Die Welt ist nicht perfekt

David X. Li David X. Li hat 2000 die mathematische Formel für das Spekulieren mit Derivaten erfunden. Zu spät fand man den Fehler darin: dann kollabierte die Weltwirtschaft

David X. Li steht für Interviews nicht zur Verfügung. Im Netz kursieren nur vage biografische Daten. Wahrscheinlich wurde er 1962 mit dem Namen Xiang Lin Li als Sohn eines kleinen Polizeibeamten in einem Dorf in Südchina geboren. Aufgrund außerordentlicher mathematischer Begabungen konnte er an der Nankai-Universität in Tianjin studieren und erhielt 1987 ein Auslandsstipendium. Er ging an Laval-Universität in Quebec und änderte in Kanada seinen Namen: David X. Li. Nach einer Promotion über mathematische Statistik an der Waterloo Universität arbeitete er ab 1997 für verschiedene Investmentbanken in Kanada und den USA. Kurz vor Ausbruch der Weltfinanzkrise zog er wieder nach China und arbeitet, soweit bekannt ist, gegenwärtig als Leiter der Abteilung für Risikobewertung bei der China International Capital Corporation in Peking.

David X. Li die Alleinschuld für den Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu geben, wäre so unfair, wie Karl Marx für den Untergang des Sowjetkommunismus verantwortlich zu machen. Tatsächlich hatte Li als einer der ersten schon 2005 vor einer allzu naiven Anwendung seiner eigenen Theorie gewarnt. Seine Kollegen betrachteten die Formel als Bauplan für ein Art Perpetuum mobile zur risikofreien Geldvermehrung durch bloßes Umschichten und Neuverteilen von Schuldverschreibungen.

Aber schon damals trat die erste ernste Ano­malie auf: Im Mai 2005 hatten die Finanzprüfer von Standard Poor die Kreditwürdigkeit von Anleihen der Konzerne General Motors und Ford herabgestuft, was zu einer Verteuerung der entsprechenden Kreditversicherungs-Policen führte, während die Aktienkurse überraschenderweise, vielleicht auch wegen eines plötzlichen Kaufinteresses des Mil­liar­därs Kirk Kerkorian, sogar stiegen.

Der verlorene Gleichklang der beiden Bewertungen führte dazu, dass die daraus abgeleiteten „synthetischen“ Finanzprodukte aus dem Takt gerieten und plötzlich einige Spekulanten trotz peinlicher Beachtung der Formel von Li, die eigentlich alle Risiken hätte absichern sollen, erhebliche Verluste einfuhren. Der „GLG Credit Fund“ büßte damals einmalig 14,5 Prozent ein.

Die allgemeine Meinung unter Finanzanalysten war damals, es habe sich um eine Ausnahme gehandelt. Und auch die Selbstkritik von Li, wie sie im Herbst 2005 in einem Artikel des Wall Street Journal zitiert wird, war eher moderat. An der damaligen Grundüberzeugung, dass im Prinzip dank der Li-Formel die größte Kapitalfreisetzung seit der indus­triellen Revolution stattgefunden habe und man dank dieser Marktkraft erstmals in der Geschichte einem dauerhaften Wirtschaftswachstum entgegenblicke, wurde nicht gezweifelt – nur dass die Formel noch nicht hinreichend verstanden sei. Zitat Li: „Das Modell ist noch nicht perfekt. Aber bisher gibt es kein besseres.“

Tatsächlich sprach fast alles für die Li-Formel, denn sie suggerierte, ökonomische Risiken mathematisch völlig kontrollieren zu können – aus Risiken ein neues Handelsgut zu machen, dessen Wert sich aus anderen Marktfaktoren berechnen ließ, fatalerweise ohne dafür in die Realität schauen zu müssen. Unsicherheiten behindern den freien Markt, aber Risiken, deren Größe man meint genau berechnen zu können, beleben ihn, egal wie hoch die Risiken sind. Es ist wie beim Glücksspiel: Dass man beim Lotto nur mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu 130 Millionen den Jackpot gewinnt, halten viele für akzeptabel, wenn die Gewinnaussicht entsprechend hoch ist, und machen so die Lottogesellschaften zu profitablen Unternehmungen. Ganz ähnlich erlaubt die Li-Formel, das sehr hohe Ausfallrisiko von geringverdienenden Kreditnehmern trotzdem in ein lukratives Finanzprodukt zu verwandeln.

Im April 2000 veröffentlichte Li, damals Mitarbeiter der Investmentbank JP Morgan, seine Formel. Ende 2001 gab es schon „Credit Default Swaps“ mit einer Versicherungssumme von insgesamt 920 Milliarden US-Dollar – also die Kreditausfall-Versicherungspolicen, die es dank der Li-Formel möglich machten, das Risiko von jeder beliebigen Art von wirtschaftlicher Aktivität abzutrennen, um damit separat Handel zu treiben. Bis Ende 2007 hatte sich dieser Wert auf astronomische 62.000 Milliarden Dollar gesteigert – ungefähr das Fünffache der jährlichen Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten.

Aber hier liegt der Fehler: Um einschätzen zu können, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Gläubiger nicht mehr zahlt, führt eigentlich kein Weg daran vorbei, sich die konkreten Umstände anschauen zu müssen: Welchen Beruf hat der Kreditnehmer? Was verdient er? Und so weiter. Die Li-Formel suggeriert, diese konkreten Bewertungen durch ein statistischen Verfahren aus längst bekannten Marktgrößen ableiten zu können. Im Bild: Um zu entscheiden, dass man beim Würfelspiel mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Sechstel eine „Eins“ würfelt, braucht man ja auch nicht unbedingt den Würfel genau anzuschauen: Wieviele Seiten hat er? Sechs. Sind alle gleich groß? Ja. – Man kann sich einfach die letzten 60 Würfe anschauen und wenn darunter zehn Mal die Eins war, lässt sich sofort auf die Wahrscheinlichkeit des nächsten Wurfs schließen. Und tatsächlich: Bei einem physikalischen Objekt wie einem Würfel ist dies eine verlässliche Methode.

Nur in der Ökonomie funktioniert das nicht. Marktteilnehmer handeln nicht starr sondern selbstreferenziell: Ich weiß, dass Du weißt, dass ich weiß ... Das eigene Handeln verändert den Markt und der Markt verändert das eigene Handeln und mit ihm die Wahrscheinlichkeiten von Kreditrisiken. Es gibt keine Methode, in keinem noch so abstrakten „synthetischen“ Finanzderivat, mit der sich risikofrei Geld vermehren ließe – es kann sie gar nicht geben. Oder, wie schon der Physiker Heinrich Hertz im 19. Jahrhundert sagte: „Gebt mir die geringste Abweichung von der Erhaltung der Kraft, in der entlegensten Naturkraft, in der unausführbarsten Gedankenmaschine, und ich werde Euch für nichts Kräfte liefern, so gewaltige und so viele, als sich Eure Phantasie nur ausmalen kann.“

Manche Analysten sehen die eigentliche Ursache der aktuellen Wirtschaftskrise schon 1993. Damals hatte der amerikanische Kongress aus Sparsamkeitsgründen den Bau des Superconducting Supercolliders gestoppt, eines Teilchenbeschleunigers, noch gewaltiger und größer als der gerade in Genf gebaute. Heerscharen von überqualifizierten Physikern mussten sich damals nach neuen Jobs umsehen und landeten größtenteils an der Wall Street, wo man seither die nüchternen Kaufmannstugenden vernachlässigt und stattdessen lieber mystische Zahlenspiele betreibt – angetrieben vom Wunschtraum aller Physiker, die geheime Weltformel der Wohlstandsvermehrung zu finden.

Den fatalen wissenschaftlichen Aufsatz von Li mit dem Titel On Default Correlation: A Copular Function Approach (April 2000) kann man im Internet nachlesen:

defaultrisk.com/pp_corr_05.htm

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steinmain | Community