Die Welt hinterm Bahndamm

Rückstoss In "Das Spionagespiel" erzählt Michael Frayn über die Angstlust einer Kindheit im Weltkriegs-England

Es ist dieser süßliche Geruch, der zu Beginn des Sommers aus den Gärten streicht und der alles in Gang setzt: die Erinnerung, den Roman, die Reise zurück in jenes kleine Wohnviertel am Rande Londons, in dem der Ich-Erzähler seine Kindheit verbrachte, eine Kindheit im Krieg. Längst ist der Erzähler ein alter Mann, er hat das Land gewechselt und die Sprache, aber noch einmal will er sich auf die Suche machen nach dem, was er abgekapselt (abgespalten, würde die Psychoanalyse sagen) mit sich herumträgt: eine monströse, banale, grauenvolle Begebenheit, die von einer Sommerstimmung, einer Intensität der Luft, vom blühenden Liguster wieder hochgeholt wird.

Michael Frayn ist in Deutschland vor allem als Dramatiker bekannt, als Autor farcenhaft lustiger (Der nackte Wahnsinn) und bisweilen auch sehr papierener Stücke (Kopenhagen) - zuletzt hat er Willy Brandt und Günter Guillaume zu einem Drama zweifelhaften politischen Formats zusammengeschraubt (Demokratie). Frayn war lange Journalist beim Guardian und beim Observer, vielleicht kommt daher dieser Drang zur Aufklärung und zur besessenen Detailarbeit.

Als Prosa-Autor ist er wesentlich freier und phantasiebegabter, wenngleich auch hier vieles überkonstruiert und überinstrumentiert erscheint. Frayn taucht ein in die sich langsam der Pubertät nähernde Kinderwelt des Stephen Wheatley, der mit seinem Freund Keith einen seltsamen Geheimbund schließt. Es ist Krieg, es herrschen Furcht und Mangelwirtschaft, aber englische Bomber fliegen bereits Einsätze gegen das im Rückzug befindliche Nazi-Deutschland - und diese Stimmung dumpfer Bedrohlichkeit liegt auch über den Kinderspielen, die durch eine Eröffnung des Nachbarjungen Keith eine wahnwitzige Richtung bekommen: "Meine Mutter ist eine deutsche Spionin".

Das ist sie natürlich nicht, das wäre zu einfach, aber die Wahrnehmung der Kinder erhält durch diese Vorgabe ein Raster, in dem nun fast alles als Geheimnis und Verrat erscheint. Ein weites Projektionsfeld tut sich auf, wenn man als Halbwüchsiger beginnt, die schöne und begehrenswerte Mutter eines Spielkameraden auszuspähen: sind nicht die im vierwöchigen Abstand, mit den Mondphasen koinzidierenden Kreuzchen im Kalender der Mutter die Markierung klandestiner Treffen? Die Jungen kommen nicht darauf, dass die Kreuze nur den Beginn der Menstruation bezeichnen. Warum muss die Mutter ständig Briefe zum Briefkasten tragen? Was tut sie, wenn sie für ihre gegenüber wohnende Schwester, Tante Dee, zum Einkaufen geht? Wenn die Jungen die Mutter verfolgen, ist die plötzlich verschwunden und taucht erst viel später wieder auf.

Keith´s Mutter hat tatsächlich etwas zu verbergen, aber es ist ein Geheimnis, das man mit Kindern nicht teilen kann und das man überhaupt mit niemandem besprechen möchte. Michael Frayn schildert dieses schläfrig-idyllische, durch den Krieg irgendwie kaltgestellte und von einer ungewissen Erwartung erfüllte englische Kleinbürgerleben während des Zweiten Weltkriegs in einem ständigen Zeit- und Perspektivenwechsel: da ist der alte Mann von 2002, der nach London fliegt und, innerlich erregt von Scham und auch einem diffusen Heimweh, durch die längst umgebaute und modernisierte Siedlung streunt, in der jetzt ganz andere Menschen wohnen. Und es spricht zweitens, mit sanften Überblendungen, das Kind von damals, dem der alte Mann sich anverwandelt.

Stephen und Keith haben ein Versteck auf einem zugewachsenen Ruinen-Grundstück; das darauf stehende Haus war von einer verirrten deutschen Brandbombe zerstört worden. Dort sitzen sie, unter dem Liguster, und beobachten. Die Schilderungen der Siedlung, der Nachbarschaft, der Eltern und der Schulkinder, die Frayn über viele Seiten mit ungeheurer Präzision ausführt, haben leider auch etwas Buchhalterisches und damit Ermüdendes. Nun gut, der Autor will viele Spuren legen, die in die Irre führen und doch ein Ganzes bilden, die das Wahnsystem kindlich-militärischer Abschirm- und Aufklärungsarbeit zeigen; andererseits will er die Bewohner der Siedlung minutiös vorstellen, Keith´ leicht sadistischen Vater, der im ersten Weltkrieg mit seinem Bajonett angeblich fünf Deutsche erstochen hat und jetzt seine Familie zwanghaft beherrscht, freilich nach außen hin auf feine englische Art; Keith´ schöne, freundliche, immer gelassene Mutter, bei der das Nachbarkind Stephen erstmals die erotische Wirkung reifer Frauen spürt; deren Schwester, die aufgesetzt fröhliche Tante Dee mit ihrer kleinen Tochter und dem stets abwesenden Ehemann, Uncle Peter, einem Bomberpiloten der Royal Airforce, der im Auftrag des Vaterlandes deutsche Städte einebnet und als strahlender Held im Bilderrahmen im Wohnzimmer steht; und Stephen´s angepasste, unauffällige, auch in der Darstellung ein wenig grau bleibende Eltern und der ältere Bruder, von denen man beiläufig erfährt, dass sie früher in Deutschland wohnten.

Merkwürdigerweise stattet Frayn dieses englische Weltkriegs-Dasein vor allem mit Blumensorten und Sträuchern aus, die in den diversen Vorgärten der Einfamilienhäuser blühen und mit ihrem Odeur für Andacht sorgen sollen. Die simple Gleichung des Autors, der sich beim Schreiben mit einem Botanik-Lehrbuch bewaffnet haben muss: pro Pflanze setzen wir im Roman eine Erinnerung, eine Begebenheit, ein diffuses Gefühl, einen Rückstoß ins Präteritum. Das wirkt ein wenig kalkuliert und in der Häufung auch übertrieben. Andererseits gelingen Frayn, jenseits der oft belanglosen kumulativen Alltags-Schilderung, wunderbare Szenen - wenn Stephen mit der Nachbarstochter Barbara die erste Zigarette raucht oder wenn er in der dunklen Unterführung unter dem Bahndamm mit Keith´s Mutter zusammenstößt.

Jenseits des Bahndamms beginnt eine andere, eine verwilderte Welt, eine Welt des Unkrauts, der Schotterwege, der heruntergekommenen Cottages und ihrer zerlumpten Bewohner mit ihren kläffenden Hunden. Dort, noch weiter hinten, zum Wald hin, entdecken die Jungen unter einer alten Wellblechplatte ein kellerartiges Versteck, und natürlich gibt es auch hier wieder einen botanischen Code: den Holunder. Der Mensch, der sich hier verborgen hält, bleibt bis zum Schluss nur schemenhaft erkennbar, und ebenso unklar bleibt lange Zeit das Motiv, aus dem er sich von der Welt zurückgezogen hat. Es wäre unfair, dies hier zu verraten - nur soviel: in seiner Figur wie in der Figur des Erzählers und der Mutter verschränken sich deutsche, englische und auch jüdische Geschichte, und im Verwobensein dieser Personen wird auf einmal nicht nur eine individuelle, familiäre und erotische, sondern, wenn man das so groß sagen darf, auch eine historische Tragik sichtbar.

Michael Frayn erzählt uns das mit dem Blick des alten, ein wenig resignierten Mannes, aber auch mit dem naiven und angstvollen Kinderblick aus den Kriegsjahren. Leider hat der Autor ständig seine Botanisiertrommel dabei; und leider gehen auch viele Wortspiele im Deutschen verloren. Das liegt nicht an der vorzüglichen Übertragung von Matthias Fienbork, sondern an der Unmöglichkeit, sie zu übersetzen: ständig hat Stephen Angst vor Bakterien, vor den "germs", was im Englischen fast identisch ist mit den "germans". "Privet" (Liguster), private (privat) und das beim Versteck stinkende, immer wieder umgegrabene Abort (privy) haben von Autor beabsichtigte, nicht übertragbare Assonanzen und überlappende Bedeutungsfelder. Manchmal gelingt dem Übersetzer aber das Unmögliche, etwa wenn in einem Haus der Siedlung die "Juhn" einziehen, ein kindlicher Ausdruck für Juden, die sich dann freilich als orthodoxe Griechen herausstellen.

Michael Frayn braucht einen langen Anlauf, aber er bietet dann ein großes, ein trauriges und ein bisschen sprachlos machendes Finale. Die Vorzüge seiner Erzählkunst liegen vor allem in seiner Technik: das Buch ist in der Symbolsprache, in den Metaphern absolut durchkomponiert - während altenglische Tugenden wie die detailüberladene Schilderung sich eher nachteilig bemerkbar machen. Aber wir sollten uns an die Szenen halten, die im Gedächtnis bleiben: an die halbwüchsigen Jungen, die etwas entdecken, was nicht für sie bestimmt ist, und die in einer Stimmung zwischen Angst und Sadismus auf ein Wellblechdach einschlagen; an die Bedrohlichkeit eines Bajonetts, das Keith´ Vater immer noch an der Seite trägt, wenn er zur "Home Guard" geht, und an die Enge unterm Liguster, wo eine erwachsene Frau sich einem Kind anvertraut; auch an den zugewachsenen, in der Feuchtigkeit vermodernden Mann in seinem Versteck und an die Unterführung unter dem Bahndamm, die voller Pfützen ist. Und oben fahren die Züge. Immer fahren die Züge.

Michael Frayn: Das Spionagespiel. Deutsch von Matthias Fienbork. Hanser, München 2003, 222 S., 19,80 EUR


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00:00 04.03.2005

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