Die Tragödie findet nicht statt

Bühne John von Düffel setzt in Potsdam Alexander Solschenizyns Roman „Krebsstation“ um. Gravierende Konflikte fehlen. Das Stück gibt sich als eine Tragödie, ist aber keine

Krebs rumort in den Brüsten, den Lungen, den Leibern. Der Tod wartet, pocht an die Tür. Lass’, wer hier eintritt, alle Hoffnung fahren. So könnte man das in Potsdam uraufgeführte Stück überschreiben. Vorlage ist Alexander Solschenizyns Roman Krebsstation aus den sechziger Jahren. Die Sowjetunion verbot das Buch. In den Westen geschmuggelt, übersetzt, erschien es in der Bundesrepublik mit einem Vorwort von Heinrich Böll. Kalter Krieg; heute ist Solschenizyn so gut wie vergessen.

Zu unrecht. Die „schwarze Seite“, ausgemalt am Beispiel einer Gruppe Krebskranker in einer Klinik, ist keineswegs verschwunden. Im Gegenteil, sie befleckt den Globus. Aber dahin geht die Theaterfassung von John von Düffel nicht. Ihr Fokus ist der Alltag in einem verrotteten Krankenhaus. Daseinsweisen durch Zufall verbundener, einsamer, letztlich allein gelassener Patienten, weggeschlossen auf der Station 13. Ort: Taschkent, UdSSR. Zeit: 1955. Phase der Rehabilitierung stalinistischer Opfer. Das Stück gibt sich kund als eine Tragödie, die keine ist. Gravierende Konflikte fehlen.

Der Stationsalltag gibt den Ton vor, Ungeheuerliches erscheint lediglich in den Träumen des widerlichen Funktionärs Kostoglotow (Wolfgang Vogler), einer Karikatur, wie sie Schostakowitschs Oper Die Nase besser vorführt. Er träumt, Militante würden heißen Teer aus dem Betonmischer über seinen Körper gießen, zur Strafe fürs Denunziantentum. Und das sieht man dann auch. Die einzige Stelle, wo Regisseur Tobias Wellemeyer modernen Möglichkeiten des Theaters vertraut.

Schon der Vorlage fehlt etwas

Unterschiedlichste Lebenslagen kommen zum Sprechen, verknüpft mit den Leiden, dem Unbehagen am stalinistischen System. Manchmal wirkt das Stück wie eine politische Debatte, wenn etwa Schulubin, Uhu genannt, sich als Verräter an der Menschheit selbst geißelt. Ein jeder ist Betroffener, Opfer. Als würde „der verdiente Mörder des Volkes“ noch lebendig sein und hinter diesem armseligen, bös‘ gezeichneten, verletzten Kollektiv schweben. Taumeln, Sich-Ducken, Kriechen, Krümmen, das sind die Metaphern des Siechtums – der Körper und zugleich einer Siegermacht, die eigentlich, so suggerieren Vorlage wie Bearbeitung, nicht hätte siegen dürfen, so viel Hölle wohnt in ihr.

Dem entspricht ein Interieur, so kalt und erbärmlich. Die rollenden Betten der Insassen rasen, als wär’s die Höllenfahrt (Bühne: Alexander Wolf). Das russophile Fressgelage, angestiftet von der Sprechmaschine Tschaly (Christoph Hohmann), dem Handlungsreisenden ohne Magen, erfasst alle. Diese Party ist ein Kabinettstück, allerdings wirkt es fremd im Stück.

Jon-Kaare Koppe, eminent begabt, gibt den Rusanow, den mit dem Halsgeschwür. Ein tolle Rolle. So krank Rusanow ist, als Mensch nieder geworfen, zerfetzt von der Liebe, die ihm die Onkologin Dr. Vera Hangart (Melanie Straub) entgegenbringt, so lebenstauglich ist dieser Mann gleichzeitig. Einst Rotarmist, dann Verbannter in Sibirien, schäumt er über vor Lebenswillen und sackt doch immer wieder zusammen. Ein anarchischer Typ, vom Gedanken wirklicher Freiheit beseelt. Er rennt der Vera weg, um sie und sich selber zu retten.

Rusanow bewahrt sich als sehnsüchtiges Wesen, bleibt sich in seiner Widerborstigkeit treu. Was dem Ganzen fehlt: eine Figur, die Isaak Babel heißen könnte, Dichter, Chronist, Revolutionär, Mann, der seine Ideale noch vor den Gewehrläufen der rot bepinselten Henker nicht verliert. Solschenizyn, selbst Opfer wahnwitziger Drangsale, vermochte nicht, solchen Typus einzuarbeiten.

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09:00 01.04.2012

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