Die Ukraine liegt nicht in Afrika

Im Gespräch Die Politikerin Julia Timoschenko über 42 Tage im Gefängnis, ein Land, dessen Zukunft noch nicht entschieden ist, und die dogmatischen Formeln des Westens

FREITAG: Mit vielen Spitznamen versehen, scheinen Sie zu einem Mythos der neueren ukrainischen Geschichte geworden zu sein.
JULIA TIMOSCHENKO: Mythen sind Leuten gewidmet, über die man gern in der Küche spricht. Ich habe eigentlich nichts gegen Mythen, falls sie mehr oder weniger bescheiden bleiben. Wenn ich aber immer wieder höre, dass schon mindestens 20 riesige Häuser bei Kiew gebaut wurden, die alle mir gehören, weil ich über ein grenzenloses Vermögen verfüge, dann finde ich es nicht mehr lustig.

Sie werden ständig beschuldigt, in Ihren Zeiten als "Gas-Prinzessin" illegale Geschäfte betrieben zu haben.
Diese Vorwürfe waren nie etwas anderes als der Versuch, mich aus der Politik zu drängen. In den postsowjetischen Staaten, in denen die Tradition legaler Privatwirtschaft völlig fehlt, kann jedem Unternehmer jederzeit der Prozess gemacht werden - sei er Chodorkowskij und Chef bei Jukos oder Betreiber eines Kiosk. Es ist schon bezeichnend, dass es in den Jahren staatlicher Verfolgung, denen ich ausgesetzt war, nie zu einem Gerichtsurteil gegen mich gekommen ist. Im Gegenteil - es gibt Dutzende Gerichtsentscheidungen, die bestätigen, dass ich als Unternehmerin gegen kein Gesetz verstoßen habe.

Worauf führen Sie dieses Phänomen zurück?
Mit meinen Rechtsanwälten habe ich den Kampf gegen das System zu einer politischen Bühne gemacht. Wir konnten sogar einen wichtigen juristischen Präzedenzfall schaffen. Laut ukrainischer Verfassung darf gegen die Entscheidung eines jeden Amtsträgers geklagt werden. So gingen wir bis zum Verfassungsgericht, um der Staatsanwaltschaft vorzuwerfen, gegen mich Strafprozesse ohne jeden Tatbestand geführt zu haben - und wir haben gewonnen.

Die postsowjetische Gesellschaft gilt nicht als sonderlich "political correct". Hat Sie das behindert, sich als Frau in der Wirtschaft wie in der Politik durchzusetzen?
Anfangs war es schon so, dass ich von den Männern überhaupt nicht ernst genommen wurde. Männer glauben ja nie, dass eine Frau für sie eine gleichberechtigte Partnerin oder gar gleich starke Konkurrentin sein könnte. Als Frau muss man diese Vorgabe des Schicksals zu nutzen verstehen. Die Männer dachten, ich sei nichts als ein Schild, hinter dem sich ein kräftiger Mann mit breiten Schultern versteckt. Eigentlich ist es schade, dass viele Männer inzwischen begriffen haben, dass es nicht so ist. Ich habe damit einen enormen Vorteil eingebüßt.

Es wird erzählt, dass Sie zum ersten Gespräch mit Rem Wjachirew, dem allmächtigen Chef des russischen Energieunternehmens "Gazprom", besonders sexy angezogen waren, mit hohn Stiefeln und einem Minirock.
Ich war damals jünger und mochte solche Kleidung. Wjachirew hat sich bestimmt gewundert und gefragt, ob jemand, der sich so extravagant kleidet, etwas Ernsthaftes vorschlagen kann. Ich glaube, er hat mich mit väterlicher Ironie betrachtet. Damals steckte die gesamte ukrainische Energiewirtschaft in einer scheinbar hoffnungslosen Krise. Das Land war von den Gaslieferungen aus Russland abhängig, konnte sie aber nicht bezahlen. Aus politischen Gründen musste der halbstaatliche russische Konzern Gazprom Gas kostenlos liefern. In einem Brief an Rem Wjachirew hatte ich daher ein finanzielles Schema vorgeschlagen, um das Problem zu lösen. Nach unserem ersten Gespräch ging er auf meine Vorschläge ein. Inzwischen ist uns gelungen, was keine ukrainische Regierung zuvor zustande brachte: Erstmals werden die russischen Gaslieferungen im vollen Umfang bezahlt.

Offenbar war da viel Psychologie im Spiel.
Gewissermaßen, denn beim zweiten Treffen mit Rem Wjachirew war ich wie eine echte Komsomolzin aus der Breschnew-Zeit angezogen - es fehlte nur noch eine Krawatte. Rem stellte mich seinem Direktorenrat vor - ausschließlich ältere Fachleute, die einst die ganze sowjetische Gaswirtschaft aufgebaut hatten - und schüttelte mir die Hand: Er hätte nie geglaubt, dass aus unserer Vereinbarung etwas werden könnte.

Haben Sie Angst vor dem Gefängnis? Es wird ja immer wieder gedroht, dass Sie erneut wie schon 2001 in Untersuchungshaft geraten könnten.
Damals war mir direkt erklärt worden - ich solle entweder die Politik verlassen oder mit Gefängnis rechnen. Ich habe mich bewusst für das Gefängnis entschieden und trug daher immer eine gepackte Tasche mit den notwendigsten Sachen bei mir. Die Haft war ein politisches Druckmittel, um mich zu brechen - besonders durch eine absichtlich entwürdigende Leibesvisitation. Dann die Zelle - als ich hinein kam, schaltete man sofort das Licht aus. Absolute Dunkelheit und Stille. Ein alter Trick, um den Gefangenen zu verunsichern. Ich riss mich zusammen, setzte mich auf meine Tasche und wartete bewegungslos drei Stunden lang, bis das Licht wieder angeschaltet wurde.

Das Fenster in der Zelle war mit einem Metallblatt abgeschirmt und der Raum selbst sehr schmutzig. Als erstes bat ich meinen Rechtsanwalt um Gummihandschuhe und einen Lappen, um alles gründlich zu putzen. Ich war 42 Tage in Untersuchungshaft, in denen es auch schöne Momente gab. Am 8. März, zum Frauentag, kamen Tausende zum Gefängnisgebäude. Sie riefen nach mir und ließen Luftballons mit Blumen aufsteigen - das war das einzige Mal, dass ich im Gefängnis weinte.

In der westlichen Presse spürt man heute so etwas wie wachsende Enttäuschung, wenn es um die Ukraine geht. Hoffnungen, das Land könnte in Richtung Europa gehen, schwinden. Man hört nur noch von Korruption, verletzten Menschenrechten und fehlender Pressefreiheit. Hat die Ukraine ihre europäische Chance vertan?
Was heißt denn europäische Chance? Die Ukraine liegt nicht in Afrika - wir waren und sind Europäer. Wenn man über Europa spricht, ist zumeist ein bestimmtes liberal-kapitalistisches Modell gemeint. Nach 1990 wachte der Ostblock in einer Welt auf, die von sich behauptete, das Ziel der Menschheitsentwicklung bereits erreicht zu haben. Der liberal-demokratische Kapitalismus definierte sich als alternativlos. Die meisten postsowjetischen Staaten haben dies ohne jeden Zweifel akzeptiert und sich "europäischen" Standards anzupassen versucht. Tatsächlich jedoch bewegen sich derzeit die mittelasiatischen Nachfolgestaaten der UdSSR in Richtung archaisch-asiatischer Despotien, und Weißrussland kehrt zum Breschnew-Sozialismus zurück. Es bleiben nur noch Russland und die Ukraine, die dem Westen Alternativen zeigen könnten. Doch Russland ist trotz seines Potenzials schwer reformierbar, wie sich zeigt. Deshalb sehe ich die Ukraine als einziges Land, dessen Zukunft noch nicht entschieden ist - wir haben damit eine historische Chance. Es wäre schlimmer gewesen, wenn sich das Land für den dogmatischen Weg in Richtung Westeuropa entschieden hätte. Jeder weiß, dass bei uns zur Zeit Chaos herrscht. Doch aus diesem Chaos kann etwas sehr Harmonisches entstehen.

Was missfällt Ihnen an den westeuropäischen Standards?
Ich finde es falsch, dass die nationalen Traditionen in der globalisierten Welt zum Aussterben verurteilt sind. Ich finde es falsch zu behaupten, dass die Moral in den Menschen die Entwicklung heutiger Gesellschaften bremst. Mir missfällt eine aggressiv säkularisierte Gesellschaft - den Inzest zwischen politischer Macht und Kapital finde ich fürchterlich. Politik und Geld sind in der modernen Gesellschaft wie siamesische Zwillinge. Das Geld gebärt politische Macht, und die Wahlergebnisse sind nicht mehr von der Persönlichkeit eines Politikers oder von einem Programm abhängig, sondern von seinem Wahlbudget. Oder denken Sie an die Rolle der Medien. Dürfen die Medien ein Business sein? Und wenn ja, warum sind dann die politischen Parteien keine Unternehmen? Warum wird dann nicht auch das Präsidialamt als Aktiengesellschaft oder GmbH geführt? Die Medien brauchen eine Sonderform des Eigentums. Sie sollten ausschließlich Journalisten gehören. Es dürfen ihnen keine Industrie-Gruppierungen ihren Willen diktieren.

Sprechen Sie jetzt über die Ukraine oder über die ganze Welt?
In erster Linie über die Ukraine. Doch wenn wir in unserem Land solche Fragen beantworten könnten, wäre das nicht für alle ein Gewinn? Ich glaube nicht an das "Ende der Geschichte". Ich glaube an eine neue Utopie des 21. Jahrhunderts. Diese Utopie sollte negative Erfahrungen der Utopien des 20. Jahrhunderts berücksichtigen und den einzelnen Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen. Ich bin überzeugt, dass die Ukraine ein ideales Labor für diese soziale Utopie werden könnte.

Das Gespräch führte Dmitri Popov

00:00 20.08.2004

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