Die wiedergefundene Schwester

Verwandlung Silke Scheuermanns subtiler Roman "Die Stunde zwischen Hund und Wolf"

Wer nur den Titel des Romans von Silke Scheuermann liest, denkt wahrscheinlich an einen klassischen Horrorstoff. Die schummrige Szene im Mitternachtsblau auf dem Buchumschlag, in der eine Frau einsam eine Brücke überquert, verstärkt den Eindruck. Im Geiste sieht man schon Nachbars Pudel im Mondlicht die Reißzähne blecken. Andererseits weiß man, dass die Frankfurter Autorin nicht unbedingt zur ersten Garde der Fantasy-Schocker gehört. Sondern eher zu den Feinen, Stillen und Leisen im Lande: 2001 wurde Scheuermann der renommierte Leonce-und-Lena-Lyrik-Preis zuerkannt, Ausgangspunkt manch anspruchsvoller Literaturkarriere. Was hat sich diese filigrane Wortarbeiterin dabei gedacht, ihren ersten Roman mit einem so assoziationsmächtigen Titel zu schmücken?

Auch in der Geschichte selbst richtet die 1973 in Karlsruhe geborene Autorin nicht gerade die Kulissen der Gothic Novel auf, sondern die Fassade eines brüchigen Ichs. "Ich bin nichts, nichts als ein heller Umriss ... die x-fache Spiegelung eines vor Jahren beendeten Lebens". In diesem schwebenden Ton wird der Lesende schon im ersten Satz auf Identitätsprobleme der subtilen Art eingestimmt. In einem Schwimmbad in Frankfurt trifft die namenlose Ich-Erzählerin, die lange als Reporterin in Rom gelebt hat, auf ihre Schwester Ines, eine bekannte Malerin. Das zufällige Treffen weitet sich zu einer Kette unglücklicher Begegnungen aus, die das Leben aller Beteiligten unmerklich aber nachhaltig verändert.

Die Liebe der Dreißigjährigen. So oder ähnlich lauteten die begeisterten Kommentare als Scheermann 2004 ihren Erzählband Reiche Mädchen vorlegte. In solchen Einschätzungen verschaffte sich der spätestens seit Judith Hermann üblich gewordene Kurzschluss Bahn, Autoren zuvörderst als Transporteure eines "Lebensgefühls" und Literatur als Ersatzsoziologie miss zu verstehen. In der Tat weisen Szenerie und Personal, die Scheuermann in diesen sechs Erzählungen auffächert, alle Malaisen der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur auf: den Morbus Ich, die Mediensucht, die Geschichtsignoranz. Die Protagonisten dieser Variationen der Liebe kommen kaum über die Frankfurter Heimat der Autorin hinaus. Und der geistige Horizont reicht selten weiter als bis zum bauchfreien T-Shirt mit Erdbeermuster, in dem ahnungslose junge Mädchen unvorsichtigerweise durch das Rotlichtmilieu am Main streifen. Trotzdem wurden diese seltsam illusionslosen Liebesgeschichten von einer raffinierten Psychologie getragen, die man ohne eine gewisse Erfahrungstiefe auch nicht so aus dem Ärmel schüttelt.

Man könnte Scheuermanns neue Buch als Fortsetzung dieser Erzählungen lesen. Zumal die Ich-Erzählerin sich vor dem Alter fürchtet: "Seit ich dreißig geworden war", bemerkt sie eines Tages hysterisch vor dem Spiegel, "bildete ich mir ein, von Tag zu Tag sichtbar zu welken". Die Thirty-Somethings entdecken also den Ernst des Lebens. Dazu gehört auch die schockierende Erkenntnis, dass die bewunderte große Schwester, Vaters Liebling, in deren Schatten die Ich-Erzählerin lange stand, eine Säuferin ist. Die selbst in einer Bar nicht davor zurückschreckt, ihren "hübschen kleinen Flachmann" zu zücken.

Scheuermanns Ton ist in ihrem neuen Werk deutlich reifer geworden. Staat Episoden liest man nun eine ungewöhnlich komplexe und vielschichtige Geschichte. Kein Zweifel: In ihrem ersten längeren Prosatext ist ihr das subtile Porträt einer komplizierten Geschwisterbeziehung geglückt. Und in der Tristesse der vertrackten Beziehungen um dieses Verhältnis herum: Ines und ihr genervter Freund Kai, Kai und die irrtierte Ich-ErzähIerin, die Ich-ErzähIerin und ihr Redaktionskollege Richard, scheint etwas von der erkalteten Routine unserer Tage auf. Ines kleiner Schwester kommt es so vor, "als bildeten wir ein System ... rotierender Planeten, jeder einzelne auf seine Art mit den Verhältnissen der eigenen Welt befasst und in völlig getrennten Umlaufbahnen".

Scheuermann entwickelt ein bewundernswertes Gespür für die psychologischen Zwischentöne, in denen sich all das vollzieht. Doch wo bleibt die Bestie? Mit dem klassischen (Wer-)wolf hat die Künstlerin, die sich im Suff plötzlich "in etwas Fremdes" verwandelt nicht mehr viel zu tun. Kein Wunder: Im Film mag dieses Zwitterwesen noch ein lohnendes Sujet abgeben. Oder im Gothic Punk des Internet. Doch seit den mythenverliebten Nazi-Zeiten ist dieses uralte Fabelwesen zumindest in Deutschland einigermaßen diskreditiert. Selbst in Hermann Hesses Steppenwolf, Michael Wildenhains Gedichten Die Zeit als Wolf oder Ludwig Harigs Nachkriegsroman Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf taugt es höchstens noch als Metapher.

Scheuermann ruft diese Metapher aber nicht auf als Symbol für die Wildheit des Phantastischen oder für den sozialen Ausschluss wie ihn Franz Kafkas Handlungsreisender Gregor Samsa erfährt, als er eines Morgens als Käfer aufwacht. Die Stunde zwischen Hund und Wolf meint zwar den Kippmoment der Verwandlung, den "Alptraum eines Lebens, in dem die tierischen Eigenschaften eines Menschen plötzlich ... zu dominieren beginnen". Doch wenn Ines betrunken in der Küche liegt, kommt der Horror gleichsam von innen. Die Aggression richtet sich gegen sich selbst.

Die Sehnsucht nach der Wiederverzauberung der Welt, die stets hinter dem phantastischen Motiv steckt, wendet sich bei Scheuermann nicht ins Regressive, sondern überraschend nach vorn. Im Verhältnis zu ihrer älteren Schwester balanciert die identitätsbedürftige Ich-Erzählerin ständig auf dem schmalen Grat zwischen Abgrenzung und Zuwendung, Minderwertigkeitskomplex und Beschützerinstinkt. Bis sie sich am Ende, gegen ihren anfänglichen Widerwillen entschließt, auch dann zu Ines zu halten, wenn diese vielleicht nie von ihrer Sucht loskommt. Mit der wiedergefundenen Schwesternsolidarität schimmert ihr plötzlich wieder die "Vision eines guten Lebens, die wir ins uns trugen und immer wieder sahen" auf. Damit und der Hoffnung der Ich-Erzählerin auf Seelen, "in denen Zartheit und Geduld herrschte", wäre der Mensch dem Menschen nicht länger ein Wolf. Da sage noch einer, die jüngere Gegenwartsliteratur hätte keine Utopien mehr.

Silke Scheuermann: Reiche Mädchen. Erzählungen. Schöffling Frankfurt am Main 2005, 162 S., 17,90 E, Goldmann-TB 6, 95 EUR

Silke Scheuermann: Die Stunde zwischen Hund und Wolf. Schöffling Frankfurt am Main 2007, 173 S., 17,90 EUR


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00:00 02.02.2007

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