltigt von dessen Helfern, denunziert die eifersüchtige Jeanne Grandier. Hinter allem steckt politische Ranküne: Der Priester hat sich mit einem Mächtigeren angelegt als nur mit Gott und weiblichen Gefühlen.

Fanatismus und Massenwahn, eiskalt gelenkt und benutzt, garantieren die Hölle auf Erden. Der Kern der Geschichte in Die Teufel von Loudun aber ist ein Geschlechterkampf. Männer fürchten weibliche Lust, so werden sie selbst zu Teufeln – jedenfalls in der Lesart des Regisseurs Simon Stone.

Der Pole Krzysztof Penderecki vertonte 1969 den gleichnamigen Roman von Aldous Huxley aus dem Jahr 1952. Der Autor der Science-Fiction-Dystopie Schöne neue Welt dokumentierte einen Fall aus dem Jahr 1634. Kardinal Richelieu war der Drahtzieher des Komplotts gegen den Pfarrer der nordfranzösischen Stadt Loudun. Huxleys Werke zielten auf die Gegenwart.

So auch diese Inszenierung. Einiges aber konnten Huxley und Penderecki nicht ahnen: den Missbrauchsskandal in den Kirchen. Dass ein Shitstorm Menschen „verbrennen“ kann, fast wie ein Scheiterhaufen. So ist die „Reliquie“, die der Exorzist benutzt, ein Handy, und Pussy Riot tanzt barbusig in der Kirche. Doch nicht solche überflüssigen Aktualisierungen, sondern die szenisch wie musikalisch extremen Gewaltszenen stoßen den Premierengenießer aus der bourgeoisen Komfortzone.

Musikalisches Extremissimo. Atonale Klangballungen, Geräusche. Sänger kreischen, schreien, zischen, sprechen, psalmodieren. Aus dem ungeheuer dichten, eine Atmosphäre der Bedrohung spannenden Netz aus Tönen gibt es zwei pausenlose Stunden lang kein Entrinnen. Musiker und Sänger dürfen viel improvisieren. Chefdirigent Vladimir Jurowski gibt Freiheit, organisiert zugleich die Ekstase: ein Höllenritt.

Mal Kloster, mal Kerker

Es gibt nicht wie üblich erste und zweite Violinen, sondern 20 einzelne Geigen, eine singende Säge, tiefe Saxophone, Kirchenglocken, Orgel. Irrsinn und Irrsinnsaufwand. Neben dem Riesenchor mehr als 20 Solostimmen. Die wichtigste von ihnen, Wolfgang Koch, wurde kurz vor der Premiere positiv getestet. Es blieb nichts anderes übrig, als Grandier von einem Schauspieler (Robert Dölle) auf der Bühne sprechen und spielen und von einem Bariton (Jordan Shanahan) im Graben vom Blatt singen zu lassen. Eine überzeugende Notlösung.

Grandier ist am Anfang ein aufgeklärter Spötter, am Ende ein lebendig in den Ofen geschobener Märtyrer. Er büßt für Dinge, die er nie getan hat. Seine Gegenspielerin ist nicht die an Gott verzweifelte, von Männern ins Kloster gezwungene Jeanne (Ausrine Stundyte), sondern der bassgewaltige, furios aufspielende zynische Exorzist Barré (Martin Winkler). Er ist ein wahrer Teufel im raumfüllenden Kubus (Bühne: Bob Cousins). Mal Kloster, mal Kerker, mal Kirche, dreht er sich ständig und unterstreicht den filmischen Charakter der kurz „geschnittenen“ Szenen einer atemberaubenden Oper.

Info

Die Teufel von Loudun Krzysztof Penderecki Regie: Simon Stone, Bayerische Staatsoper, München

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