Die Wirtschaft brummt

Türkei Kinderarbeit nimmt drastisch zu und mit ihr die Zahl der Todesopfer. Eine investigative Recherche in Zusammenarbeit mit dem Büro Correctiv
Die Wirtschaft brummt
Frondienst in der türkischen Grenzregion zu Syrien

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Cetin Akdoğan war zehn Jahre alt, als er auf einer Farm im ländlichen Adana im Süden der Türkei in einen Bewässerungskanal stolperte. Der 13-jährige Bruder Türkan versuchte, den Kleinen zu retten, sprang hinterher und ertrank wie Çetin. Beide waren unterwegs zur Ernte auf dem Feld.

Kinderarbeit war in der Türkei noch nie etwas Ungewöhnliches. Wenn Haselnüsse aus der Türkei weltweit billig angeboten werden können, dann auch deshalb, weil diese Früchte überwiegend Kinder pflücken. Kaum beachtet wird, welche Risiken damit verbunden sind, wenn Minderjährige in der Türkei hart arbeiten müssen. Nach Recherchen des Centre for Investigative Journalism (CIJ), zu denen es in Zusammenarbeit mit den Autoren kam, ist der Tod von Çetin und Türkan Akdoğan kein Einzelfall. Kinder sterben, weil sie von Traktoren überfahren werden, in die Plastikpresse einer Chemiefabrik fallen oder beim Anstreichen eines Hauses vom Gerüst stürzen. 2014 kamen 60 Kinder allein in der Landwirtschaft ums Leben – sie wurden zur Arbeit geschickt, weil sie billig sind und sich nicht wehren können. Dreizehn- oder Vierzehnjährige müssen Aprikosen, Erdbeeren und Oliven pflücken, die unter anderem in deutsche Supermärkte geliefert werden, um Konsumenten mit preiswerter Ware zu versorgen.

Nur Unglücksfälle?

Die türkische Organisation für Arbeitssicherheit (ISI) und die Organisation für Kinderschutz Gündem Çocuk haben Daten zu 145 Kindern und Jugendlichen gesammelt, die allein seit Januar 2013 tödlich verunglückt sind. Niemand weiß freilich, wie hoch deren Zahl tatsächlich ist. Keine Behörde wird derartige Angaben offiziell bestätigen oder gar nach oben korrigieren. Damit würde die Dimension der Ausbeutung erkennbar, die es in einem Land gibt, das nach wie vor als EU-Beitrittskandidat firmiert. Türkische Minister reden bestenfalls von einigen Unglücksfällen, zu denen es bei der Arbeit von Kindern gekommen sei. Eine autorisierte Statistik kommt für die Regierung von Premierminister Ahmet Davutoğlu von der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) nicht in Betracht.

Jahrelang schien Kinderarbeit in der Türkei rückläufig zu sein, seit 2006 jedoch nimmt sie wieder zu. Man muss davon ausgehen, dass heute etwa 14.000 bis 15.000 Kinder regelmäßig arbeiten und das in allen Branchen: in der Metallverarbeitung, auf dem Bau, in Bergwerken und in der Landwirtschaft. Der Grund: Die AKP hat Gesetze erlassen, die es Unternehmern erleichtern, Kinder einzustellen.

Kinder wie die Schwestern Şifa (7) und Esma Bağcı (9), die in der Zentraltürkei von einem Wagen überfahren wurden, als sie am Rand eines Feldes in der Nähe von Konya etwas essen wollten. Auch sie mussten auf dem Acker arbeiten.

Das Correctiv-Recherchebüro wird mit Spenden und Zuwendungen von Stiftungen finanziert. Die Autoren haben diesen Artikel in monatelanger Arbeit recherchiert. Er wird in Deutschland, Großbritannien und der Türkei veröffentlicht. Eine interaktive Grafik finden Sie weiter unten im Text, mehr Infos unter correctiv.org

Iraz Öykü Soyalp arbeitet als Sozialwissenschaftlerin für UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, und weist darauf hin, vor allem unter 14-Jährige würden in inoffiziellen Todesstatistiken auftauchen. Sie seien nicht nur auf Bauernhöfen, sondern ebenso als Straßenhändler, Schuhputzer oder Aushilfen in Restaurants tätig. Überall dort, wo in der Türkei so gut wie keine Kontrollen existierten. „Wenn ein Kind stirbt, während es über die Straße von einem Feld zum anderen geht, dann wird dieser Tod nicht mit Kinderarbeit in Verbindung gebracht. Offiziell ist das Ganze nur ein tragischer Verkehrsunfall, wie er überall passieren kann. Mehr nicht. Niemand fragt, warum das Kind an dieser Stelle in ein Auto lief.“

Birol Aydemir leitet das Statistische Institut der Türkei. Er schätzt, dass Jahr für Jahr über eine Million Saisonarbeiter allein in die Landwirtschaft strömen. Davon seien jedoch gut 95 Prozent nirgendwo registriert. Man gehe davon aus, dass etwa 75 Prozent dieser Arbeitsnomaden weniger als den garantierten Mindestlohn verdienen. Was vermutlich auch für Jugendliche wie den 16-jährigen Bayram Yıldız galt, der auf einer Geflügelfarm an der türkischen Westküste in eine Rupfmaschine fiel und sich das Genick brach.

Dieser Fall ist nur ein Indiz dafür, dass jegliches Kontrollregime fehlt. Saisonarbeiter, unter ihnen die minderjährigen Arbeitssklaven, werden an die jeweiligen Betriebe über Makler vermittelt, die sich weder um eine Registratur jener Arbeitskräfte kümmern noch eine Meldung an die Nationale Arbeitsagentur abgeben, wie es das Gesetz vorschreibt.

Wer jünger als 18 ist, den schützt normalerweise die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 vor Ausbeutung und gefährlicher Arbeit. Nicht so in der Türkei. UNICEF-Mitarbeiterin Iraz Öykü Soyalp meint dazu lakonisch, im ländlichen Raum käme kein Makler auf die Idee, sich den wohlfeilen Transfer von billiger Arbeitsware entgehen zu lassen. Undenkbar, solange das Geschäft wie im Augenblick boomt.

Saftige Gewinne

Die Türkei exportiert nicht nur Haselnüsse, sondern auch Weintrauben, Erdbeeren und Auberginen in die Europäische Union, die wiederum Deutschland als zweitgrößten Abnehmer von türkischem Obst und Gemüse führt. Es geht um viel Geld, das deutsche Kunden in ihren Supermärkten gern einsparen, wenn sie auf dieses Angebot zurückgreifen. Nur ein Beispiel: In den Regionen Malatya und Elazığ werden Aprikosen für die Ausfuhr in EU-Staaten angebaut und geerntet – ein Markt mit saftigen Gewinnspannen. In Deutschland werden Aprikosen aus Malatya und Elazığ bevorzugt im Sortiment der Großhandelskette Metro gelistet, dem Billiganbieter für jeden Bedarf: in der Gastronomie, auf Großmärkten oder im Einzelhandel, wo es für deutsche Konsumenten nicht teuer sein soll.

In den Jahren 2013/14 starben vier junge Türken – Kader Yalçın (15), Oya Korkan (14), Yakup Kartal (14) und Nezir Akgül (15 ) – in Malatya und Elazığ bei der Aprikosenernte. Sie wurden vom Traktor überfahren, stürzten von der Sortiermaschine oder ertranken in einem See, in dem sie sich während einer Arbeitspause erfrischen wollten.

Auch wegen dieser Fälle wurde in Ankara vor Wochen eine Kommission gegründet, die nach Wegen suchen soll, Leben und Arbeitsumstände von Saisonarbeitern zu verbessern und hauptsächlich auf die Lage von Kindern und Jugendlichen zu achten. Nur was nutzt es, wenn das Thema Arbeitssicherheit nicht die Aufmerksamkeit findet, die es verdient, wenn Kinder betroffen sind? Wie Ahmet Yildiz, der nur 13 Jahre alt wurde, weil er an seinem Arbeitsplatz in der Stadt Adana in eine Plastikpresse fiel. Ahmet war bei einer Firma angestellt, die Plastikgeschirr und -besteck herstellt – Produkte, die man in der Türkei überall für einen Spottpreis kaufen kann.

Die Interaktive Karte dokumentiert die Opfer der Kinderarbeit

Im Vorjahr blockierte die AKP-Regierungspartei im Parlament eine Kommission, die nach den Ursachen für die vielen tödlichen Unfälle in Fabriken und Geschäften suchen sollte, von denen unter 14-Jährige betroffen waren. Die AKP stellte sich quer, weil ein solches Vorhaben ihren Bildungsmustern widersprochen hätte. 2012 hatte die konservativ-religiöse Partei per Gesetz das sogenannte 4+4+4-Programm durchgesetzt. Danach dürfen Schüler von ihrem 14. Lebensjahr an während einer zwölfjährigen Schulzeit auch einmal vier Wochen auf einer Baustelle oder in einer Fabrik oder zu einem vierwöchigen Praktikum eingesetzt werden, bevor sie wieder ins Klassenzimmer zurückkehren.

Leider ist der Arbeitsschutz für Kinder und Jugendliche in der Türkei nicht so konsequent und detailliert geregelt, dass er einem solchen Ausbildungsmodell gerecht würde. So kam vor einem Jahr der 17-jährige Oguzhan Çalışkan bei einem Praktikum innerhalb des 4+4+4-Programms ums Leben. Der Junge war Absolvent an der STFA, einer technischen Schule in Gebze am Marmarameer, und wurde zu einem einmonatigen Praktikum in eine Fabrik geschickt. Er sollte lernen, was ein Elektriker zu tun hat. Çalışkan starb im Juli 2014 an einem Stromschlag. Seine Mutter empörte sich, ihr Sohn sei als billige Arbeitskraft missbraucht worden, er habe stundenlang fast ohne Pause schuften müssen.

Immer wieder kommt es zu vergleichbaren Todesfällen beim 4+4+4-Programm. Kurz nach Çalışkans Tod, starb der 15-Jährige Enes Alkan, Schüler der Kurtköy-Schule in Istanbul, bei der Arbeit in einer Autowerkstatt. Ein Wagen verlor Benzin und stand plötzlich in Flammen – Enes verbrannte.

Arbeitsrechtler befürchten, dass bei der billigen Kinderarbeit, wie sie das 4+4+4-Programm ermöglicht, auch künftig erhebliche Risiken in Kauf genommen werden. Mehmet Onur Yilmaz von der Kinderschutzorganisation Gündem Çocuk ist der Meinung, dieses Programm begünstige nicht nur Kinderarbeit, sondern sei besonders für benachteiligte Jugendliche schädlich. Sie würden von Bildungsangeboten ausgeschlossen und früh auf eine handwerkliche Tätigkeit festgelegt. Ihnen würden Chancen genommen. Sie blieben ihr Leben lang an Jobs gefesselt, die ihnen wenig Geld einbrächten. Laufe es schlecht, könne ihnen fehlender Arbeitsschutz zum Verhängnis werden.

Das türkische Bildungsministerium bedachte eine Bitte um Stellungnahme mit Ignoranz.

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06:00 23.06.2015

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