Die von drüben, wir von hüben

Jubiläum XVI Leserinnen und Leser zum Jubiläum

Singen und Schustern

Zum 15. Geburtstag des Freitag möchte ich zunächst herzlich gratulieren und meinen Dank für 15 Jahre großartigen Journalismus aussprechen, verbunden mit der Hoffnung und dem Wunsch, dass Sie alle weiterhin die Herausgabe des Freitag betreiben können und betreiben werden.

Was aber soll ich einem Fünfzehnjährigen mit auf den Weg geben? Was überhaupt wäre dem zu antworten, der bittet, man möge ihm doch Hinweise zum Grund seiner Existenz geben, die er beherrscht wie Hans Sachs das parallele Singen und Schustern?

Es fällt mir auf, dass sich gerade die Freitag-Redaktion Gedanken über eine selbst gestellte Aufgabe macht, die andernorts nicht einmal als ernsthafte Frage erscheint, geschweige denn als selbstkritisch gemeinte Bitte um konstruktive Leserkritik. Offenbar scheinen die Herausgeber und Redakteure der einzigen deutschen Zeitung, die institutionell - und nicht nur mit Beilagen und redaktionellen Ablegern oder Alibi-Filialen - die 15 Jahre alte Wiederverbindung zweier deutscher Staaten vollzogen hat, in ihrer täglichen Arbeit auf jenem ostwestlichen Diwan am ehesten in der Lage, die ausgesessenen Polster und zerschlissenen Bezüge wahrzunehmen.

Der Scharfblick der Analysen, die Wahrhaftigkeit des Standpunktes und die Ernsthaftigkeit der Darstellungen heben sich in diesem Kontext im Freitag geradezu balsamisch ab vom Lärm der unzähligen "Erfahrungsfunktionäre" (Hans Blumenberg) und von jenem "Zwang zur Versachlichung" (Christa Wolf), der uns allenthalben mit seiner Vereinnahmungsattitüde zu überrollen sucht. Für Kontinuität in dieser Hinsicht wünsche ich der Freitag-Redaktion besten Erfolg. Da eine Wochenzeitung von diesem Format - und hier meine ich Niveau, Themenwahl und Umfang - im unaufhörlichen Gequassel der Kolporteure mit jeder Ausgabe notwendiger wird, wünsche ich mir besonders, dass der Freitag bekannter wird - damit das wöchentliche Nachdenken und Schreiben für West und Ost bei noch viel mehr Menschen das unbeteiligte Schreiben über West und Ost ersetzt.

Stephan Krause, Budapest


Ost-West ist überholt

Zunächst: Da ich Studentin bin, vermisse ich zur Zeit im Freitag Artikel und Berichterstattungen über Studiengebühren - ein Thema, das ja gerade in letzter Zeit an Brisanz gewonnen hat.

Ansonsten gefällt mir der Freitag sehr gut, da er Denkanstöße liefert und teilweise ein Basiswissen vermittelt. Auch in der Berichterstattung über andere Länder werden die jeweiligen politischen Zusammenhänge gut dargestellt. Jedoch gefällt mir diese ewige Diskussion und Unterscheidung zwischen Ost und West nicht. Ich bin selber in der DDR aufgewachsen, lebe aber nun im "Westen". Durch diese Tatsache konnte und kann ich verschiedene Eindrücke sammeln. Ein einfaches Schwarz-Weiß-Denken ist mir daher nicht mehr so gut möglich ... will ich auch nicht mehr.

Durch viele Debatten ist mir klar geworden, dass es durchaus Unterschiede zwischen Ost und West gibt, die aber nicht unbedingt immer negativ zu werten sind. Man sollte vielleicht den anderen einfach so nehmen, wie er ist, sich aufeinander zu bewegen und voneinander lernen. Schließlich kann sich keiner aussuchen, wo und in welchen Verhältnissen er geboren wird. Ständiges Lamentieren macht die Situation nicht besser. Allerdings erscheint es gegenwärtig von großer Bedeutung, sich die Historie "DDR" und die Struktur eines sozialistischen Gesellschaftsbildes zu verdeutlichen und dem Zerfallprozesses des Sozialstaates "West" gegenüberzustellen. Ich hoffe, das einige Punkte meiner Kritik in einem neu gestalteten Freitag Aufnahme finden.

Ariane Hübner, Hannover


Zeitgemäßer denn je

Als ich vor ungefähr zwei Jahren anfing, den Freitag zunächst unregelmäßig zu lesen, war ich bald dankbar, dass es Euch gibt. Zuvor war mir keine solch differenzierte linke Zeitung bekannt. Allerdings habe ich den Freitag nie als Zeitung zwischen Ost und West in Deutschland gesehen, sondern immer als ein gesamtdeutsches Blatt, geprägt durch Ost und West. Das Ost-West-Label ist dennoch aktueller und zeitgemäßer denn je. In Anbetracht der politischen Realitäten und des mehrheitlich politischen Willens in diesem Land wird eine Ost-West-Zeitung noch lange unentbehrlich sein. Abgesehen davon, dass der Meinungs- und Kulturaustausch zwischen Ost- und Westeuropa wegen der an Bedeutung verlierenden Grenzen an Bedeutung gewinnt, so dass es dafür auch ein geeignetes Podium geben muss. Einem solchen Anspruch kann der Freitag wohl allein nur schwer gerecht werden, da ihm schließlich gewisse Grenzen gesetzt sind.

Als relativ jungem Leser ist es für mich auch wichtig, unterschiedliche Sichten auf die Zeit vor, um und nach 1989/90 zu erfahren. Im Gegensatz zum medialen Einheitsbrei habe ich zumindest beim Lesen Eurer Zeitung den Eindruck, der "Wahrheit" - sollte es sie denn geben - ein Stück näher zu kommen. Möglich wäre vielleicht eine noch stärkere Hinwendung zu unterschiedlichen Biographien in Ost und West, um viele Motivationen oder Handlungsweisen von Menschen nachvollziehbarer zu machen.

Lars Winkler, Berlin


Wer beißt wen?

Der Freitag als Ost-West-Zeitung sollte vor allem eines tun: nicht nur die Meldung bringen "Hund beißt Briefträger", sondern auch das Gegenteil: "Briefträger beißt Hund" - selbst wenn Letzteres vielleicht seltener vorkommen soll. Denn nur in der Balance von Gegensätzen könnte sich eine neue Kultur des Journals entwickeln, die man heutzutage in der Mainstream-Presse zu schmerzlich vermisst.

Rudolf Steinmetz, München


Brücken und Brüche

Gewiss, Sie haben das Ost-West-Thema nie vernachlässigt, aber Sie haben es nach meinem Eindruck auch nie übertrieben oder strapaziert, jedenfalls haben Sie es nicht als Dogma betrachtet, aus dem sich die Identität Ihrer Zeitung herleiten müsse. Der Freitag wäre sonst in einer Nische gelandet, an einem solch fatalen Rückzug hindert Sie Ihr wirklich ergiebiges Themenspektrum.

Ich erinnere mich allerdings, dass Sie in der Korrespondenz mit den Transformationen in Osteuropa schon weiter waren, es gab eine Serie über die Privatisierungsmodelle von Russland bis Bulgarien, sehr viel an Landesbefunden in der Periode vor der EU-Osterweiterung 2003/04, seither jedoch scheint mir manches abgerissen oder reduziert auf die Themensetzungen des Westens: Billigarbeiter, Agrarmarkt, EU-Außengrenze. Ich wünsche mir, dass mehr Lebensbilder aus dem Osten vermittelt werden, die Weltbilder prägen, Feindbilder andeuten. Fühlt sich der Osten Europas in seiner zuweilen fast so reflexhaften wie leidenschaftlichen Unterwürfigkeit gegenüber dem Westen nicht genügend honoriert, wenn man sich beispielsweise die jüngste Entwicklung in Polen vor Augen hält?

Es gibt nicht nur Kulturbrücken, sondern auch Kulturbrüche zwischen West und Ost. Das sollte mehr Ihr Thema sein.

Frieder Drefahl, Braunschweig


Vergebene Chancen

Die Einteilung in Ostler und Westler sollte wieder und wieder als Ausdruck einer Sichtweise gedeutet werden, die die Teilung in Herrscher und Beherrschte verdeckt - und häufig genau das bezweckt. Des weiteren sollte der Freitag die vergebenen Chancen der DDR aufzeigen: ihre Vernachlässigung ästhetischer Gestaltung, kontroverser Debatte in der breiten Öffentlichkeit; ihr Streben nach sinnlosem wirtschaftlichen Wachstum; ihre Verschuldungspolitik um des inneren Friedens willen. Und der Freitag sollte die Ansätze nennen, die Erfolg versprachen, aber stecken blieben. Der Freitag wird immer besser.

Thomas Immanuel Steinberg, Hamburg


Gesuchte Unterschiede

Für mich, der ich seit einem Jahr in Jena wohne (und vorher immer nur im Westen gelebt habe), stellt sich oft die Frage, was ich hier anders empfinde und wieso. Empfinde ich es anders, weil manches hier anders aussieht - oder weil ich das so erwarte. Oder gibt es doch den ein oder anderen Unterschied, was bei 40 Jahren verschiedener Sozialisation nicht verwunderlich wäre. Der Unterschied muss sich auch nicht unbedingt in Schuhen oder Oberhemden darstellen, sondern kann sich auch im Verhalten äußern, im Denken ebenso. Würde mich freuen, wenn es etwas zu dieser Thematik gäbe. Vielleicht, weshalb Unterschiede gesucht werden. Warum sich dann jemand mit dem Westen identifiziert, der doch eigentlich mit dessen Repräsentanten nichts am Hut hat. Also nicht, was die Unterschiede sind, sondern inwieweit die Frage nach dem Unterschied mit Sinn gefüllt werden kann und inwieweit eben nicht.

Dann fällt mir noch etwas ein, zur alten Debatte um den "Dritten Weg", Christa Wolf wies jüngst in der Zeit diesen Gedanken als zum Scheitern verurteilt zurück. Klaus-Peter Hertsch (emeritierter Professor in Jena) schrieb in seinen Erinnerungen, dass 1989 der Aufbruch in der DDR nicht genug von der Frage, wohin es gehen soll begleitet wurde, sondern zuviel von dem Willen, dass es so nicht mehr ginge.

Ich fände es auch interessant, würde der Freitag sowohl die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Deutschland nach 1990 aufzeigen als auch die Sorgen vieler Menschen beschreiben, die unter Deutschland Unsägliches erlitten haben und der Wiedervereinigung skeptisch gegenüberstanden. (Das schließt auch die Sorgen der Franzosen ein.). Der Freitag könnte berichten, wie sehen die Betroffenen die Entwicklung nach 15 Jahren?

Asareel Kriener, Jena


Jeden Freitag

Ich habe Ihre Zeitung leider erst seit zwei Jahren im Blick, seit der Zeit jedoch freue ich mich jeden Freitag auf Ihre zeitgemäßen Betrachtungen, Geschichten, und Analysen, die oft in der täglichen Presse nicht so konzentriert zu finden sind. Ich leite viele Ihrer Artikel an Freunde weiter, die ebenfalls wahrhaftige Analysen ersehnen.

Von Kanada aus haben wir Deutschland nie als Ost und West gesehen, sondern immer als eine politische und kulturelle Einheit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Zeitschrift weiteren Erfolg und werde weiter jeden Freitag auf Ihre neuen Einsichten warten.

Horst Rath, Chilliwack/Kanada


Täter und Opfer

Sie haben gar nicht gemerkt, dass erst der Anschluss der DDR an die BRD die DDR-Leute begreifen ließ, was sie zu verlieren hatten. Erst als es die DDR nicht mehr gab, wurden sie zu DDR-Bürgern. Sie konzentrieren sich als Ost-West-Blatt zu sehr darauf, die Ostler als Opfer darzustellen, aber die wollten Täter in eigener Sache sein. Und das ist ihnen geglückt. "Unglückliches Bewusstsein" nannte das Christoph Hein in Ihrer Zeitung.

Astrid Schwenke, Naumburg


Zuweilen intuitiv

Zunächst das Vorrangige: Der Freitag war für mich von Anfang an die wichtigste Zeitung dieses Landes. Ich werde sie selbstverständlich - wie seit vielen Jahren - lesen und unterstützen, nur - und jetzt kommt das Nachrangige - wünsche ich mir, dass Sie es mir etwas leichter machen.

Denn: Es macht Mühe, den Freitag zu lesen. Das kann auch nicht anders sein, denn (meist) anspruchsvolle Artikel erfordern den intellektuellen Einsatz des Lesers; und die darin behandelten Gegenstände sind oft unerfreulich - wie die Welt eben so ist. Seit Jahren wird allerdings die Anstrengung, die für mich das Lesen des Freitag bedeutet, unnötig vergrößert durch wiederholtes Stolpern über mehr oder weniger elementare Zeichensetzungsfehler. Zigmal habe ich es mir vorgenommen, und nun kann ich es nicht mehr zurückhalten. Der hohe intellektuelle Anspruch des Blattes wird immer wieder partiell garniert durch eine - heute leider weitgehend übliche - "intuitive Zeichensetzung". Wobei der Plural hier kaum angebracht ist, es geht in der Regel nur um das Komma: Semikolon, Gedankenstrich, Doppelpunkt, Anführungszeichen, Klammer und Bindestrich spielen - hier ist der Freitag teils Kind seiner Zeit - eine leider kleiner werdende Rolle.

Sicher ist Ihnen längst der Verdacht gekommen, dass hier nur einer dieser halbgebildeten und ewig nörgelnden Oberstudienräte am Werk sein kann. Ich muss tatsächlich zugeben, dass dieser Verdacht völlig ins Schwarze trifft. Zu meiner Verteidigung kann ich lediglich vorbringen, dass ich nicht Germanist bin, sondern Lehrer für Elektrotechnik und Physik (und natürlich auch nicht ..,- fehlerfrei). Ich hoffe, dass mich das in Ihren Augen einigermaßen rehabilitiert!

Ekkehard Fangohr


Der Einheit nicht müde

Sie machen das prima. Sie entsprechen noch am ehesten dem, was ich seit frühester Kindheit mit "gesellschaftskritisch" und "links" und "selber denken erlaubt" verbinde. Und das liegt am "östlichen Touch" :-) . Werden Sie bloß nicht anders!

Allerdings wünsche ich mir eine deutliche Abkehr vom wahlweise "Wir-werden-nie-ein-Volk" oder "Die-Wessis-wollen-die-Ossis-nicht"-Mantra. Das habe ich - als Wessi - nämlich so was von satt. Weil es nicht stimmt, es gibt auch andere! Es gibt - jede Wette - auch noch mehr Menschen wie mich, die sich immer noch über "die Einheit" freuen, die "Ossis" nicht verklären und sich trotzdem immer noch über die Arroganz und Ignoranz des Westens ärgern (können). Ich möchte nicht, dass der Freitag auf dieser medial erzeugten Welle mitschwimmt. "Der Einheit müde" - ich kann´s nicht mehr lesen. Ich bin der Einheit nicht müde und ich kenne keine/n, die/der es ist. Obwohl ich zugegebenermaßen ab und zu - intelligenten! gebildeten! - Menschen begegne, die haarsträubend Klischeehaftes zu "Ossis" von sich geben - und dann irgendwann zugeben müssen, dass sie noch nie in Ostdeutschland waren.

Ich lese gerade Maxi Wanders Guten Morgen, du Schöne, und dabei fiel mir auf und ein: Die allmähliche Aufarbeitung der 40 Jahre DDR aus Sicht derjenigen, die sie an Leib und Seele erlebt haben, würde mich sehr interessieren, und zwar in erweitertem Sinne, aus persönlicher Perspektive, unter Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses, nicht reduziert auf SED und Stasi - vielleicht ist die Zeit dafür noch nicht reif, aber es würde mich sehr freuen, wenn der Freitag seine Fühler diesbezüglich immer ausgestreckt behielte ...

Claudia Ranft, Hamburg

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00:00 11.11.2005

Ausgabe 23/2021

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