Diese Praxis, Probleme zu verschweigen, sollten wir hinter uns lassen

Kuba, Dokument 1 „Er ist ein Mann, der zuhört“ - mit diesen Worten leitete die kubanische Webseite Cubarte im November 2007 ein Gespräch mit Eliades Acosta, dem Chef ...

„Er ist ein Mann, der zuhört“ - mit diesen Worten leitete die kubanische Webseite Cubarte im November 2007 ein Gespräch mit Eliades Acosta, dem Chef der Kulturabteilung im ZK der KP Kubas ein. Der 1959 geborene frühere Direktor der Nationalbibliothek José Martí habe das Amt, das nach 17 Jahren wieder eingerichtet wurde, „in einer Zeit der Konfrontationen, der Umbewertung von Mechanismen und des Publikmachens von Problemen“ übernommen, „die bis dahin zum Teil unter den Teppich gekehrt worden waren“. Dazu gehört auch Kritik an „übermäßiger Zensur“ - heute sucht man das Gespräch mit Acosta vergeblich auf den Seiten von Cubarte. Wir dokumentieren Passagen aus dem Interview.

Über die Herausforderungen in Kuba:

Wir befinden uns in einem Moment revolutionärer Veränderung. Das Land denkt seine Strukturen neu, die Partei selbst überdenkt ihr Verhältnis zur Gesellschaft um einen direkteren, einen wirksameren Dialog und eine breitere Beteiligung des Volkes an den Entscheidungen zu suchen. (...) Die Herausforderungen sind sehr groß, es gibt viele Probleme.

Es gibt eine neue Szenerie im Land, mit den ökonomischen Veränderung, den sozialen Veränderungen ist das kulturelle Niveau des kubanischen Volkes gestiegen, und es sind unerwünschte Ungleichheiten aufgetaucht, zum Beispiel in dem, was die Künstler und das Gesetz über Urheberrecht anbetrifft.

Außerdem wird gefordert, das Verhältnis zwischen den Kulturschaffenden und den Institutionen zu aktualisieren, neu zu definieren, wofür die Institutionen da sind, wie sie repräsentieren, wie sie etwas aufnehmen, wer darüber entscheidet, ob ein Werk gefördert wird oder nicht, welche Befugnisse eine Institution hat, die Rechte und Pflichten gegenüber den Kulturschaffenden, und welches wiederum die Rechte und Pflichten dieser gegenüber den Institutionen sind, wie die Künstler und Intellektuellen eine aktivere Beteiligung an Entscheidungen haben können. Wie sind Funktionäre in ihrer Arbeit zur Verantwortung zu ziehen? Wie werden Beschwerden, Meinungen, Empfehlungen betreut, wer tut dies und wann?

Es ist wichtig, dass alle Berücksichtigung finden, unabhängig davon, ob es sich um einen Künstler aus der ersten Reihe handelt oder eine Frau an der Rezeption einer Bibliothek. Alle haben Rechte, die Verfassung schützt uns, die Revolution wurde gemacht, damit das Volk Rechte bekommt und diese ausübt. Und die Funktionäre sind verpflichtet, zu betreuen und zu respektieren, weiterzuleiten und im Rahmen des Möglichen auftretende Probleme zu lösen.


Über „Armut der Kritik“, Zensur und Pressefreiheit:

Es gibt den Missbrauch von institutionellen Praktiken, um die Kritik zu begrenzen. Wir können nicht übersehen, dass es aus vielerlei Gründen und über lang Zeit gestört hat, etwas infrage zu stellen. Der Feind nutzt, das ist sicher, unsere Fehler und unsere Kritik. (...) Er nutzt aber auch all die weißen Flecken, die wir zulassen. Kritik kann helfen, unsere Probleme zu lösen, Schweigen löst gar nichts. Vor die Wahl gestellt, wählen wir die Kritik. Diese Praxis, Probleme zu verschweigen, sollten wir hinter uns lassen. Dahinter stecken ja auch nicht immer die gute Absicht, der Revolution zu helfen, sondern auch das Interesse, Ämter und Positionen zu sichern, sowie angepasste und das ethische Klima einer Gesellschaft schädigende Haltungen.

Nicht immer war Kritik gestattet, man hat sie weder verstanden noch dazu ermutigt. Das strahlt auf die Haltung derer aus, die durch ihre Arbeit verpflichtet sind, sie auszuüben. Es handelt sich dabei freilich nicht um die Aufgabe eines Gremiums, Kritik ist eine wesentliche Eigenschaft des Menschen.

Es entstand eine Art Selbstzensur: „Ich werde mir Probleme schaffen, wenn ich ein heikles Thema angehe. Um keine Probleme zu bekommen, werde ich in der Mitte mitschwimmen.“ So entsteht ein sehr gefährliches Vakuum und obwohl die Gesellschaft ökonomisch wächst, verringert sich in einem solchen Klima die Moral. Schweigen ist für eine Gesellschaft fatal, das Vergessen, die Selbstzensur oder die übermäßige Zensur – es gibt sie in allen Klassengesellschaften. Wo es Staat gibt, gibt es Zensur.

Raúl (Castro) selbst, der an der Spitze der Partei und des Staates steht, hat mit all seiner moralischen Autorität dem Volk gesagt, dass jetzt der Moment sei, offen unsere Probleme zu diskutieren. Es gibt außerdem ein Dokument des Politbüros, das die Kritik in den Medien unterstützt. Aber was haben wir gefunden? Es gibt Befürchtungen, es gibt Trägheit, es gibt Leute, die nicht darauf vorbereitet sind, denn es sind viele Jahre vergangen und es kostet sie Mühe, die psychologische Barriere zu überwinden. Aber wenn wir die Presse lesen und wenn wir jene große nicht-institutionelle Presse lesen, die der Emails - eine Erfindung, die gekommen ist und die bleiben wird - dann sehen wir, dass die Leute sich engagieren. Da bemerkt man eine sehr begrüßenswerte Aktivierung des Bürgersinns der Kubaner.

Über Sehnsüchte in der kubanischen Gesellschaft:

Ich erinnere mich an einen Satz von Marx, den Lenin später aufnahm, einen zutiefst revolutionären und dialektischen Satz, der besagt, „jeder Widerspruch trägt in seinem Schoß seine Lösung“. Jules Verne hat es anders gesagt: „Alles was ein Mensch sich erträumen kann, verwandelt ein anderer in Wirklichkeit.“ Die Sehnsüchte der kubanischen Gesellschaft, die sich in den Diskussionen auf der Straße, in den Familien, in den Parteigruppen ausdrücken, sind möglich und nötig. Es sind Sehnsüchte nach materiellem Wohlstand, danach, dass man sich und seine Familie mit dem ehrlichen Lohn seiner Arbeit unterhalten kann. Es ist das Streben nach persönlicher und sozialer Entwicklung, nach einem größeren Zugang zum Wissen, nach einem vollen Leben (más plena) auf der Basis von revolutionären Prinzipien. Alles wirkt hin auf eine effizientere Gesellschaft mit mehr Beteiligung, die den Unterschied anerkennt und respektiert, die sich nicht auflöst und sich nicht in den Dienst einer ausländischen Macht stellt.

Über Ziele:

Wir streben eine Gesellschaft an, die deutlich über ihre Probleme spricht, ohne Angst, in der die Medien das Leben ohne übertriebenen Optimismus widerspiegeln, in der Fehler öffentlich ventiliert werden, um nach Lösungen zu suchen, in der die Leute sich ehrlich äußern können, wo die Wirtschaft funktioniert, wo Dienstleistungen funktionieren, wo die Kubaner – auf Grund von Maßnahmen, die zur Zeit ihrer Einführung unumgänglich waren, die aber heute obsolet und unhaltbar sind – sich nicht als Bürger zweiter Klasse in ihrem eigenen Land fühlen, wo es hochwertige kulturelle Produkte gibt, wo wir auf selbstverständliche Art mit der Welt kommunizieren und das Wesentliche unserer Identität und die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen wissen.

Das ist nicht die Aufgabe eines Einzelnen, nicht die eines Genies. Das kubanische Volk, die Partei, die führende Kraft der Gesellschaft, wir, die Revolutionäre – wir alle sind verpflichtet, es zu tun. Und wir können es! Die Chinesen sagen „die längste Reise beginnt mit einem Schritt“.

Die ganze Gesellschaft befindet sich in einem Moment, in dem ein Sprung in ein anderes Niveau erforderlich ist. Es ist ein Moment des Umbruchs und der revolutionären Veränderung, der dialektisch ist. Die Welt wird nicht untergehen, weil es viele Beschwerden gibt. Es gibt eine Art von Unbehagen, das vorübergehend ist, bis die Formen, die uns gefangen halten, brechen und wir eine neue Form finden, die unserem aktuellen Zustand entspricht.

Es gibt viele Probleme, materielle, Gehaltsfragen, Rechtsfragen, die wie rote Lampen sind und uns auf notwendige Veränderungen hinweisen. Man muss nicht ärgerlich werden, es geht nicht darum, irgendjemandes Arbeit in Frage zu stellen. Wir negieren weder, woher wir kommen, noch die grundlegenden Beiträge anderer. Wir hören nicht auf die Leistung derer anzuerkennen, die sich besonders in der „Spezialperiode“ aufgeopfert haben, um die sozialen Errungenschaften zu erhalten.

Man muss sich viel umhören, um diese Politik zu aktualisieren. Der erste Schritt für eine ehrliche Entscheidung, die andere Menschen betrifft, ist zuhören zu können und bescheiden zu sein. Wenn man von dieser Prämisse ausgeht, tragen die Leute dazu bei, nehmen teil, und die Fehler müssen geringer werden.

Über Kubas Kulturszene:

Wir wissen, dass die kubanische Kultur eine Kultur des Denkens ist; es gibt eine Reihe von Persönlichkeiten, die diese Behauptung unterschreiben, aber außerdem – da wir ein karibisches Land sind – ist der Tanz zutiefst in unserer Identität verwurzelt. Welche Optionen gibt es in dieser Hinsicht für den durchschnittlichen Kubaner, der keinen Zugang zu Dollars hat?

Alles was man gemacht hat, ist ungenügend, erfordert, es neu zu durchdenken. Ich habe zum Beispiel an der Einweihung von Casinotecas in sehr einfachen Wohngegenden Havannas teilgenommen, und ich habe gesehen, mit welcher Freude die Leute diese Einrichtungen aufgenommen haben. Während das geschieht, siechen die Karnevals vor sich hin. Noch hat man keine regulären Räume beschaffen können, systematisch, aber es gibt einen Plan und ein Programm. Der Rock zum Beispiel hat sein Publikum, man muss das respektieren, es ist Teil der nationalen Identität und der Rock braucht seine Räume.

Dann ist da das Thema der Tanzbars, die kann man nicht auf das Jahresende und die nationalen Festtage begrenzen. All das erfordert Mittel. Wir sollten uns an die Anspannung erinnern, die das Land erlebt hat und jetzt ist der Preis für ein Barrel Öl bei fast 100 Dollar, und dazu kommen die Schäden durch Klimaereignisse.

Auf jeden Fall fehlt uns der systematische Blick auf das Gesamte. Die Lösungen sind partiell gewesen: Das gehört zur Kultur, das zur Gastronomie, das zur Bildung. Und wir haben die Probleme auf sehr traditionelle Weise gesehen, wir haben nicht das kollektive Denken potenziert, um voranzukommen. Wenn man zum Beispiel nach Granma fährt und sieht, was in Bayamo gemacht wird, dann staunt man darüber, dass es in einer Provinz mit relativ bescheidenen Mitteln ein so ermutigendes Panorama gibt, mit neuen kulturellen und gastronomischen Einrichtungen – und die meisten davon in nationaler Währung -, mit einem kultivierten Umfeld, das entsteht, mit dem kürzlich eingeweihten Guiñol (einem der besten Puppentheater in Kuba), und dem gerade eröffneten Theater. Warum erreicht man so etwas dort und an anderen Orten nicht?

Übersetzung: PAULA FIGUEROA

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