Dieser Kriminalfall muss neu aufgerollt werden

Michael Jäger Eine Polemik gegen Christian Gamperts "Machtkartell"

Dass linke Menschen die Religion hassen, ist sprichwörtlich, auch wenn es Ausnahmen gibt. Wie gefährlich das aber ist, illustriert der Text von Gampert. Ich weiß nicht, ob Sätze wie: "In arabischen Ländern schätzt man Adolf Hitler und die Chemikalie Zyklon B sehr" auch ohne diesen Hass möglich geworden wären. Ist Gampert eigentlich klar, dass solche blindwütigen Pauschalurteile in diesen Tagen, Wochen und Monaten als vorauseilende Verharmlosung der Todesopfer in der Zivilbevölkerung funktionieren können, die bei amerikanischen Militäraktionen möglicherweise anfallen - Kollateralschäden, die der amerikanische Verteidigungsminister praktisch schon angekündigt hat? Und hat er nicht bemerkt, dass selbst das Fernsehmagazin Panorama die "Freudentänze palästinensischer Männer, Frauen und Kinder" für gestellt hält? "Ich glaube, dass ihre Freude echt war" - wenn das die "kapitalistische Ratio (immerhin Ratio)" sein soll, auf die er sich beruft oder in deren Schoß er zurückkehren will, dann gnade uns Gott.

Rationalität ist in der Tat das einzige, was jetzt noch helfen kann. Zu ihr gehört, dass man nicht aus Wut Dinge behauptet, über die man nichts weiß, besonders wenn das tödliche Folgen haben kann. Was Journalisten in Kriegszeiten schreiben, kann tödliche Folgen haben: siehe Karl Kraus, der eine Tragödie um den schwachsinnigen Journalisten-Satz "Serbien muss sterbien" herum geschrieben hat. Also, bitte: Seien wir tatsächlich rational und behaupten nicht einfach, dass das Judentum "mit eher utopisch-philosophischen Heilserwartungen arbeitet", während im Koran "der Selbstmordattentäter die ihm genehmen Passagen findet". Wer diese Gegenüberstellung ernst nähme und ihr nachginge, müsste nachgerade zum Antisemiten werden, denn er würde ja mit dem Koran die hebräische Bibel vergleichen; er würde feststellen, dass Teile letzterer davon handeln, wie ganze Städte mit allem, was in ihnen ist, zur Ehre Gottes dem Untergang geweiht werden. Er würde lesen, dass der erste israelische König Saul die Huld Gottes deshalb verlor, weil er bei einer ihm anbefohlenen Ausrottung eigenmächtig etwas übriggelassen hatte. Und er könnte anschließend den Koran "an irgendeiner beliebigen Stelle aufschlagen", wie Gampert so schön flott schreibt, ohne etwas zu finden, was dem auch nur annähernd gleichkäme.

Historisch denken

Aber die hebräischen Texte sind fast dreitausend Jahre alt. Heute finden wir in der Tat "utopisch-philosophische Heilserwartungen". Und was auch wichtig ist: Heute denkt, spricht und schreibt man anders als damals. Wer sich dieser historischen Differenz bewusst ist, wird alte Texte nicht so lesen, als ob es moderne wären. Die hebräische Bibel bringt ihre Botschaft vielfach in metaphorischer Redeweise vor. Die Geschichte der israelischen Eroberung Kanaans als des gelobten Landes durch Untergangsweihe der einheimischen Bevölkerung ist keinem heutigen Historiker bekannt. Der Historiker weiß aber, dass die aus dem babylonischen Exil zurückkehrenden Juden es sich auferlegten, nur untereinander zu heiraten, weil sie sich als das eine auserwählte Volk des einen Gottes bewahren wollten. Der Historiker wird annehmen, dass diese strikte Trennung von anderen ansässigen Völkern - eine Trennung aus gutem Grund: die anderen Völker opferten ihr erstes Kind, die Juden waren diejenigen, die mit dieser Sitte brachen - in Gestalt jener Geschichte auf eine frühere Zeit vorverlegt und entsprechend den Bedingungen eines Ursprungsmythos dramatisiert worden ist. Juden, die heute "philosophisch das Heil erwarten", werden sich der früheren Texte ihrer Bibel nicht schämen und haben auch keinen Grund dazu. Westliche Demokratie und kapitalistische Ratio, das gab es nun mal vor dreitausend Jahre noch nicht; als Ausgangspunkt einer Entwicklung zu ihnen hin stand etwas anderes als jene Texte nicht zur Verfügung.

Zur Rationalität gehört, dass man historisch denkt. Was glaubt Gampert eigentlich, wo die Werte herkommen, auf die er sich beruft? Sind sie vom Himmel gefallen? Weiß er nicht, dass die westliche Demokratie und Rationalität eine letzte Konsequenz gerade der jüdischen und dann christlichen Religionsgeschichte ist? Er kann das ja bestreiten - aber ohne Argumente gegen alle, die darüber geforscht haben? Es handelt sich um eine letzte Konsequenz des jüdisch-christlichen Ansatzes mit ihrer Leitannahme, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, und freilich auch des Ansatzes der griechischen Antike, der es aber allein nicht gebracht hätte. Denn die athenische Polis war ja eine Sklavenhaltergesellschaft. Und dort wurde der Krieg als Normalzustand, der Frieden als Ausnahme angesehen, was sich sogar in der Etymologie des griechischen Wortes für Frieden, Irene, spiegelt. Die Vision einer friedlichen Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung ist in unseren geographischen Breiten zuerst von großen jüdischen und dann christlichen Religionsführern auf die Tagesordnung gesetzt worden; alle, die nach Jahrhunderten endlich auch pazifistisch oder wenigstens "besonnen" wurden, sind ihnen, niemand anderem als ihnen gefolgt.

Gampert charakterisiert das heutige Israel durch heutige "utopisch-philosophische Heilserwartungen". Warum räumt er der heutigen islamischen Welt nicht dasselbe Recht ein, sie durch verbreitete "philosophische" Haltungen von heute zu charakterisieren? Oder wenigstens, wenn das mit seiner Wut nicht zu vereinbaren ist, durch frühere philosophische Haltungen? Hat er schon einmal davon gehört, dass die westeuropäische Philosophie als Fortbildung der arabisch-islamischen Philosophie - Al-Kindi, Avicenna, Averroes - entstanden ist? Stattdessen legt er das Denken von zig Millionen Muslimen auf den Koran, das anderthalbtausend Jahre alte heilige Buch fest und macht sich die Art und Weise zu eigen, in der eine terroristische Minderheit es liest. Das ist nicht rational. Das ist unredlich.

Den Koran lesen

Im übrigen verdient selbst ein so altes Buch keine Verleumdung. Schlagen wir es einmal wirklich auf: nicht "an irgendeiner beliebigen Stelle", sondern da, wo sich angeblich die Selbstmord-Attentäter bestätigt fühlen können. Sure 4, 77: "Hast du nicht jene gesehen, zu denen man (anfänglich) sagte: ›Haltet eure Hände (vom Kampf) zurück und verrichtet das Gebet und gebt die Almosensteuer‹? Als ihnen dann (später) vorgeschrieben wurde, zu kämpfen, fürchtete auf einmal ein Teil von ihnen die Menschen, wie man Gott fürchtet, oder (gar) noch mehr. Und sie sagten: ›Herr! Warum hast du uns vorgeschrieben, zu kämpfen? Würdest du uns doch (wenigstens) für eine kurze Frist Aufschub gewähren!‹ Sag: Die Nutznießung des Diesseits ist kurz bemessen. Und das Jenseits ist für die, die gottesfürchtig sind, besser. Und euch wird (dereinst bei der Abrechnung) nicht ein Fädchen Unrecht getan."

So nach der bestbeleumdeten Übersetzung von Rudi Paret, der im Kommentar noch unterstreicht: "Der Ausdruck kuffu aidiyakum kann nach Maßgabe des koranischen Sprachgebrauchs kaum anders verstanden werden, als dass den Gläubigen zuerst befohlen wurde, sich vom Kampf (gegen die Ungläubigen) zurückzuhalten, beziehungsweise sich überhaupt nicht darauf einzulassen. Die Vorschrift, auch zu kämpfen, erfolgte erst zu einem späteren Zeitpunkt." Warum dieser Wandel? Weil Mohammed wollte, dass seine Gemeinde sich verteidige. Denn anders als Jesus hat Mohammed nicht nur religiöser, sondern auch politischer Führer sein wollen. Wenn er im Koran von kriegerischen Handlungen spricht, dann in diesem Zusammenhang der Abwehr gegen den Versuch der Patrizier von Mekka, den neuen Religionsansatz gleich wieder zu zerstören.

Deshalb lesen wir Sure 2, 190: "Und kämpft um Gottes willen gegen die, die gegen euch kämpfen! Aber begeht keine Übertretung (indem ihr den Kampf auf unrechtmäßige Weise führt)! Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen." Drei Verse weiter heißt es: "Der heilige Monat (diene zur Vergeltung) für den heiligen Monat! Auch die sacra fallen unter (das Gesetz der) Wiedervergeltung. Wenn nun einer gegen euch Übergriffe begeht (indem er den Landfrieden bricht?), dann zahlt ihnen mit gleicher Münze heim!" Paret kommentiert: "Mohammed geht hier allem Anschein nach von der Voraussetzung aus, dass die Gegenpartei den heiligen Frieden gebrochen hat, und nimmt nun unter dem Gedanken der Wiedervergeltung dasselbe Recht für sich und die Seinen in Anspruch."

"Dschihad" richtig übersetzen

Eine Lehre, die "nicht friedlich zu nennen ist", wie Gampert schreibt? Sie wird noch dieser Tage von so vielen Journalisten und Politikern des Westens vertreten. Solchen sogar, die sich auf das Christentum berufen. Wo sind wir denn? Präsident Bush ruft nach Vergeltung, und seine Legitimation bestünde laut Gampert darin, dass schon Mohammed nach Vergeltung gerufen hat? Diese Abwägung zwischen Bush und Mohammed, die ich hier ins Feld führen muss, ist in christlicher Perspektive schauderhaft genug. Aber man verschließe dennoch nicht die Augen vor Mohammeds Zusatz: "Und begeht keine Übertretung!" - selbst beim Vergelten nicht.

"Die Texte aber sind stets widersprüchlich", behauptet Gampert, was ihn nicht hindert, sie ganz eindeutig aggressiv zu finden. Wo ist denn die Unklarheit der zitierten Passagen? Zweideutig ist allenfalls der Satz, das Jenseits sei für die, die gottesfürchtig sind, besser. Besser als das Diesseits oder besser als für die, die nicht gottesfürchtig sind? Wenn man den Satz nicht aus dem Zusammenhang reißt, muss man für das Zweite optieren. Der Koran wiederholt ermüdend oft, dass es den Guten im Jenseits gut, den Bösen böse ergehe. Ganz eindeutig aber orientiert Mohammed nicht darauf, den Tod höher zu schätzen als das Leben, denn es ist ja die Gottesfürchtigkeit, die man schätzen soll und doch wohl nur im Leben erweisen kann.

Besteht das islamische gottesfürchtige Leben darin, dass der heilige Krieg geführt wird? Hat daher ein "islamischer Selbstmörder" in höherem Grad als ein christlicher oder einer, der auf die kapitalistische Ratio schwört, die Eigenschaft, dass ihm "sein Leben nichts gilt"? Schon aus den zwei Stellen, die ich zitiert habe, geht hervor, dass das nicht der Fall sein kann. Denn gottesfürchtig ist es erst einmal, zu beten und Almosen zu geben. Dem entspricht es, dass Allah überall im Koran als der Barmherzige dargestellt wird. Dass die Barmherzigkeit verteidigt wird, ist das Heilige am heiligen Krieg, nicht der Krieg als solcher. Es ist also doch gar keine besondere Lehre, die nun speziell dem Islam vorgeworfen werden dürfte. Die Islamwissenschaftler haben recht, wenn sie sagen: Der "Dschihad" ist ein Kampf, der nicht etwa bloß im Kriegführen besteht, wenn er auch das - wohlgemerkt: rechtmäßige! - Kriegführen nicht ausschließt.

Unter den großen Gründern von Hochreligionen ist Mohammed der einzige, der auch als Staatsmann handelte. Die anderen hatten dazu gar keine Gelegenheit. Wie hätte Jesus zum Krieg gegen Rom aufrufen können? Sein Volk hat diesen Krieg ja gewagt, die Folge war, dass Israel als Staat ausgelöscht wurde. Jesus hielt sich stattdessen an die Tradition der großen jüdischen Propheten, die alle davon abgeraten hatten, sich gegen die zeitgenössischen Supermächte - Babylon, Assur - militärisch aufzulehnen. Sie setzten dagegen die Perspektive, diese Mächte würden später einmal die jüdische Religion annehmen und dann im Frieden mit Israel zusammenleben. So dachte auch Jesus. Mohammed war aber in einer ganz anderen Situation. In seinem Bereich gab es keine Supermacht. Deshalb verfiel er - nicht von Anfang an, wie wir gesehen haben - darauf, alle Staatsfunktionen in eigene Regie zu übernehmen. Die Gesellschaft, die von seinen Nachfolgern geschaffen wurde, war bekanntlich viel weniger aggressiv als die sich christlich nennende Gesellschaft. Islamische Eroberer zwangen nie den Eroberten ihren Glauben auf, wie Karl der Große es den Sachsen in einem grausamen vierzigjährigen Krieg antat. Juden zum Beispiel konnten unter islamischen Herrschern gut leben. Aber als diese aus Spanien vertrieben wurden, mussten sie mitfliehen.

Gläubige und Soldaten

Es ist schon seltsam, dass die Aggressivität mancher Muslime immer wieder aus ihrer Religion abgeleitet wird. Da werden Leute, die man für vernünftig, vielleicht sogar für materialistisch gehalten hat, auf einmal zu "Geisteswissenschaftlern". Ohne Soziologie kommt man hier aber nicht weiter. Die islamische wie die christliche Welt stehen in einer Spannung von Religion und Staatlichkeit. Aggressivität pflegt auf der Basis von Staaten zu gedeihen - Friedrich Engels hat sie, sicher viel zu einseitig, als "Formationen bewaffneter Menschen" bezeichnet -, egal ob sie in islamischen, christlichen oder auch atheistischen Gesellschaften wirken. Religionen setzen hiergegen immer einen Kontrapunkt. Wir haben gesehen, dass auch der Islam keine Ausnahme macht. Gleichzeitig kommt es immer zur Vermischung der beiden Sphären, mindestens im einzelnen Menschen, der religiös und zugleich Soldat ist. Dies ist sogar in der christlichen Welt, in der die Sphären strikt getrennt sind, der Fall. Übrigens war es am Anfang die Kirche, die diese Trennung durchgesetzt hat, und nicht etwa der Staat. Der hat noch im Mittelalter versucht, an einer Art christlich geläutertem Gottkönigtum festzuhalten.

Entsprechende Phänomene in der islamischen Welt muss man ebenso als Vermischung analysieren, selbst wenn die Sphären dort viel weniger getrennt sind. Islamische Terroristen zum Beispiel sind nun einmal als Soldaten, also als Staatsakteure tätig und nicht einfach als überspannte Gläubige. Es müsste Gampert doch in die Augen springen, dass die Tätigkeit eines Feldsoldaten, egal auf welche Konfession er schwört, derjenigen eines Selbstmörders immer recht ähnlich gewesen ist. Ist es nicht eine groteske Verschiebung, dies zu übersehen und lieber in der Religion, sei es auch der islamischen, die Quelle aufdecken zu wollen, die das arme Kanonenfutter in den Tod leitet? Ich möchte dennoch nicht sagen, dass es klüger gewesen wäre, wenn Gampert geschwiegen hätte. Nein, man muss ihm dankbar sein für diese Zurschaustellung einer Leiche im Keller der Linken. Da wird noch viel Ermittlungsarbeit zu leisten sein, die letztlich zurückführt auf den Satz von Karl Marx: "Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt." Spätestens seit dem 11. September ist klar: Dieser Kriminalfall muss neu aufgerollt werden.

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00:00 05.10.2001

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